25. November 2020
RENTE

Die Mär vom reichen Rentner

Der Alterssicherungsbericht der Bundesregierung hat für Irritationen gesorgt

Das Bild zeigt Geldscheine
© Unsplash

„So gut geht es Deutschlands Rentnern!“ Überschriften wie diese waren Anfang November überall zu lesen. Doch was steckt wirklich hinter dem angeblichen Rentnerreichtum? Die VdK-ZEITUNG hat einen genauen Blick in den „Alterssicherungsbericht 2020“ der Bundesregierung geworfen.

Ein monatliches Haushaltsnetto­einkommen von 2207 Euro hätten Ehepaare und Alleinstehende über 65 Jahren im Monat zur Verfügung, heißt es im neuen Alterssicherungsbericht. Viele, die in Deutschland eine gesetzliche Altersrente beziehen, reiben sich gewiss verwundert die Augen.

Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung waren die Altersrenten im Durchschnitt erheblich kleiner als 2207 Euro. Männer erhielten im Westen 1169 Euro, im Osten 1264 Euro, Frauen im Westen 700 Euro, im Osten 1033 Euro. Woher kommt also dieser enorm große Unterschied?

„Die hohen Durchschnittszahlen berücksichtigen Pensionäre, Rentner und alle Einkommens­arten gleichermaßen. Das Ergebnis wird dadurch massiv verzerrt“, erklärt VdK-Präsidentin Verena Bentele. Problematisch ist, dass die Durchschnittswerte durch eine relativ kleine Gruppe von sehr wohlhabenden Älteren in die Höhe gehen. So erhalten etwa Bundesbeamte im Schnitt ein Ruhegehalt von 3300 Euro (Männer) beziehungsweise 2770 Euro (Frauen). Aktuell bekommen 1,4 Millionen Menschen über 65 Jahren Leistungen aus der Beamtenversorgung. Zusatzeinkünfte Älterer wie Zinsen, Vermietung oder Verpachtung gehen ebenfalls in die Gesamtstatistik ein. Und immerhin zehn Prozent der über 65-Jährigen arbeiten noch ganz regulär.


Rentenmärchen widerlegt: "Mit steigender Lebenserwartung steigt auch die Rentenbezugs-Dauer"

Die Lebenserwartung steigt in Deutschland – erfreulicherweise. Das bedeutet doch, wir verbringen immer mehr Lebenszeit im Ruhestand. Oder? Diese Rechnung stimmt aber nicht. Im Gegenteil: Höheres Eintrittsalter bedeutet Rentenkürzung, sagt der Sozialverband VdK.


Doch für 54 Prozent der über 65-jährigen Männer, die zuvor als Arbeiter oder Angestellte arbeiteten, und sogar für 71 Prozent der Frauen aus diesen Berufsgruppen ist die gesetzliche Rente das einzige Alterseinkommen. Am häufigsten kommt noch für 42 Prozent dieser Männer und für 23 Prozent dieser Frauen eine betriebliche Altersversorgung hinzu. Einkünfte aus der Riester-Rente spielen bisher allerdings eine geringe Rolle. Hier erwartet sich die Bundesregierung aber für die Zukunft mehr: 2019 hatten etwa 66 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Alter von 25 bis unter 65 Jahren Anspruch auf eine Zusatzrente aus der betrieblichen Altersversorgung oder einer Riester-Rente.

Kein Geld für Riester

Im Alterssicherungsbericht wird jedoch eingeräumt, dass Menschen mit geringem Einkommen wenig bis gar nicht zusätzlich fürs Alter vorsorgen. Unter den Geringverdienern mit einem Bruttolohn unter 1500 Euro im Monat haben 54 Prozent gar keine Zusatzvorsorge. Für Verena Bentele kein überraschender Befund: „Diese Menschen brauchen jeden Cent, um die laufenden Ausgaben zu bestreiten. Zudem arbeiten sie häufig dort, wo es keine betriebliche Altersvorsorge gibt. Sie fallen komplett durchs Raster und laufen bei einem Rentenniveau unter 50 Prozent direkt in die Altersarmut.“

Stichwort Altersarmut: Dass nur etwa drei Prozent der Älteren Grundsicherung beziehen, ist für Bentele kein Beweis für den angeblichen Rentner-Wohlstand: „Das sind immerhin 566 000 Personen. Die Zahlen steigen stetig. Seit 2003 haben sie sich mehr als verdoppelt. Bis 2030 wird mit einem Anstieg auf 5,5 Prozent gerechnet.“ Zudem vermutet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine enorm hohe Dunkelziffer. Rund 60 Prozent der Menschen, die Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, stellen demnach keinen Antrag. Sonst kämen aktuell noch 625 000 Personen hinzu.

„Wenn das Rentenniveau immer weiter sinkt, geht das Vertrauen der Bevölkerung in die gesetzliche Rente verloren“, warnt Bentele. Der VdK fordert von den Parteien, die sich zur Bundestagswahl stellen, klare Positionierungen. Die Rente muss wieder den Lebensstandard im Alter sichern.

Dr. Bettina Schubarth

Schlagworte Alterssicherung | Alterssicherungsbericht

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