29. Juni 2022
BEHINDERUNG

Neue Funktionen für einfachere Bedienung

Menschen mit Behinderung sollen Smartphones, Tablets und Computer besser nutzen können

Die großen Technologieunternehmen Google und Apple haben neue Funktionen für Smartphones, Tablets und Computer entwickelt, damit Menschen mit Behinderung ihre Geräte und Betriebssysteme besser nutzen und bedienen können.

Ein blinder Mann hält sein Smartphone in den Händen, hört konzentriert zu
© IMAGO / Addictive Stock

So können beispielsweise blinde und sehbehinderte Menschen künftig ihr iPhone und iPad nutzen, um mit der „Türerkennung“ die letzten Meter ihres Zielorts näher zu erkunden. Die innovative Navigationsfunktion hilft dabei, eine Tür zu finden und die Entfernung zu ihr besser einzuschätzen. Sie kann den Zustand der Tür beschreiben – auch, ob sie offen oder geschlossen ist, und ob die Tür durch Drücken, Drehen eines Knopfes oder Ziehen an einem Griff geöffnet werden kann. Die „Türerkennung“ erfasst zudem Zeichen und Symbole rund um die Tür, beispielsweise die Zimmernummer eines Büros oder das Symbol für einen barrierefreien Eingang. Die Funktion wird in einem neuen Erkennungsmodus innerhalb der Lupe verfügbar sein – Apples inte­grierter App zur Unterstützung blinder und sehbehinderter Menschen.

Nutzerinnen und Nutzer mit körperlichen und motorischen Einschränkungen, die auf Hilfsfunktionen wie Sprach- und Schaltersteuerung angewiesen sind, können die Apple Watch vollständig von ihrem gekoppelten iPhone aus steuern, und zwar mithilfe der Funktion „Apple Watch Mirroring“. Außerdem lässt sich auch die Uhr selbst mit einfachen Handgesten besser bedienen. Durch zweifaches Zusammendrücken der Finger kann man einen Anruf annehmen oder beenden, eine Benachrichtigung abweisen, ein Foto aufnehmen, Inhalte über die „Jetzt abspielen“-­App bedienen sowie eine Trainingseinheit starten, pausieren oder fortsetzen.

Sprache wird zu Text

Menschen mit einer Hörbehinderung können Audio­inhalten mithilfe der Funktion „Live Untertitel“ auf iPhone, iPad und Mac demnächst leichter folgen. Die Unter­titel können vielseitig eingesetzt werden, etwa bei Telefonaten oder Face­Time-Anrufen, Videokonferenzen, bei der Nutzung von Social-­Media-Apps, beim Streamen von Medieninhalten oder auch bei einer normalen Unterhaltung. Man kann zudem die Schriftgröße anpassen, um das Lesen zu erleichtern.

VdK-Präsidentin Verena Bentele steht am Schreibtisch, arbeitet mit ihrem Notebook
VdK-Präsidentin Verena Bentele ist von Geburt an blind. Sie nutzt für ihre Arbeit und im Alltag digitale Technologien. | © VdK/Marlene Gawrisch

Apple erweitert außerdem den Bildschirm­leser „VoiceOver“ um mehr als 20 neue Sprachen und Dialekte, die auch für die Eingabehilfen „Auswahl sprechen“ und „Bildschirminhalt sprechen“ verfügbar sein werden.
Laut dem Unternehmen werden diese und weitere Funktionen im Laufe dieses Jahres mit Software-­Updates für alle Plattformen von Apple verfügbar sein.

Auch Google stellt seinen Nutzerinnen und Nutzern ähnliche Funktionen zur Verfügung und hat auf der Entwicklermesse „Google I/O“ weitere Verbesserungen für bestimmte An­droid-Apps angekündigt. So soll es bald eine neue Version der Anwendung „Look­out“ geben. Damit können sich blinde und sehbehinderte Menschen Fotoinhalte beschreiben lassen – auch von Bildern aus Nachrichten und sozialen Netzwerken. Sogar auf dem Foto erkennbare Texte kann das Programm vorlesen.

Die App „Live Transcribe“, die gesprochene Sprache für Menschen mit Hörbehinderung in Schrift umwandelt sowie Alltagsgeräusche wie Türklingeln erkennt, wurde ebenfalls verbessert.

Offene Baustellen

Am Welttag der Barrierefreiheit, der in diesem Jahr auf den 19. Mai fiel, wiesen Expertinnen und Experten jedoch darauf hin, dass manche Haushaltsgeräte von Menschen mit Behinderung immer schlechter zu bedienen seien. Die Hersteller würden beispielsweise Schalter und Drehknöpfe durch nicht barrierefreie Touchbildschirme ersetzen. Zwar ließen sich solche Geräte zuweilen mittels Smartphone-App auch von Menschen mit Behinderung bedienen, allerdings nur dann, wenn die Programme auch barrierefrei gestaltet seien.

Und das sei eben nicht immer der Fall. Gerade Geräte von deutschen Herstellern wiesen diesbezüglich teilweise noch erheblichen Nachholbedarf auf. Hauptgrund dafür ist, dass – während in den USA Barrierefreiheit in vielen Fällen gesetzlich vorgeschrieben ist – hierzulande in dieser Sache noch unzählige Baustellen offen sind. Der Sozialverband VdK fordert schon lange, private Wirtschaftsakteure zur Herstellung von Barrierefreiheit in die Pflicht zu nehmen.

Mirko Besch

Schlagworte Technik | Behinderung | Apps | Smartphone | Barrierefreiheit

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