27. September 2016
BEHINDERUNG

Hörfilm: Audiodeskription beschreibt Filmszenen für blinde Menschen

Wenn dem Bild die Worte fehlen

Manchmal sagen Bilder mehr als tausend Worte: Das gilt auch für den Film. Denn Bilder transportieren Stimmungen und Gefühle. Das funktioniert für Sehende, nicht aber für Menschen mit Sehbehinderung. Die Autorinnen Karola Schweinbeck und Claudia Böhme beschreiben Szenen, die sich blinden Menschen sonst nicht erschließen: die Landschaft oder das Aussehen der Darsteller. Audiodeskription lautet der Fachbegriff.

"Auf einem Schulhof. Fünf Jungs marschieren in einer Reihe," tippt Karola Schweinbeck in den Computer hinter die sekundengenaue Zeitangabe. Der Timecode ist ausschlaggebend, um die Beschreibung an der richtigen Stelle zu platzieren. Während sie schreibt, läuft auf einem zweiten Bildschirm der Film: laute Rockmusik, die Schüler knuffen sich in die Seite, treffen auf eine andere Gruppe Jungs. Eine Sommerkomödie über fünf Jugendfreunde, die mit einer turbulenten Vatertagstour an alte Zeiten anknüpfen wollen. Ein Film mit Zeitsprüngen, schnellem Szenenwechsel, vielen Charakteren, vielen Geräuschen. Immer wieder drückt Karola Schweinbeck auf "Pause", geht die Szene nochmals durch. Neben ihr sitzt ihre blinde Kollegin Claudia Böhme, die Stirn in Falten. "Hm, marschieren die Jungs nebeneinander oder hintereinander?", fragt sie.

Claudia Böhmes Einwurf zeigt, wie gut sich Sehende und Blinde bei der Audiodeskription ergänzen. Die Frauen halten viel von der Arbeit im Zweier- oder Dreierteam. "Menschen mit Sehbehinderung sind Experten in eigener Sache", sagt Karola Schweinbeck. "Als Sehende muss man erst das richtige Gefühl dafür entwickeln, welche Informationen Blinde brauchen, um die Handlung eines Films nachzuvollziehen." Selbst nach langjähriger Hörfilm-Erfahrung gebe es für sie Momente, in denen sie auf die Expertise eines Kollegen mit Sehbehinderung angewiesen ist.

Farben seien ein gutes Beispiel, bestätigt Claudia Böhme. "Die meisten Menschen mit Sehbehinderung können sich unter Farben etwas vorstellen. Farben sind an Gefühle oder Objekte gekoppelt. Zum Beispiel gelb wie die Sonne, blau wie das Meer, rot wie das Feuer." Auch Geräusche spielen für den Hörfilm eine große Rolle. Manchmal erklären sie sich von selbst, ein anderes Mal müssen sie zugeordnet werden. Ebenso wichtig sind die Beschreibungen der Figuren. Ein besonderes Merkmal macht es oftmals möglich, sich besser in die Charaktere einzufühlen.

Hörfilmpreis 2016

Ein Gefühl für die richtige Information im richtigen Moment haben beide Autorinnen. "Man muss manchmal auch der Stille Raum geben, Stille aushalten", bemerkt Karola Schweinbeck. Nach maximal zehn Sekunden sollte aber wieder eine Erklärung folgen. "Sonst könnten die Zuhörer denken, dass man sie vergessen hat." Wie gut das Gespür der Autorinnen ist, haben sie im Drama "45 Years" bewiesen.

Ein ruhiger Film mit vielen stummen Szenen. Für ihre Audiodeskription erhielten sie mit ihrem Team Anfang des Jahres den Deutschen Hörfilmpreis in der Kategorie Kino. Im Vorfeld leisteten sie viel Recherchearbeit, unter anderem um die Orte zu identifizieren. "Man möchte gleich zu Beginn wissen, wo der Film spielt", erklärt Claudia Böhme. Ohnehin sollten Orte im Hörfilm so genau wie möglich beschrieben werden. Mit "einer Kirche" oder "einem Berg" können Zuhörer nicht viel anfangen.

Bevor Karola Schweinbeck zum Hörfilm kam, war sie als Synchronautorin tätig. Raum für eigene Gestaltung blieb hier wenig. "Beim Hörfilm kann man mit Sprache spielen, mit Worten jonglieren", erklärt sie. Die Kunst, die richtigen Worte in kurzen Sequenzen unterzubringen, reizt auch Claudia Böhme an der Audiodeskription. "Es scheint so einfach und ist doch so komplex." Sie arbeitet neben der Audiodeskription als Kunst- und Kulturvermittlerin und berät Museen in Sachen Inklusion blinder und sehbehinderter Menschen.

Die Idee, Filme für Menschen mit Sehbehinderung zu beschreiben, entwickelte Gregory Frazier an der Francisco State University of Creative Arts Mitte der 70er-Jahre. 1989 wurde die Audiodeskription auf den Filmfestspielen in Cannes vorgestellt. Bis sie sich in Deutschland etablierte, vergingen viele Jahre.

Heute strahlen ARD und ZDF sowie 3sat, Arte, BR, MDR, NDR, RBB, SWR und WDR regelmäßig Hörfilme aus. Im Vorabend- und Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender ist Audiodeskription inzwischen Standard. Für einen Fernseh- oder Kinofilm kostet diese im Durchschnitt 5.000 Euro. Für einen "Tatort" sitze ein Dreierteam etwa sechs volle Arbeitstage an der Filmbeschreibung, erklärt Karola Schweinbeck.

Die Kino-Komödie wird ähnlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Sie drückt auf "Play", aus den Jungs vom Schulhof sind erwachsene Männer geworden. Routiniert sortieren die beiden Hörfilm-Autorinnen das Stimmengewirr, als die Freunde auf ihre Rivalen von einst stoßen.

Website der Deutschen Hörfilm gGmbH: www.hoerfilm.de

Website des Deutschen Hörfilmpreises: www.deutscher-hoerfilmpreis.de

Aktuelles Hörfilm-Programm im Fernsehen: hoerfilm.info/hoerfilmprogramm.html

Caroline Meyer

Schlagworte Audiodeskription | Barrierefreiheit | Hörfilm

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