19. Oktober 2021
SOZIALE GERECHTIGKEIT

Wer arm ist, muss frieren?

Steigende Energiepreise bringen Menschen mit geringem Einkommen in Finanznot – Manchen drohen Strom- oder Gassperren

Die Strom- und Gaspreise in Deutschland gehören im weltweiten Vergleich sowieso schon zu den höchsten. Jetzt sollen sie in den nächsten Monaten noch weiter steigen. Hauptbetroffene sind dann mal wieder die Ärmsten. Denn wer seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, dem wird unter Umständen der Strom oder das Gas abgestellt.

Eine Glühbirne, daneben liegen Münzen
Vielen Menschen droht die Sperre von Strom und Gas, weil sie die hohen Energiepreise nicht mehr bezahlen können. | © pixabay.de

Zwar ist die Zahl der Strom- und Gassperren in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, sie ist aber immer noch sehr hoch. 2020 wurde bundesweit rund 230.000 Verbraucherinnen und Verbrauchern der Strom abgestellt. Immerhin 20 Prozent weniger als 2019. Doch das liegt auch mit da­ran, dass wegen Corona in finanzielle Not geratene Verbraucherinnen und Verbraucher bestimmte Zahlungen im ersten Halbjahr 2020 aufschieben durften. Manche Energieversorger kamen ihnen auch von sich aus entgegen. Andernfalls hätte es deutlich mehr Stromsperren gegeben.

Schon 100 Euro Zahlungsrückstand können ausreichen, dass der Strom abgeschaltet wird. Voraussetzung dafür ist, dass das Versorgungsunternehmen die Sperrung vier Wochen vorher angedroht und den tatsächlichen Vollzug drei Tage vorher angekündigt hat. Darüber hinaus muss die Stromsperre verhältnismäßig sein. Das heißt, die Stromlieferung darf nicht eingestellt werden, wenn dadurch beispielsweise erkrankte Menschen gefährdet werden, oder wenn der Verbraucher oder die Verbraucherin die Zahlung der Rückstände glaubhaft in Aussicht stellt. Gleiches gilt auch für die Gaszufuhr, die im vergangenen Jahr für 24 000 Haushalte in Deutschland gesperrt wurde – gut 22 Prozent weniger als im Vorjahr.

Wer nicht zahlen kann und wem deshalb eine Sperrung droht, sollte laut Verbraucherzentrale möglichst schnell mit seinem Energieversorger Kontakt aufnehmen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Das könnte zum Beispiel die Stundung der Rückstände bis zur nächsten Jahresabrechnung, die Begleichung in Ratenzahlungen oder eine zeitweilige Erhöhung der Abschläge sein. Darüber hinaus können Sozialleistungsempfänger beim Sozialamt oder Jobcenter ein Darlehen beantragen, um die Schulden zu tilgen.

Hohe Nachfrage

Dass sowohl die Strom- als auch die Gaspreise in den kommenden Wochen und Monaten steigen sollen, hat verschiedene Gründe. „Die Gasspeicher in Europa sind aufgrund des kalten Winters kaum gefüllt. Gleichzeitig ist die Nachfrage wieder gestiegen, insbesondere in China und anderen Teilen Asiens“, erklärt Eren Çam, Senior Research Consultant am Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln.

Umfrage: Steigende Energiepreise

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„Darüber hinaus treiben die CO2-Preise im europäischen Emissionshandel, die ebenfalls steil nach oben gehen, die Preisentwicklung“, sagt Thorsten Storck, Energie­experte bei Verivox. Laut dem Vergleichs­portal lagen die Gaskosten für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20 000 Kilowattstunden im Oktober 2021 bei durchschnittlich 1402 Euro pro Jahr. Ein Jahr zuvor habe der Preis für die gleiche Gasmenge im Schnitt noch bei 1094 Euro gelegen.

Auch der Strompreis an der Börse ist so hoch wie schon lange nicht mehr und wird wohl weiter steigen. Hierfür ist der hohe Preis für CO2-Zertifikate ebenfalls eine der Ursachen. Eine weitere sind gestiegene Kosten für Brennstoffe wie Gas und Kohle, die verstärkt zur Strom­erzeugung genutzt wurden, da es für erneuerbare Energien wie Windkraft dieses Jahr keine guten Bedingungen gab. „Bei den Strompreisen müssen sich die Haushalte wegen anhaltend hoher Großhandelspreise zum Jahreswechsel auf weitere Preiserhöhungen einstellen“, warnt Storck. Eine Entlastung könne es nur geben, wenn die hohe Abgabenlast nach der Bundestagswahl schnell reduziert werde. Der Anteil von Steuern und Abgaben am Haushaltsstrom liegt derzeit bei rund 51,4 Prozent.

VdK fordert Ausgleich

Auch der Sozialverband VdK sieht die Politik jetzt in der Pflicht, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Strom und Wärme für die Menschen bezahlbar sind. „Angesichts der immensen Preissteigerungen für Energie muss der Staat einen sozialen Ausgleich für Einkommensschwache schaffen“, fordert VdK-Präsidentin Verena Bentele. Zum Beispiel, indem das Wohngeld für Menschen mit geringem Einkommen jährlich an die steigenden Energiekosten angepasst wird.

Mirko Besch

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