26. September 2013
Themen

"Wie vor einer unsichtbaren Glaswand" - Menschen mit Behinderung werden am Arbeitsplatz oft benachteiligt

Wer mit einem Handicap lebt, wird in der Arbeitswelt oft behindert. Viele Unternehmen geben diesen Menschen nicht die Chance, unter Beweis zu stellen, wie leistungsfähig und motiviert sie sind.

Symbolfoto: Eine Frau im Rollstuhl an ihrem Schreibtisch im Büro
© Imago

Wie der VdK aus seiner Beratungspraxis weiß, gibt es immer noch zu viele Barrieren in den Köpfen der Arbeitgeber. Er fordert deshalb, dass Arbeitgeber, die sich ihrer Beschäftigungspflicht komplett entziehen, eine erhöhte Ausgleichsabgabe zahlen müssen.

Jürgen L.(Name von der Redaktion geändert) hat um seinen Arbeitsplatz gekämpft. Nach mehr als 40 Berufsjahren als Karosseriebauer musste er sich mit Anfang 60 einer schweren Operation unterziehen. Als er nach längerer Krankheit und Reha an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte, begannen die Probleme. Man legte ihm nahe, Erwerbsminderungsrente zu beantragen. Jürgen L., der nach seiner Operation einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 hatte, fühlte sich nicht in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Ein ärztliches Attest bestätigte ihm das auch. Trotzdem bekam der langjährige Angestellte die Kündigung.

Ausgegrenzt und übergangen im Job

Der Mann aus dem Ruhrgebiet akzeptierte das nicht und erstritt vor Gericht seine Weiterbeschäftigung. Doch Grund zur Freude hatte Jürgen L. nicht lange. Er bekam Arbeitsaufgaben, die nicht seiner Qualifikation entsprachen, wurde ausgegrenzt und übergangen. Doch damit wollte er sich nicht abfinden. Der 63-Jährige wandte sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS).

Dort sind Fälle wie Jürgen L. keine Seltenheit. Der größte Teil der Anfragen an die ADS – etwa ein Viertel – kommen von Menschen, die sich wegen einer Behinderung benachteiligt fühlen. Laut einer Umfrage der Beratungsstelle denken zudem ein Drittel aller Befragten, dass sie aufgrund des Alters aus dem Betrieb gedrängt werden.

Anlässlich des diesjährigen Themenjahres "Selbstbestimmt dabei. Immer. Inklusion in Alltag und Arbeitsleben" gab die ADS eine Untersuchung in Auftrag, die den "Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen" untersuchte. Darin geht es vor allem um die mentalen Barrieren und Vorurteile, denen Menschen mit Behinderung und chronisch Kranke auf dem Arbeitsmarkt begegnen. "Es bestehen nach wie vor Informations- und vor allem Wahrnehmungsdefizite hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten, der Leistungsfähigkeit und der Belastbarkeit von Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen. Auch fehlen oft Kenntnisse über spezielle Eingliederungshilfen. Darüber hinaus bestimmen nach wie vor generelle Vorbehalte und Befürchtungen sowie oft verborgene Vorurteile und negative Einstellungen die Sicht in vielen Unternehmen", stellen die Autoren der Studie fest.

Arbeitgeber haben oft Vorurteile

Das deckt sich mit den Erfahrungen des Sozialverbands VdK. Dorothee Czennia, Referentin der Abteilung Sozialpolitik des Sozialverbands VdK Deutschland, sieht vor allem Vorurteile von Arbeitgebern als Grund für die geringe Beschäftigungsquote. "Dass Menschen mit einer Schwerbehinderung weniger leistungsfähig, häufiger krank und unkündbar sind, ist Unsinn", sagt die Expertin. Zudem komme es auf die jeweilige Behinderung sowie die Ausstattung des Arbeitsplatzes an. "Darüber hinaus kennen sich viele Betriebe mit den Fördermöglichkeiten für schwerbehinderte Beschäftigte nicht aus oder setzen sich einfach nicht damit auseinander", bemängelt Czennia. Es gibt zahlreiche Maßnahmen, die dazu beitragen, die Nachteile der Betroffenen am Arbeitsplatz auszugleichen, den Arbeitsplatz zu erhalten oder eine Neueinstellung zu ermöglichen.

