19. Juni 2019
VdK-Zeitung

Samuel Koch im Interview: Raus aus dem Wohlfühlbereich

Er ist ein Mutmacher wie kein anderer. Nach seinem Unfall vor neun Jahren in der ZDF-Fernsehshow „Wetten, dass..?“ hat sich Samuel Koch zurückgekämpft und eine unglaubliche Karriere hingelegt. Dabei bewies der ehemalige Kunstturner, dass er seinen Ehrgeiz nicht verloren hat. Als erster Rollstuhlfahrer machte er 2014 das Schauspieldiplom. Seit der Spielzeit 2018/19 ist der 31-Jährige fest am Nationaltheater Mannheim engagiert. Im Interview mit der VdK-Zeitung spricht der Schauspieler und Bestsellerautor über Inklusion und wie ihm das Rampenlicht hilft, seinen Alltag zu meistern.

Samuel Koch | © imago images/photothek


VdK-Zeitung: Spielt für die Zuschauer Ihre Behinderung eine Rolle?

Samuel Koch: Mag sein, dass der ein oder andere aus voyeuristischen Motiven kommt. Der größte Teil des Publikums allerdings ist an der Inszenierung und nicht an mir als Person interessiert. Das gefällt mir. Das Schönste ist, wenn Zuschauer hinterher sagen: „Ach, Sie sitzen ja wirklich im Rollstuhl.“

VdK-Zeitung: Werden Sie als Darsteller so respektiert, wie Sie es sich wünschen?

Samuel Koch: Das Gute in meinem Beruf ist, dass Schauspieler wenig Berührungsängste haben. Es gab auch einen Schauspiel-Professor, der mich schon in der Klinik besucht hat. Später hat er mich mit dem Rollstuhl auf die Aula-Bühne geschickt, mit mir Texte durchgeprügelt und mich wie früher angeschrien, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe. Der hat an meine Fantasie geglaubt, als ich noch selbst mein größter Skeptiker war.

Verrückte Reise ins Ich: Samuel Koch (vorne) in einer Bühneninszenierung des Kult-Romans „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse am National­theater Mannheim (Regie: Dominik Günther). Der Schauspieler verkörpert einen Teil der facettenreichen und zerrissenen Persönlichkeit des Harry Haller, ebenso wie seine drei Schauspielkollegen László Branko Breiding, Boris Koneczny und Patrick Schnicke (von links). Koch ist seit der Spielzeit 2018/19 festes Ensemblemitglied am Nationaltheater Mannheim. | © Foto: Christian Kleiner/Nationaltheater Mannheim

VdK-Zeitung: Hilft Ihnen das Theaterspielen und das Schreiben dabei, Ihre körperliche Einschränkung zu vergessen?

Samuel Koch: Unbedingt.

VdK-Zeitung: Und wann stoßen Sie an Grenzen?

Samuel Koch: Wenn Dienstleister nicht nach Möglichkeiten, sondern nach Auswegen suchen.

VdK-Zeitung: Haben Sie den Eindruck, dass die Rollenauswahl und das Rollenangebot für Menschen mit Behinderung eingeschränkter ist als für andere Schauspielkollegen?

Samuel Koch: Ich bedauere, dass die Drehbuchautoren die Einschränkung nicht als Chance sehen, interessante realistische Darstellungen des Lebens und der Gesellschaftssituation widerzuspiegeln. Gleichzeitig ist jeder Mensch selbstverständlich irgendwie eingeschränkt. Ein „kleiner“ Spieler zum Beispiel wird im Volleyball eher Libero als Angreifer.

VdK-Zeitung: Es fällt auf, dass bis auf wenige Ausnahmen viele „Behinderten-Rollen“ wie Rollstuhlfahrer oder Sehbehinderte von nicht behinderten Schauspielern dargestellt werden. Sollte sich daran etwas ändern?

Samuel Koch: Ja, es dürfte sich etwas ändern und wird es auch in der nächsten Zeit.

VdK-Zeitung: Wie inklusiv ist die deutsche Theaterlandschaft, und wie finden Sie die inklusiven Angebote?

Samuel Koch: Zur Theaterlandschaft gehören sowohl die Menschen als auch die Logistik. Die Menschen sind schon weiter. Die Gebäude stammen meist aus den 1970er-Jahren und benötigen vielerorts noch eine barrierefreie Nachrüstung.

VdK-Zeitung: Auch dank Ihrer Prominenz können Sie sehr viele Menschen erreichen. Derzeit ist Ihr drittes Buch auf dem Markt. Was raten Sie einem Menschen mit Behinderung, der auch Theater spielen möchte?

Samuel Koch: Tatsächlich fühle ich mich manchmal mystisch überhöht, und ich vermag keine allgemeingültigen Antworten zu geben. Häufig sind Ratschläge auch nur Schläge, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass das, was im Einzelfall hilft, so individuell ist wie die einzelnen Persönlichkeiten und ihre Schicksale selbst. Was mir geholfen hat, kann für einen anderen genau das Falsche sein. Deshalb ist „Stehauf Mensch!“ auch kein Ratgeber. Ich für mich habe festgestellt, es lohnt sich, seinen Wohlfühlbereich und seine barrierefreien vier Wände zu verlassen. Auch wenn es Überwindung kostet und demütigend sein kann.

Buchtipp: Woher die Kraft kommt

Samuel Koch ist in seinem dritten Buch „Stehauf Mensch! Was macht uns stark? (K)ein Resilienz-Ratgeber“ der Frage nachgegangen, was Menschen die Kraft gibt, auch nach Schicksalsschlägen immer wieder aufzustehen. Dabei schöpft der Autor teils aus eigenen Erfahrungen, führte aber auch Gespräche mit Betroffenen und lässt Erkenntnisse aus der Hirnforschung einfließen. Das Buch motiviert, die eigene Widerstandsfähigkeit zu entdecken. ISBN 978-3-86334-211-1; adeo Verlag, 20 Euro

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Schlagworte Behinderung | Schauspieler | Samuel Koch | Theater | Inklusion | Resilienz

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