2. November 2022
GESUNDHEIT

Gendermedizin: Der große Unterschied

Frauen und Männer sind anders krank – Wie beide Geschlechter durch Gendermedizin gleich gut behandelt werden

Frauen leiden häufiger an Heuschnupfen, Harnwegsinfektionen oder rheumatischer Arthritis. Bei Männern werden dagegen eher Diabetes oder Gicht diagnostiziert. Leiden Mädchen an Asthma, haben sie oft einen trockenen Husten, bei Jungen ist das typische pfeifende Atemgeräusch zu hören. So kann bereits im Kindesalter dieselbe Erkrankung mit verschiedenen Symptomen einhergehen.

Grafik: Zwei Symbole für
© IMAGO / Ikon Images

Ursache für diese Unterschiede ist die Biologie, vor allem die Gene: So haben Frauen zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Dies wirkt sich auf das Herz-Kreislauf-System und das Immunsystem aus. Im Hormonhaushalt von Frauen überwiegt das Östrogen, bei Männern das Testosteron. Der weibliche Stoffwechsel und die Verdauung arbeiten langsamer. Frauen haben mehr Fettgewebe, weniger Muskelmasse und einen geringeren Wasseranteil. Sie sind daher in der Regel kleiner und leichter.

Mehr als Frauenmedizin

Diese Unterschiede bestimmen, mit welchen Symptomen Krankheiten einhergehen, wie sie verlaufen und wie Therapien wirken, erklärt Dr. Hildegard Seidl, Fachreferentin für Gendermedizin an der München Klinik. „Deshalb geht es hier nicht um Feminismus oder um Frauenmedizin. Stattdessen will die Gendermedizin biologische und soziale Unterschiede berücksichtigen“, sagt sie.

Bisher fehle es jedoch an einer systematischen Forschung. So müssten seit dem Jahr 2004 zwar Frauen und Männer proportional zum Vorkommen der Erkrankung in Studien eingeschlossen werden. Doch diese Daten würden nicht zwingend getrennt nach Geschlechtern ausgewertet, so die Expertin.

Dies könne dazu führen, dass das eine oder das andere Geschlecht benachteiligt wird. Bei Autoimmunerkrankungen sind etwa 80 Prozent der Erkrankten Frauen. Deshalb dominieren sie die Studienergebnisse. Bei den Herzerkrankungen ist es umgekehrt. Hier sind mehr Männer – circa 60 Prozent – betroffen, sodass sie die Ergebnisse bestimmen. Dies führt dazu, dass im ersten Fall die Männer, im zweiten Fall aber die Frauen benachteiligt sind, sagt Seidl.

Männer im Fokus

Doch meist sind es die Frauen, die außen vor gelassen werden, so Seidl weiter. In medizinischen Lehrbüchern liegt der Fokus noch immer auf den Symptomen von Männern. Dies führt etwa dazu, dass der weibliche Herzinfarkt noch viel zu selten als solcher diag­nostiziert wird, weil sich die Symp­tome bei Frauen und Männern unterscheiden. Bei Medikamententests finden Tierversuche in der Regel an männlichen Mäusen statt, weil der weibliche Zyklus die Ergebnisse beeinflussen könnte.

Wie wichtig es ist, Geschlechterunterschiede zu berücksichtigen, zeigt die Forschung rund um das Herzmittel Digitalis: Im Jahr 1997 wurde in einer Studie mit 80 Prozent Männern eine positive Wirkung des Medikaments festgestellt. Doch bei Frauen, die das Mittel später in der empfohlenen Dosis einnahmen, traten mehr Nebenwirkungen auf, auch tödliche. Das hat dazu geführt, dass der Wirkstoff derzeit erneut geprüft wird.

Dass Medikamente bei Frauen und Männern unterschiedlich wirken, ist vielen Menschen nicht bewusst. Arztpraxen und Apotheken müssten darauf hinweisen. Doch 78 Prozent von mehr als 1000 befragten Patientinnen und Patienten wurden bisher nicht darüber aufgeklärt. Dies hat eine Umfrage der Krankenkasse BKK VBU ergeben. Auch auf Beipackzetteln sind solche Angaben nicht zu finden.

Forschung stärken

Die Ampel-Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag beschlossen, geschlechtsbezogene Unterschiede in der Medizin abzubauen und Gendermedizin zum Teil des Medizinstudiums sowie der Aus-, Fort- und Weiterbildungen in den Gesundheitsberufen zu machen. Zudem fördert das Bundesgesundheitsministerium derzeit mit 4,1 Millionen Euro zwölf Projekte.

Dies bewertet Seidl als wichtiges Signal. Sie ist überzeugt, dass die Gendermedizin Einzug in die Lehre halten wird, wenn sie sich in der Forschung etabliert hat. Das sei noch ein langer Weg. Doch dann würden Frauen und Männer endlich davon profitieren.

Kristin Enge


FRAUEN
Am Internationalen Frauentag am 8. März soll an die noch lange nicht erreichte Gleichberechtigung erinnert werden. Auch Deutschland hat noch einiges zu tun. | weiter
02.03.2022
FAMILIE
Von vielen Beratungsangeboten fühlen sich Jungen und Männer nicht angesprochen. Wie sie besser erreicht werden können, war Thema eines Fachtags in Berlin, den Bundesforum Männer Mitte Mai veranstaltet hatte. | weiter
29.06.2022

Berufskrankheiten – gibt’s auch bei Frauen!

In typischen Männerbranchen wie Industrie oder Baugewerbe sind Berufskrankheiten keine Seltenheit. Im Gesundheits- oder Sozialbereich, wo überwiegend Frauen arbeiten, werden chronische Leiden dagegen selten als Berufskrankheit angezeigt oder gar anerkannt.

Schlagworte Gendermedizin

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Corona
    Aktuelle Maßnahmen, barrierefreie Texte und Videos sowie unsere Pressemitteilungen zum Thema. | weiter
  • Kampagnen
    Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Kampagnen transportiert der VdK seine Forderungen an die Politik und zeigt immer wieder soziale Missstände auf. | weiter

Rat und Tat | Zahlt die Krankenkasse eine unbekannte Therapie?

Neue Behandlungs- und Untersuchungsmethoden werden nicht immer von der Krankenkasse bezahlt - unter Umständen müssen die Versicherten die Kosten dann selbst tragen. Aber wer entscheidet eigentlich darüber, welche Therapien bezahlt werden? VdK-Rechtsexperte Oliver Sonntag beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.

Hilfsmittel abgelehnt?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht sowie aktuellen Infos rund um den Sozialverband VdK.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.