15. März 2019
Themen

Pflegende Angehörige: Negative Emotionen sind normal

Einen Angehörigen zu pflegen – oft über viele Jahre hinweg – ist ein Kraftakt. Das ist eine wichtige und harte Arbeit, die höchste Anerkennung verdient. Oft geraten pflegende Angehörige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Dann brauchen sie Hilfe.

Eine ältere und eine jüngere Frauen gehen nebeneinander.
Pflege ist oft ein Kraftakt. Wie können sich Pflegende vor zu viel Stress schützen? | © Pixabay

„Ich kann nicht mehr.“ „Ich hätte nie gedacht, dass ich so wütend werden kann.“ Sätze wie diese werden am Beratungstelefon von „Pflege in Not“ des Diakonischen Werks Berlin Stadtmitte e. V. oft ausgesprochen. Angehörige, die sich bei Gabriele Tammen-Parr und ihren Kolleginnen melden, wissen nicht mehr weiter. „Die haben meist Situationen erlebt, in denen sie sich vor sich selbst erschrocken haben“, beschreibt Projektleiterin Tammen-Parr. Wer es schafft, sich Hilfe zu suchen, habe den ersten Schritt getan, um etwas zu ändern. Er hat erkannt, dass es nicht mehr so weitergehen kann.

Vor dieser Erkenntnis liegt meist ein harter Weg. Gabriele Tammen-Parr bekommt vieles zu hören: von Frauen, die ihren Mann pflegen und die früher so geschätzte Zweisamkeit nicht mehr ertragen können. Von Töchtern, die sich um die Mutter oder den Vater kümmern und unter der fehlenden Wertschätzung leiden.

So unterschiedlich diese Geschichten auch sind: Alle sind geprägt von Verletzungen, Enttäuschung, Verzweiflung und manchmal auch Resignation. Das wiederum ruft negative Emotionen hervor. „Das ist völlig normal“, sagt Gabriele Tammen-Parr. Es komme nur darauf an, aus situationsbedingten Aggressionen keinen dauerhaften Zustand der Wut, Hilflosigkeit oder gar des Hasses werden zu lassen. Letzteres schade dem pflegenden Angehörigen und der Person, die gepflegt wird, gleichermaßen.

Pflegende Angehörige: Geschichten aus der Vergangenheit brechen auf

In den psychologischen Gesprächen, die bei „Pflege in Not“ mit den Angehörigen geführt werden, ist ein Muster erkennbar. Wenn ein Angehöriger die Pflege übernimmt, treten oft nicht verarbeitete Dinge aus dem Familienleben zutage. „Das sind oft uralte Geschichten, die immer unter der Oberfläche brodelten und wieder aufbrechen“, erzählt Gabriele Tammen-Parr. Hier helfe es manchmal schon, sich alles von der Seele reden zu können. In manchen Fällen öffne das den Blick für das Wesentliche, und der Angehörige erlernt, wie er sich in belastenden Situationen verhalten muss, um nicht die Fassung zu verlieren.

Es sei auch ganz legitim, für sich in Frage zu stellen, ob man einen Angehörigen überhaupt pflegen will. „Wer ein sehr belastetes Verhältnis zu seinen Eltern hat, tut ihnen und sich selbst sicher keinen Gefallen, wenn er sie pflegt“, so die Projektleiterin von „Pflege in Not“. Generell sei es allerdings so, dass die Bereitschaft, einen Angehörigen zu pflegen, nach wie vor ungebrochen groß ist. Jeder, der pflegt, tue das aus Überzeugung und weil er für seinen Partner oder die Eltern das Beste will. Niemand könne am Anfang wissen, wie sich eine Pflegesituation über die Jahre entwickelt. Deshalb sei es völlig in Ordnung, sich die Frage „Kann ich noch pflegen?“ von Zeit zu Zeit wieder zu stellen. „Es ist keine Bankrotterklärung, Pflege in professionelle Hände zu geben und sich Unterstützung ins Haus zu holen“, rät Tammen-Parr.

Wie viele Studien belegen, sind viele pflegende Angehörige gesundheitlich angeschlagen. Vor allem die emotionale Belastung nimmt über die Jahre stark zu, was bei rund 80 Prozent der pflegenden Angehörigen der Fall ist. Deshalb setzt sich der Sozialverband VdK für mehr Wertschätzung, mehr Entlastungs- und Unterstützungsangebote und eine deutliche finanzielle Aufwertung der häuslichen Pflege ein.

Lesen Sie mehr:

STATEMENT
Verena Bentele, Präsident des Sozialverbands VdK Deutschland, am Rednerpult.
18.12.2018 - Die Pflegestatistik zeigt: Die Zahl pflegebedürftiger Menschen ist stark angestiegen. Der VdK meint: Für sie und ihre Familien muss mehr getan werden. | weiter
18.12.2018 | verantwortlich: Cornelia Jurrmann, Telefon: 030 / 92 10 580-401
Themen
Symbolgrafik: Eine ältere Frau mit Gehstock, neben ihr steht eine jüngere Frau und legt einen Arm um sie
Pflegebedürftige der Pflegegrade 1 bis 5 in häuslicher Pflege haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag von monatlich 125 Euro. Wer hat Anspruch? | weiter
11.12.2017 | cl

Der VdK stellt die Pflegepersonenzeit und das Pflegepersonengeld vor

Anders als für Eltern gibt es für Pflegende bisher nur wenig Unterstützung. Der VdK hat daher zwei Konzepte entwickelt, mit denen die Pflege anderer Menschen leichter werden soll: die Pflegepersonenzeit und das Pflegepersonengeld. Mehr über diese beiden Konzepte erfahren Sie in unserem Video.

ikl

Schlagworte Altenpflege | Entlastung | Entlastungsbetrag | Pflegebedürftigkeit

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie, was wir verändern wollen und wie wir uns eine Reform der Rente vorstellen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für Gleichberechtigung von Menschen mit und ohne Behinderung ein. Lesen Sie hier unsere Positionen zu Teilhabe, Inklusion und Behindertenpolitik. | weiter
  • Pflege
    Knapp 2,9 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. | weiter
  • Gesundheit
    Gesundheit muss für alle Menschen bezahlbar sein und bleiben. Lesen Sie hier unsere Forderungen und Positionen zur Gesundheitspolitik. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Über 16 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut und Ausgrenzung bedroht. Lesen Sie hier die Forderungen des VdK zum Thema soziale Gerechtigkeit. | weiter
  • Frauen
    Von Armut sind besonders häufig Frauen betroffen. Was aus Sicht des VdK getan werden muss, lesen Sie hier. | weiter
  • Familie
    Der VdK setzt sich für Familien ein. Unsere Forderungen zur Familienpolitik finden Sie hier. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Pflege viel zu teuer?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.