29. August 2019
BEHINDERUNG

Mit dem Rolli in den Urlaub fliegen

Was Rollstuhlfahrer bei einer Flugreise beachten sollten – beim Umstieg viel Zeit einplanen

Barrierefreiheit über den Wolken: Menschen mit Behinderung, die mit dem Flugzeug reisen wollen, haben seit einer EU-Verordnung im Jahr 2006 Anspruch auf Assistenzdienste. Der Service ist kostenlos. Der Fluggast bekommt auf dem Weg vom Check-in zum Flugzeug sowie beim Ein- und Aussteigen Hilfe. Rollstuhlfahrer sollten ihre Fluggesellschaft frühzeitig und genau über den individuellen Unterstützungsbedarf informieren.

Symbolfoto: Ein Mann im Rollstuhl fotografiert mit seinem Smartphone den Berliner Dom.
Einen Urlaub – wie hier in Berlin – möchten Rollifahrer genauso genießen wie Menschen ohne Gehbehinderung. Doch Touristen im Rollstuhl müssen mehr Zeit einplanen, wenn sie mit dem Flugzeug oder der Bahn reisen. | © Andi Weiland | Gesellschaftsbilder.de

Eva Konieczny, Referentin für Barrierefreiheit beim VdK Deutschland, ist schon öfter dienstlich oder als Touristin von A nach B geflogen. Ein Urlaub in Irland hat der Rollstuhlfahrerin so gut gefallen, dass sie auch dieses Jahr wieder nach Dublin fliegt. „Urlaub zu machen, ist wichtig für die Teilhabe und die Lebensqualität“, betont die Expertin.

Weniger gefällt ihr, dass Reisen für Rollifahrer mit höherem Aufwand verbunden ist und es zudem nicht unbedingt verlässlich ist. Das geht beim Buchen los: Rollstuhlfahrer sind auf Hilfe beim Ein- und Aussteigen angewiesen. Daher ist es wichtig, den individuellen Unterstützungsbedarf genau zu beschreiben. Bei manchen Fluglinien ist es möglich, den Bedarf gleich bei der Buchung mitzuteilen.

Die Referentin für Barrierefreiheit kritisiert, dass einige Fluggesellschaften zusätzlich ein medizinisches Gutachten verlangen. „Da wird an einer ärztlichen Diagnose festgemacht, ob jemand fliegen darf oder nicht. Das ist diskriminierend, defizitorientiert und nicht zulässig“, sagt Konieczny. Es fehlen zudem ein barrierefreies Kabinendesign und vergrößerte Bordtoiletten. Weitere Forderungen des VdK: „Wir brauchen ein einheitliches barrierefreies und diskriminierungsfreies Buchungssystem. Das heißt bei der gesamten Reisekette – von der Buchung, über Serviceleistungen am Flughafen, Boarding, Flugzeugaufenthalt bis hin zum Auschecken – muss Barrierefreiheit gegeben sein.“

Die 35-Jährige rät, sich die Bedarfsanmeldung schriftlich bestätigen zu lassen und alle Unterlagen zum Check-in mitzubringen.

Rolli im Frachtraum

Wenn sie mit dem Flugzeug verreist, sorgt sie sich vor allem um ihren Elektro-Rollstuhl, der im Frachtraum verstaut wird. Sie muss ihren Rolli jedes Mal dem Flughafenpersonal überlassen, was ihr nicht leicht fällt, obwohl er noch nie beschädigt wurde. „Der eigene Rollstuhl ist das A und O für die Selbstbestimmung.“ Er sei an den Benutzer angepasst und könne nicht so einfach ersetzt werden – erst recht nicht in einem anderen Land.

Für den barrierefreien Zugang ins Flugzeug sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mobilitätsdienste zuständig. „Wir sind sozusagen die Füße der mobilitätseingeschränkten Passagiere“, sagt Bärbel Töpfer, Geschäftsleiterin der FraCareServices GmbH, dem Mobilitätsservice des Frankfurter Flughafens. An Deutschlands größtem Flughafen kümmern sich täglich rund 900 Mitarbeiter im Drei-Schicht-Betrieb um durchschnittlich 3500 Menschen mit Mobilitäts¬einschränkung, so Töpfer. Das Helfer-Team nutzt für die Fluggäste verschiedene Hilfs- und Transportmittel, um sie vom Check-in ins Flugzeug zu bringen.

Einstieg mit Hubwagen

So fährt ein großer Hubwagen, der etwa 15 Rollstuhlfahrern Platz bietet und sich bis zu acht Meter nach oben bewegen kann, Passagiere vom Rollfeld in die Flugzeugkabine. Rollifahrer steigen vor dem Abflug als Erste in die Maschine ein und nach der Landung als Letzte wieder aus. Beim Umstieg sei mehr Zeit einzuplanen.

Die Spezialistin weist auf die im Luftverkehr internationalen und standardisierten Betreuungscodes hin, nach denen sich die Helfer richten. So hat ein Fluggast, der weder selbstständig laufen noch Treppen steigen kann, den Betreuungsbedarf WCHC (das Kürzel steht für „Wheelchair Completely“). Töpfer empfiehlt Menschen mit Behinderung, sich über den zutreffenden Betreuungscode zu informieren und diesen der Fluggesellschaft vorab mitzuteilen.

An der Broschüre „Barrierefreies Reisen mit dem Flugzeug“ war der Sozialverband VdK Deutschland beteiligt. Ratsuchende können den Leitfaden online herunterladen: www.vdk.de/fliegen-barrierefrei

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