23. November 2021
PFLEGE

Reise in die dritte Dimension

In einem Projekt begegnen Heimbewohnerinnen und -bewohner der virtuellen Realität

Bislang gibt es in Deutschland nur wenig Seniorenheime, die ihren Bewohnerinnen und Bewohnern VR-Brillen anbieten. Dabei haben auch Menschen in hohem Alter Spaß an digitaler Innovation. Zudem sehen Expertinnen und Experten Vorteile in dieser Technik, etwa wenn sie in der Bewegungstherapie eingesetzt wird.

Eine Heimbewohnerin mit VR-Brille streckt einen Arm nach oben, hinter ihr steht die Sozialpädagogin Alexandra Kasper.
Eine Heimbewohnerin des Caritas-Altenzentrums Sankt Maternus in Köln taucht in virtuelle 3D-Welten ein. Sie wird dabei von Sozialpädagogin Alexandra Kasper (rechts) betreut. Foto: | © Caritasverband Köln

Das Vorurteil, Gaming und VR (Virtual Reality, virtuelle Realität), gehöre in den Jugendbereich, hält sich hartnäckig, obwohl Umfragen das widerlegen. „Silver Gamer“ sind hierzulande keine Seltenheit: Laut dem Verband der deutschen Games-­Branche haben 2020 mehr als 34 Millionen Menschen regelmäßig Computer- und Videospiele gespielt. 15 Prozent davon waren über 60 Jahre alt. Das heißt: Mehr als fünf Millionen Seniorinnen und Senioren sind Gamer. Tendenz steigend.

Digitalisierung im Heim

Die Erfahrung, dass ältere Menschen Spaß an Technik haben, macht auch Alexandra Kasper. Sie arbeitet als Betreuungskraft im Caritas-Altenzentrum Sankt Maternus in Köln und setzt sich dort für mehr Digitalisierung ein. So hat sie für ihre Einrichtung ein digitales Betreuungskonzept aufgebaut, bei dem Social Media, Computerspiele und VR-Brillen zum Einsatz kommen.

Die Sozialpädagogin blickt auf die erste Begegnung ihrer Schützlinge mit VR-Brillen zurück: Vor drei Jahren hatte sie mit Bewohnerinnen und Bewohnern eine Bi­b­liothek besucht, in der diese ­Technik ausprobiert werden konnte. „Das hat alle so fasziniert, dass wir uns inzwischen bereits drei VR-Brillen für unser Seniorenheim angeschafft haben“, erinnert sich die 42-Jährige. Seitdem hat jeder und jede zweimal wöchentlich die Möglichkeit, in die virtuelle dritte Dimension zu wechseln.

Spaziergang am Strand

Welche 3D-Welten gibt es zu entdecken? Zum Einstieg sei eine bunte Unterwasserwelt mit Korallen und Fischen besonders beliebt, berichtet die Kölnerin. Außerdem werde die Software „Google Earth VR“ genutzt. Damit ist das virtuelle Reisen rund um den Globus möglich, wahlweise in der Vogelperspektive oder in der Straßen­ansicht. Die Betreuungskraft erzählt von einem schönen Erlebnis: „Einer unserer Bewohner kommt aus Chile. Er geht bei seiner virtuellen Reise gern am Strand seiner alten Heimatstadt spazieren.“

Die Abwechslung im Pflegealltag gefällt auch den Mitarbeitenden des Altenzentrums. Kasper spricht sogar von einer Aufwertung, die der Pflegeberuf dadurch erfährt.

Bislang nutzen nur wenig Pflege­einrichtungen VR-Brillen. „Das Thema Digitalität wird in der Ausbildung zur Betreuungskraft noch zu wenig angesprochen“, bedauert die Sozialpädagogin. Es ist auch eine Frage des Budgets. Ein Modell, wie es die Kölner Einrichtung verwendet, kostet 3000 Euro. Zudem sei es eine Herausforderung, Personal zu finden. „Es braucht mindestens einen, besser zwei Menschen, die ein solches Projekt mit Leben füllen. Das gesamte Team sollte das unterstützen“, gibt Alexandra Kasper zu bedenken.

Die Chancen der Techniknutzung im höheren Lebensalter untersucht Dr. Stefan Kamin am Ins­titut für Psychogerontologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. „Während der Corona-­Pandemie hat die digitale Technik vielen älteren Menschen die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht“, sagt der Experte.

Therapie mit VR-Brille

Kamin schätzt, dass auch VR-Brillen in Pflegeheimen einen Aufschwung erleben werden. „Ich sehe vor allem große Potenziale im Bereich der Bewegungstherapie, die durch virtuelle Realität gestützt werden kann.“ Für Menschen, die an Demenz leiden, sei die Technik dagegen nicht geeignet. „Es ist eine ethische Frage, einen Menschen, der zeitlich und räumlich nicht mehr orientiert ist, in einen virtuellen Raum zu setzen und wieder he­rauszuholen.“ Eine Reise mit der VR-Brille erfordert sensibles Personal, das den emotionalen Ankerpunkt für den Demenzkranken bereitstellt, so der Gerontologe. Kamin fordert mehr Forschung im Pflegebereich, um Chancen und Grenzen besser abschätzen zu können.

Elisabeth Antritter

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Kampagnen
    Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Kampagnen transportiert der VdK seine Forderungen an die Politik und zeigt immer wieder soziale Missstände auf. | weiter

Pflege viel zu teuer?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.