Der Arbeitsplatz könne oftmals so ausgestattet werden, dass er behindertengerecht ist, so Czennia. Eine wichtige Unterstützung bilden etwa technische Hilfsmittel. Beispielsweise gibt es für sehr stark sehbehinderte Menschen Computer-Software, die den Bildausschnitt vergrößert, sowie Bildschirmlesegeräte. Menschen, die Lasten tragen müssen und körperlich eingeschränkt sind, werden durch Hebe- und Greifhilfen unterstützt. Im Normalfall wird Arbeitgebern der "behinderungsbedingte Mehraufwand" ausgeglichen. Zum Teil ist es auch möglich, dass Zuschüsse für die Lohnkosten übernommen werden. Es gibt also eigentlich keine Ausreden für Unternehmen, Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu schaffen.

Der VdK fordert deshalb, die Ausgleichsabgabe für Unternehmen, die ihrer Beschäftigungspflicht überhaupt nicht nachkommen, zu erhöhen. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass Unternehmen ab 20 Mitarbeitern fünf Prozent schwerbehinderte Arbeitnehmer beschäftigen müssen. Die Ausgleichsabgabe kann monatlich bis zu 290 Euro pro nicht besetztem Arbeitsplatz betragen.

Motiviert, leistungsbereit und engagiert

Doch viele Menschen mit Handicap scheitern schon bei der Jobsuche. In der ADS-Studie heißt es: "Betroffene Menschen stehen wie vor einer unsichtbaren Glaswand, erleben und vermuten, dass ihre Beeinträchtigung bei einer Absage ausschlaggebend war." Unternehmen, die Menschen mit Behinderung eine Chance geben, machen jedoch überwiegend positive Erfahrungen. Laut Untersuchung schätzen sie ihre Motivation und Leistungsbereitschaft sowie ihr großes Engagement. Zudem werde die Unternehmenskultur positiv beeinflusst und die Sensibilität der Mitarbeiter für den Umgang miteinander geschärft.

So war es auch im Fall von Jürgen L., der mithilfe der Antidiskriminierungsstelle seinen Arbeitgeber zum Umdenken brachte. Der Karosseriebauer bekam wieder die leitende Funktion, die er auch schon vor seiner Operation innehatte.

Kontakt:

Wer eine diskriminierende Erfahrung gemacht hat, kann sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Dort erfolgt eine Erstberatung, und es werden Möglichkeiten aufgezeigt, ob und wie Rechte durchgesetzt werden können. Telefon (0 30) 1 85 55 18 65, E-Mail beratung@ads.bund.de , Internet www.antidiskriminierungsstelle.de


Videos zum Thema:

VdK-TV: Nachteilsausgleiche im Berufsleben

Vorurteile von Arbeitgebern verhindern oft die Einstellung eines behinderten Menschen, obwohl mit Nachteilsausgleichen eventuell vorhandene Leistungsdefizite ausgeglichen werden könnten. Wie gut so etwas funktionieren kann, zeigt das Beispiel von Herrn Kunze und den Hoffmanns Höfen.

VdK-TV: Arbeit und Schwerbehinderung

Menschen mit Behinderung haben im Arbeitsleben schwer. Wenn Probleme am Arbeitsplatz oder bei der Jobsuche auftreten kann der Integrationsfachdienst helfen. Doch ohne die Offenheit von Betrieben und deren Bereitschaft, auch behinderte Mitarbeiter einzustellen, kann eine Integration nicht gelingen.

ikl

Schlagworte ADS | Antidiskriminierungsstelle | Behinderung | Arbeitsplatz | Diskriminierung | Studie | Ausgleichsabgabe | Unternehmen | Arbeitnehmer | behindert

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