Gibt es einen guten Tod?

Beim Sterben sind alle Fragen erlaubt, sagt Prof. Dr. Claudia Bausewein

Das Bild eine Person mit einem Reisekoffer, die durch ein Tor einer Landschaft entgegenschreitet.
© unsplash.com

Prof. Dr. Claudia Bausewein leitet die Klinik für Palliativmedizin am LMU Klinikum in München-Großhadern. Die 55-Jährige engagiert sich seit 30 Jahren in der Hospizarbeit und in der palliativen Versorgung. Im Interview beantwortet sie auch heikle Fragen mit großer Gelassenheit und Empathie.

Braucht Sterben Mut?

Der Tod ist der große Unbekannte im Leben. Zu sterben, das ist für jeden Menschen das erste und einzige Mal. Das macht Angst. Doch durch die Palliativmedizin wissen wir heute viel mehr über den Sterbeprozess. Informationen für Patienten und Angehörige helfen gegen diese Angst. Trotzdem: Auch wer alles gedanklich durchdringt, ist vor Schmerz und Trauer nicht geschützt. Wir versuchen zu vermitteln, dass niemand stark sein muss, niemand muss sich „zusammenreißen“. Tatsächlich braucht Sterben auch Mut. Wir erleben manchmal, dass jemand den allerletzten Schritt scheut. Als würde er auf eine Erlaubnis warten. Dann können Angehörige den Sterbenden ermutigen und sagen: „Es ist in Ordnung, wenn du gehst.“

Welche Informationen helfen?

Der Sterbeprozess ist individuell. Früher dachte man, dass dieser in streng aufeinanderfolgenden Phasen verläuft. Doch das trifft nicht zu. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Medizinisch wissen wir heute vieles besser. Zum Beispiel über die „Rasselatmung“ am Lebensende. Das hört sich für Außenstehende an, als würde der Sterbende an Atemnot leiden und qualvoll ersticken. Dem ist aber nicht so. Weil die Flüssigkeit nicht mehr gut abtransportiert werden kann, sammelt sich einfach mehr davon in den Atemwegen. Statt den Patienten mit der Prozedur des Absaugens zu belasten, kann über eine Reduktion künstlich zugeführter Flüssigkeit oft eine Linderung erreicht werden. In diesem Zusammenhang auch diese Information: Niemand verdurstet oder verhungert am Lebensende. Tatsächlich braucht ein Sterbender nichts mehr zu essen und zu trinken, weil die Körperfunktionen komplett heruntergefahren werden. Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr würden dann den Menschen sogar sehr belasten.

Welche Bedeutung hat Zeit?

Wer Sterbende begleitet, lernt, wie wichtig und gut es ist, im Moment zu leben. Ein Sterbender und seine Angehörigen haben im wahrsten Sinne keine Zeit zu verschwenden und sollten sie gut nutzen. Viele Menschen wollen gerne alles noch regeln, bevor sie gehen. Ihre größte Sorge gilt meistens nicht sich selbst, sondern denjenigen, die zurückbleiben. Es gibt gute Tage voller Energie, auch am Lebensende. Da sagt jemand vielleicht: „Ich will meine Zukunft planen.“ Eine Reise, einen Umzug – das sind Bilder für das baldige Sterben.

Oder für Verdrängung.

Was völlig in Ordnung ist. Schließlich ist der Gedanke an den eigenen Tod nicht in jedem Augenblick gut zu ertragen. Es gibt aber Löcher und Bruchstellen in der Mauer des Verdrängens. Die suchen wir, um behutsam auf den Sterbeprozess vorzubereiten.

Stimmt das Sterben versöhnlich?

Das Bild vom guten und schönen Sterben ist erst einmal nur ein Bild. Das darf ich keinem überstülpen, nur weil es mir selbst damit besser geht. Oft kommen auch am Lebensende langjährige Konflikte hoch. Für viele Menschen ist es dann wichtig, sich noch zu versöhnen. Für manche jedoch nicht. Wenn jemand zum Beispiel bestimmte Personen nicht sehen will, akzeptieren wir das. Wir stehen als Vermittler zur Verfügung, aber wir drängen uns niemandem auf.

Darf ich lügen?

Wahrhaftigkeit ist wichtig. Tatsächlich neigen manche Angehörige zu „barmherzigen Lügen“, wie wir sie nennen. „Das wird schon wieder.“ „Iss nur ordentlich, dann wirst du gesund.“ Solche Sätze sind nicht hilfreich. Beide Seiten wissen doch, was los ist. Der Patient fühlt sich nicht ernst genommen, verstummt vielleicht, fällt in Einsamkeit und Isolation. Auch gut gemeinte Lügen verschwenden kostbare Zeit, die ich besser mit aufrichtigen Gesprächen füllen könnte.

Oft gäbe es noch viel zu sagen ...

Dann sagen Sie es! Wir wissen, dass das Gehör das letzte Sinnesorgan ist, das schwindet. Sterbende können noch alles verstehen, selbst wenn sie nicht mehr antworten. Auch wir vom Palliativteam sprechen die Patienten immer direkt an. Hinweise auf das Befinden lassen sich auch anhand des Herzschlags oder der Atmung erkennen. Vertraute Stimmen zu hören, ist enorm wichtig. Da zu sein, die Hand zu halten, etwas zu erzählen, ist das Wertvollste, was man tun kann.

Sie nennen sich selbst „Reiseführerin“. Das klingt ungewöhnlich.

Das Bild der „Lebensreise“ gibt es seit dem Mittelalter. Ich finde das eine sehr gute Beschreibung. Wir begleiten Menschen auf ihrer allerletzten Reise. Sterbende sind uns auf ihrem Weg ein Stück voraus.

Haben Sie einen schönen Beruf?

Palliativmedizin verfolgt einen sehr ganzheitlichen Ansatz. Etwas, das in der Medizin sonst leider oft zu kurz kommt. Die Begegnung mit meinen Patienten fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Ich verdanke ihnen tiefe Begegnungen. Sterbende sind wie Lehrer für mich. Meine Arbeit relativiert den Blick aufs eigene Leben. Auch wenn wir glauben, alles planen und kontrollieren zu können, macht mir mein Alltag immer wieder das Gegenteil klar. Das hilft mir selbst, öfter den Moment zu genießen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Fragen: Dr. Bettina Schubarth

Schlagworte Sterben | Palliativversorgung | Trauer | Tod | Palliativmedizin | Angehörige

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Zu hohe Kosten für Medikamente?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.