24. September 2021
SOZIALE GERECHTIGKEIT

„Die Unsicherheit ist kaum zu ertragen“

Im vom Hochwasser zerstörten Ahrtal brauchen die Menschen weiter Hilfe und Antworten, erzählt der VdK-Kreisvorsitzende Heinz-Wilhelm Schaumann

Das Bild zeigt eine bunt bemalte Häuser Wand mit den großen Worten
© Heinz-Wilhelm Schaumann

Auf den Gehwegen türmt sich der Schutt, in den Gassen brummen die Notstromaggregate. So beschreibt Heinz-Wilhelm Schaumann die Lage in vielen Orten im Ahrtal. Den Vorsitzenden des VdK-Kreisverbands Ahrweiler ans Telefon zu bekommen, ist noch immer nicht einfach, denn er arbeitet ehrenamtlich im örtlichen Krisenstab mit. Seit Mitte Juli, als das Hochwasser auch sein 1700 Einwohner zählendes Heimatdorf Dernau überflutete, ist der Hochschuldozent im Dauereinsatz. 90 Prozent der Häuser dort sind betroffen, viele Menschen obdachlos. Auch die VdK-Geschäftsstelle in der Kreisstadt wurde zerstört.

Das Bild zeigt den VdK-Kreisverbandsvorsitzenden Heinz-Wilhelm Schaumann.
VdK-Kreisverbandsvorsitzender Heinz-Wilhelm Schaumann. | © Heinz-Wilhelm Schaumann

Seit einigen Wochen wird kaum noch aus dem Hochwassergebiet berichtet. Fühlen Sie sich vergessen von der Öffentlichkeit?
Die Angst, vergessen zu werden, gibt es, ganz klar. Wer die Medien kennt, weiß, dass eine Nachricht schnell alt wird. Für uns ist es aber wichtig, in den Medien präsent zu bleiben: Wir brauchen hier weiter Menschen, die helfen, und ganz konkret auch Geld.

Was ist denn aus der Zusage für schnelle Hilfe von Bund und Land geworden?
Das Land Rheinland-Pfalz hat relativ zügig bis zu 3500 Euro und der Kreis Ahrweiler bis zu 2000 Euro für jeden Haushalt als Soforthilfe zur Verfügung gestellt.

Und seitdem?
Seitdem leben die meisten von Rücklagen. Wer die aber nicht hat, für den ist es ganz eng. Es müssen ja auch Reparaturen bezahlt, Materialien gekauft werden. Die meisten Leute können gar nicht in ihrem Eigenheim wohnen. Sie leben bei Freunden, in Notunterkünften, bei Verwandten. Vor allem für ältere, behinderte und kranke Menschen, jene, die eine schmale Rente haben oder Aufstocker sind, ist es ganz hart. Der Aufwand, den man betreiben muss, um zu einem Arzt zu kommen, zu Apotheken, zu bestimmten Läden ist groß. Von denen sind ja viele selbst betroffen. Es gab und gibt aber immer noch ganz viel private Solidarität.

Wie sieht die aus?
Da ist der Supermarkt, dessen Belegschaft 1000 Euro für eine hilfsbedürftige Familie gibt. Oder die Wandergruppe, die sagt, nennt uns 20 Familien mit Kindern, die statten wir komplett mit Kleidung aus. Trotzdem muss es jetzt ganz schnell gehen, damit die im September im Bundestag beschlossenen 30 Milliarden bei den Menschen auch ankommen. Sie müssen jetzt entscheiden: Baue ich mein Haus wieder auf, bekomme ich das in meinem Alter noch hin, oder ziehe ich hier weg? Zu viele Fragen sind noch ungeklärt.

Welche Fragen sind das?
Na, es sollen 80 Prozent des Schadens erstattet werden. Aber 80 Prozent wovon? Was ist die Bewertungsgrundlage? Wie wird mein Haus, mein Besitz überhaupt eingestuft? Wird es eine Pauschale nach Quadratmetern geben? Muss ich selbst Geld für ein Gutachten aufbringen? Wir brauchen schnell klare Regeln. Diese Unsicherheit ist für viele kaum zu ertragen. Die Menschen haben Mitte Juli ihr Hab und Gut verloren, und dann soll Anfang, Mitte November erst das Geld kommen. Die Leute frieren ja jetzt schon bei zehn Grad in ihren Wohnungen über den entkernten Erdgeschossen. Wie wird das dann erst werden? Die Ängste sind riesig. Viele sind noch traumatisiert, die saßen 15 Stunden auf dem Dach und hatten Todesangst.

Wie geht es den Menschen damit ?
Ich erlebe viele, die plötzlich anfangen zu weinen. Auch ich habe Momente, in denen ich wieder durchlebe, wie ich mit meinem Neffen in absoluter Dunkelheit durch den Hof zu einer bettlägerigen Nachbarin schwamm. Das Gesicht der verängstigten alten Frau, der das Wasser bis zum Hals reichte, werde ich nie vergessen. Wir konnten sie im letzten Moment retten. All diese Erlebnisse wirken nach. Verbunden mit der Angst, was nun werden soll, lässt das manche auch verzweifeln. Allein in Dernau haben sich drei Menschen das Leben genommen.

Wie wirkt sich das auf die Dorf­gemeinschaft aus?
Das ist ganz schlimm. Trotzdem geht es uns hier noch besser als in den Städten. Es gibt Vereinsstrukturen, wir kennen und stützen uns, reden viel und tauschen uns aus. Das hilft sehr. Viele engagieren sich ehrenamtlich wie ich. Da lässt sich oft auch unkomplizierter helfen als über die Behörden.

Es gibt Klagen, seit die Behörden von den Hilfsorganisationen die Koordination übernommen hätten, sei vieles komplizierter geworden.
Ja, in vielen Fällen trifft das zu. Bei uns in Dernau war zum Beispiel die Lebensmittelversorgung vom Roten Kreuz top. Dann hat die Behörde übernommen, und plötzlich kam das Mittagessen mal um eins, mal um drei. Für viele Probleme, die vorher pragmatisch gelöst wurden, musste plötzlich ein Formular ausgefüllt werden. Ich muss zur Ehrenrettung der Behördenmitarbeiter aber sagen, die haben so etwas vorher ja auch noch nie erlebt. Trotzdem könnte man vieles einfacher machen. Da scheitert es auch an Kompetenzgerangel und unklaren Zuständigkeiten.

Anfangs gab es den Ruf nach einem Bundesbeauftragten, der den Wiederaufbau zentral koordiniert. Wäre das besser gewesen?
Ja, ich glaube schon. Eine Stabsstelle, die das große Ganze im Blick hat, die Organisation, die Logistik, die sozialen Aspekte, und das koordiniert, wäre sicher zielführend. Das sollte man für die Zukunft aus unserer Erfahrung lernen.

Interview: Heike Vowinkel

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