29. Mai 2017
Themen

„Meist bereuen wir, etwas nicht getan zu haben“

Entscheidungen werden im Laufe des Lebens manchmal angezweifelt – Gefühle annehmen und nach Lösungen suchen

In der Lebensmitte oder auch beim Eintritt ins Rentenalter ziehen viele Menschen eine Zwischenbilanz: Was habe ich bisher erreicht? Bin ich mit meinem Leben zufrieden? Antworten auf diese Fragen fallen nicht immer zur Zufriedenheit aus. Das ist völlig normal. Selbstzweifel gehören dazu. Es kommt nur darauf an, richtig damit umzugehen. 

Wie das Leben so spielt: Bilanz zu ziehen, gehört für die meisten älteren Menschen dazu. | © imago/blickwinkel

Warum habe ich vor 30 Jahren das Jobangebot nicht angenommen? Warum bin ich nicht umgezogen? Warum habe ich meiner Jugendliebe einen Korb gegeben? Das sind Fragen, die sich stellen können, wenn bestimmte Entscheidungen schon vor vielen Jahren oder Jahrzehnten getroffen wurden und dem Leben eine bestimmte Richtung gegeben haben. Mit 20 oder 30 Jahren haben wir unsere Gründe gehabt, uns genauso und nicht anders zu entscheiden. Mit 50 oder 60 Jahren kommen wir plötzlich ins Grübeln und überlegen, ob diese Entscheidungen richtig waren. Das kann manchmal ganz schön zermürbend sein. Doch wir können nach so langer Zeit nicht wissen, wie unser Leben tatsächlich verlaufen wäre, wenn wir uns damals anders entschieden hätten.

„Wenn ich vor 20 oder 30 Jahren zu einer Sache eindeutig Ja oder Nein gesagt habe, hat das zu dieser Zeit auch seine Berechtigung gehabt. Menschen entwickeln sich weiter und bewerten einmal getroffene Entscheidungen nachträglich manchmal anders“, so Ute Kunzmann, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Leipzig.
Doch warum hadern wir mit früheren Entscheidungen? Auslöser hierfür kann es viele geben. „Gerade wenn wir älter werden, ziehen wir Bilanz und zweifeln womöglich vieles in unserem bisherigen Leben an“, erklärt die Wissenschaftlerin. Das sei generell nicht negativ, weil wir über die eigene Situation nachdenken, sie analysieren und nach Lösungen suchen.

„Ältere sind besser gerüstet als Jüngere, wenn es darum geht, negative Gefühle zu verarbeiten“, so Prof. Kunzmann. Das habe etwas mit Erfahrungen und Lösungsstrategien zu tun, die im Laufe des Lebens erarbeitet und angewendet werden. Diese Lebensweisheit sei eine gute Grundlage dafür, angeblich verpasste Lebenschancen besser einordnen zu können. Doch auch im fortgeschrittenen Alter müsse nicht jeder Lebenstraum, der bisher nicht verwirklicht wurde, begraben werden. Ein Beispiel: Wenn ein 60-Jähriger bereut, sich als junger Mensch gegen ein Studium entschieden zu haben, kann er das auch mit einem Seniorenstudium nachholen. „Meist bereuen wir, etwas nicht getan zu haben“, so die Leipziger Wissenschaftlerin.

Manchmal gehe es aber auch darum, sich mit Dingen abzufinden. Wer sich als junge Frau gegen Kinder entschieden hat, könne das im Alter eben nicht mehr nachholen. Es gebe jedoch immer Möglichkeiten, die eigene Zufriedenheit nicht darunter leiden zu lassen. So könnten sich ältere Frauen ehrenamtlich für Kinder engagieren.

Generell gilt: Reue kostet Lebenszeit und -energie. „Die negativen Gefühle lösen emotionalen Stress aus, der das Immunsystem schwächen kann“, so Prof. Kunzmann. Daher sei es wichtig, den Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlentscheidungen zu lernen. Eine Strategie könne sein, sich mit Menschen zu vergleichen, die in einer ähnlichen Situation sind. Des Weiteren sollte die Konzentration darauf gerichtet sein, was wir konkret an der Situation ändern können und was wir schon erreicht haben. Es kann zum Beispiel helfen, positive Gefühle am Ende des Tages aufzuschreiben. Ein zu hoher Anspruch an sich selbst und das Bestreben, immer das Beste haben zu müssen, könne hinderlich sein.

Fazit: Für alles, was wir tun, machen wir etwas anderes eben nicht. Wer sich für etwas entschieden hat, sollte auch dazu stehen und sich nicht zu sehr mit Selbstzweifeln plagen oder scheinbar verpassten Möglichkeiten nachtrauern. Denn all das lenkt von der Zufriedenheit ab, die wir eigentlich nach einer getroffenen Entscheidung empfinden könnten. 

Umfrage: Entscheidungen und Chancen

Wenn ich Bilanz ziehe ...


Ines Klut

Schlagworte Midlife-Crisis | Lebensbilanz | Chancen | Reue | Entscheidungen | Lebensmitte | Altern

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