10. Juni 2022
BEHINDERUNG

Lieben und lieben lassen

Kinder mit Behinderung sollten von ihren Eltern behutsam durch die Pubertät begleitet werden

Eltern von Kindern oder Jugendlichen mit Behinderung sind manchmal überfordert, wenn der Nachwuchs in die Pubertät kommt. Maria Bakonyi von Pro Familia legt ihnen ans Herz, sich mit anderen Vätern und Müttern auszutauschen. Beratungsstellen unterstützen außerdem in dieser besonderen Zeit.

Ein junger Mann und eine junge Frau, beide im Rollstuhl, sind Hand in Hand im Grünen unterwegs.
© Jörg Farys | Gesellschaftsbilder.de

Mit der Sexualpädagogin für den Artikel zu sprechen, war ein bisschen so, als wäre man plötzlich selbst wieder in der Pubertät. Erinnerungen an damals kamen hoch, als man sich heimlich eine „Bravo“-Zeitschrift gekauft und wissbegierig die Antworten des „Dr. Sommer“-Teams gelesen hat. Auch an den Aufklärungsunterricht in der Schule fühlt man sich erinnert. Und dass einem in dieser Phase so vieles peinlich war. Maria Bakonyis Beruf ist es, dieses Thema aus der Tabuzone zu holen. Sie arbeitet seit 2006 bei Pro Familia in der Beratungsstelle in Würzburg und berät sowohl Familien als auch Bildungseinrichtungen, in denen Jugendliche mit Behinderung betreut werden.

Biologie und Identität

Welche Veränderungen kommen in der Pubertät auf die Jugendlichen zu? Was bedeutet es, ein Mädchen, ein Junge zu sein? „Diese Fragen und mehr brennen Kindern und Jugendlichen unter den Nägeln, wenn ich einen Workshop an einer Schule leite“, erzählt Bakonyi. Die Workshops hält sie auch in Schulen, in denen Kinder mit Behinderung unterrichtet werden. Die Themen sind bei allen Kindern dieselben. Sie drehen sich einen ganzen Vormittag lang um die Bereiche Körper, Liebe und Sexualität. Zudem werden die Informationen altersgerecht vermittelt. „In einer 5. Klasse ist es Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler die Veränderungen besser einordnen können“, sagt sie.

Bei älteren Jugendlichen gehen die Themen über die Biologie hinaus. „Es geht darum, zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten. Auch die Identität spielt eine Rolle: Welche Rollenmuster werden vorgelebt? Zudem bilden Verhütung sowie der Schutz vor sexueller Gewalt wichtigen Gesprächsstoff“, betont die Expertin. „Wissen stärkt das Selbstbewusstsein. Auch deshalb ist Aufklärung so wichtig“, sagt die Sozialpädagogin. Zumal der Zugang für Menschen mit Behinderung zu Informationen und Beratung häufig schwierig ist. So fehlt es zum Teil an Angeboten in Leichter Sprache.

Doch wie sollen Eltern mit ihrem Kind mit Behinderung in dieser Phase umgehen? „Wichtig ist, den Heranwachsenden zu vermitteln, dass Mutter und Vater ein offenes Ohr haben. Gleichzeitig dürfen Kinder sich abgrenzen und haben ein Recht auf Privatsphäre“, sagt die Expertin. „Die oder der Jugendliche kann selbst entscheiden, ob sie oder er das Gesprächsangebot der Eltern annehmen möchte oder nicht.“

Die Pubertät kann besonders für Eltern irritierend sein, die sich um ein geistig behindertes Kind kümmern. Ein Beispiel: Der Sohn ist auf einmal kein Kind mehr, die kognitive Entwicklung hinkt aufgrund der Behinderung jedoch der körperlichen hinterher. „Trotzdem haben alle Menschen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“, so Maria Bakonyi. Sie rät Eltern, sich Unterstützung zu holen, etwa von Lehrkräften, anderen Müttern und Vätern oder bei einer Beratungsstelle wie Pro Familia.

Mehr Infos finden Teenager mit Behinderung in Leichter Sprache auf der Webseite www.profamilia.de

Elisabeth Antritter


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Schlagworte Kinder | Jugendliche | Behinderung | Pubertät | Sexualität | Liebe | Identität | Rollenbilder | Familie | Eltern

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