„Freie Zeit kann Angst machen“

Ruhestand genauso sorgfältig planen wie die Berufslaufbahn und rechtzeitig damit anfangen

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Plötzlich und unerwartet kommt der Ruhestand für die meisten nicht. Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig die Weichen für diese Zeit zu stellen. Wie das am besten gelingt, verrät Coach und Autorin Iris Seidenstricker aus Hamburg.

Endlich Rentner: mehr Zeit für sich selbst, für Kinder und Enkel, für Freunde, für Hobbys, Reisen, den Garten und vieles mehr. Warum wissen manche dann doch nichts mit der freien Zeit anzufangen und fallen in das berühmte Loch?

Freie Zeit kann Angst machen, vor allem dann, wenn man mit ihr erfahrungsgemäß sowieso ein Pro­blem hat. Mit unendlich viel freier Zeit umzugehen, haben die meisten Menschen nicht gelernt. Selbst wenn man dachte, dass man nun reist, Freunde besucht und sich alles Unerledigte in Haus und Garten vornimmt – irgendwann ist alles getan. Erfahrungsgemäß stellt sich nach den Flitterwochen zu Beginn des Ruhestands ungefähr nach zehn Wochen eine innere Unruhe und Unzufriedenheit ein. Weil man merkt, dass das, was man tut, nicht befriedigend ist. Vielen ist zu Beginn des Ruhestands nicht bewusst, wie wichtig es ist, dass es auch in der neuen Lebensphase wieder Aufgaben gibt, die einen mit Sinn erfüllen. Und dass man wieder einen Rhythmus aus Aufgaben, Pflichten und Freizeit findet. Nur dann kann man die neue Lebensphase mit der Möglichkeit der freien Zeiteinteilung auch wirklich genießen.

Die meisten Menschen brauchen eine gewisse Struktur im Alltag. Warum ist das besonders für Rentnerinnen und Rentner so wichtig?

Wem schon im Urlaub nach einigen Tagen die Decke auf den Kopf fällt, sollte im Ruhestand unbedingt eine Tagesstruktur oder auch einen Wochenplan entwickeln. Wenn ich weiß, wann ich frühstücke, einkaufe, meinem Ehrenamt nachgehe, wenn ich plane, Freunde zu treffen, ins Kino zu gehen: Dann schwindet das Gefühl, von Leere erdrückt zu werden.

In Ihrem Buch „Zeit für Neues – Wie Sie herausfinden, was Sie im Ruhestand machen möchten“ geben Sie Tipps. Wie lauten die drei wichtigsten?


1. Planen Sie den neuen Lebensabschnitt als Rentnerin und Rentner genauso sorgfältig, wie Sie Ihre Berufslaufbahn geplant haben.

2. Fangen Sie früh genug mit der Planung an, ruhig schon zehn Jahre vor Beginn des Ruhestands.

3. Knüpfen Sie frühzeitig ein soziales Netz über die beruflichen Kontakte hinaus, das Sie auch in der neuen Lebensphase tragen wird.

Ist es besser, an vorhandenen Interessen anzuknüpfen oder etwas Neues auszuprobieren?

Das ist eine Typfrage. Lerne ich gern und bin bereit, mich auf ein Abenteuer einzulassen? Oder möchte ich nichts mehr riskieren und meine Ruhe haben? Man kann auch im fortgeschrittenen Alter Klavier oder Geige spielen lernen und es weit bringen, nur nicht mehr zur Konzertreife. Wenn es einem aber reicht, ein gewisses Niveau zu erreichen, dann sollte ich mir unbedingt den Traum erfüllen. Dann muss mir auch klar sein, dass ich viel Zeit und Mühe investieren muss. Wenn ich aber schon Klavier gespielt habe, dann werden die Erfolgserlebnisse nach einiger Zeit größer sein. Ich kenne einige, die erst spät das gefunden haben, was man „Berufung“ nennt.

Was möchten Sie als Rentnerin einmal tun?

Klassischen Ruhestand wird es für mich nicht geben. Solange es meine Fähigkeiten zulassen, werde ich immer weiter tätig sein. Weil ich weiß, dass erfüllende Aufgaben und Arbeit eine wesentliche Säule des Jungbleibens und des langen Lebens sind.

Interview: Ines Klut

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    30.03.2020

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