20. Dezember 2018
Pflege

Reportage: „Socken im Kühlschrank – so fing es an“

„Demenz Partner“ werden und mehr über die Krankheit lernen – Eine Selbsterfahrung, die nachdenklich macht

Rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz leben in Deutschland. Im Jahr 2050 sollen es schon drei Millionen sein. Die meisten sind 65 Jahre und älter, aber auch jüngere Menschen können die Krankheit bekommen. Was macht Demenz mit den betroffenen Menschen und ihren Angehörigen? Und wie gelingt es, besser damit umzugehen? Einige Antworten auf diese Fragen geben Kurse der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Sie sind Teil der bundesweiten Kampagne „Demenz Partner“.

© VdK

„Demenz braucht dich“ steht auf der Leinwand im Besprechungsraum des Landesamts für Bauen und Verkehr in Schönefeld (Brandenburg). Ich fühle mich sofort angesprochen. Schließlich möchte ich auch „Demenz Partner“ werden, einer von rund 35.000 in Deutschland. Frauen und Männer, Junge und Alte. Kursleiterin Sonja Köpf vom Kompetenzzentrum Demenz für das Land Brandenburg erklärt: „Demenz ist ein Teil unseres Lebens. Deshalb müssen so viele wie möglich über die Krankheit aufgeklärt werden, um besser damit umgehen zu können.“ Das leuchtet ein, aber leider beinhaltet die Aufklärung über eine Erkrankung keine Patentrezepte. Und Heilung ist vorerst auch nicht in Sicht.

Vielleicht ist die Medizin in 20 Jahren schon weiter, und Demenz ist heilbar. Oder es lässt sich vorbeugend etwas dagegen tun. Denn wer will schon sein Gedächtnis verlieren? Ich will das jedenfalls nicht. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht mich, während ich in der Broschüre, die jeder Schulungsteilnehmer bekommt, blättere. Hier sind die unterschiedlichen Erkrankungsarten aufgeführt. Denn Demenz ist nicht gleich Demenz.

Um mich herum sitzen vor allem Frauen, die auch „Demenz Partner“ werden wollen. Die Gründe sind bekannt. Rund 80 Prozent der Menschen mit Demenz werden von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt, und das sind meist Frauen. Einige der Teilnehmerinnen haben bereits Erfahrungen mit demenziell Erkrankten gesammelt. Doch das ist nicht Bedingung, um einen Kurs zu belegen. „Wir wollen vor allem Menschen erreichen, die noch nicht betroffen sind“, erklärt Sonja Köpf bei der Einführung in den Kurs.

Was sie damit meint, erklärt sie an einem Beispiel: Eine ältere Frau läuft immer wieder von zu Hause weg. Sie hat eine ständige Unruhe in sich, will nach Hause, obwohl sie eigentlich zu Hause ist. Doch das vergisst sie immer wieder. Eines Tages – die Frau irrt gerade wieder auf der Straße umher – wird der Postbote auf sie aufmerksam. „Frau Müller, kommen Sie mit, ich bringe Sie nach Hause“, redet er beruhigend auf sie ein. Er dreht eine kurze Runde um den Block mit ihr und liefert sie wohlbehalten daheim ab. Die Frau ist beruhigt und sicher: Jetzt bin ich zu Hause angekommen. „Wir brauchen mehr Menschen wie diesen Postboten“, betont Sonja Köpf. Schließlich können Situationen wie jene, die der Postbote erlebt hat, überall passieren: in der Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße.

Wenn die Mutter fragt: „Kennen wir uns, junger Mann?“

Hinter mir meldet sich ein Kurs­teilnehmer mittleren Alters. Er hat auch etwas Ähnliches mit seiner Mutter erlebt. „Sie lief immer weg und wurde oft von der Polizei nach Hause gebracht“, erzählt der Mann. Dann sei sie immer sehr ängstlich und unruhig gewesen. Die Familie habe ihr schließlich eine Uhr mit GPS-Empfänger gekauft, um immer zu wissen, wo sich die Mutter gerade aufhält. „Dann habe ich sie mit dem Auto abgeholt, manchmal ist sie mehr als zehn Kilometer gelaufen“, sagt der Kursteilnehmer. Wenn er seine Mutter aufforderte, im Auto Platz zu nehmen, habe sie oft gefragt „Kennen wir uns, junger Mann?“

Christiane Rach, Referentin für die Alzheimer Gesellschaft Brandenburg, kennt diese Geschichten nur zu gut. Die Kunsttherapeutin beschäftigt sich in Pflegeheimen mit demenziell erkrankten Menschen und macht täglich viele dieser Erfahrungen. Zum Beispiel mit dem Mann, der sich nicht mehr ausdrücken kann, aber immer ihre Hand nimmt, wenn sie mit ihm redet. „Finden Sie heraus, wie Sie zu den Menschen vordringen können“, fordert sie die Kursteilnehmer auf. Auch wenn die Mutter ihren Sohn nicht mehr als Sohn erkennt, erkenne sie ihn vielleicht, wenn er von einem gemeinsamen Erlebnis erzählt oder ihren Lieblingskuchen mitbringt. Es gibt ein emotionales Erkennen.

Eines wird mir bei den unterschiedlichen Erfahrungsberichten schnell klar: Einen Menschen mit Demenz zu begleiten, ist harte Arbeit. Das ist nicht nebenbei zu erledigen, und schon gar nicht ganz allein. „Holen Sie sich frühzeitig Hilfe“, mahnt Sonja Köpf und zählt unterschiedliche Angebote auf. „Viele Angehörige überfordern sich und merken es nicht.“ Die Frau mir gegenüber nickt und erzählt von ihrer an Alzheimer-Demenz erkrankten Mutter, die sie seit zehn Jahren pflegt. Mit Tränen in den Augen und belegter Stimme sagt sie, dass sie ohne Hilfe der Alzheimer Beratungsstelle heute nicht hier sitzen würde. „Socken im Kühlschrank – so fing es an“, sagt sie. Ich nicke der Frau aufmunternd zu, will ihr sagen: „Ich ziehe den Hut vor Dir“.

Die Kursteilnehmer haben alle ihre eigene Geschichte. Wie die Frau, die sich um ihre Mutter sorgt, weil sie sich oft komisch verhält, sich manchmal nicht mehr zurechtfindet. „Gehen Sie zum Arzt oder in eine Gedächtnissprechstunde und lassen Sie das abklären“, rät Christiane Rach. Nicht hinter jeder Veränderung im Alter stecke Demenz. Wenn doch, sei es besser, wenn die Diagnose so früh wie möglich gestellt wird.

Diese Worte machen Mut, mir und den anderen. Für mich ist Demenz nach dem Kurs eine Krankheit, auf die ich etwas besser vorbereitet bin. Ich werde ihr nicht aus dem Weg gehen.

Kurse

Rund 35.000 „Demenz Partner“ gibt es in Deutschland. Kurse werden bundesweit von den Kooperationspartnern der Deutschen Alzheimer Gesellschaft angeboten. Infos: www.demenz-­partner.de,
Telefon (0 30) 2 59 37 95 17 oder (0 30) 2 59 37 95 21.

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Schlagworte Demenz | Alzheimer | Angehörige

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