Kategorie VdK-Zeitung Gesundheit

Kommentar: Halb krank bei der Arbeit

Von: Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Nach der OPkurz fürOperation direkt zurück an den Schreibtisch? Verena Bentele warnt vor Teilkrankschreibung und Kürzungen beim Krankengeld: Wenn Gesundheit zur Verhandlungssache wird, zahlen Beschäftigte den Preis.

Ein Geschäftsmann an seinem Schreibtisch, seine rechte Schulter ist in einer Schlinge
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Stellen Sie sich vor, dass Sie gerade frisch operiert worden sind – ein Sehnenriss in der linken Schulter. Doch anstatt mit Ihnen über den Reha-Plan zu reden, wird im Arztgespräch mit Ihnen diskutiert, wie schnell Sie wieder teilweise arbeiten können. 75 Prozent, 50 Prozent oder doch nur 25 Prozent? Es sei schließlich „nur“ die linke Schulter, Sie als Rechtshänder könnten doch nach der Physiotherapie vielleicht nebenbei ein paar Mails  bearbeiten oder ein paar Telefonate führen. 

Arbeiten Sie an der Supermarktkasse oder auf dem Bau, ist die Einsicht der Orthopädin möglicherweise größer, dass Sie mit einem geschienten Arm keine große Hilfe an ihrem Arbeitsplatz sind, und Sie werden komplett krank-geschrieben. Da auch das Krankengeld abgesenkt werden soll, sind Sie vielleicht froh, dass Sie schneller wieder zurück in den Job können – egal, ob Ihnen das gesundheitlich guttut oder nicht.

VdK-Präsidentin Verena Bentele, im Hintergrund sieht man den Berliner Fernsehturm
Verena Bentele © VdK / Marlene Gawrisch

Wenn die Bundesregierung ihre Pläne für eine Teilkrankschreibung wahrmachen sollte, dann könnten solche Szenarien Wirklichkeit werden. Für Arbeitgeberinnen und -geber erscheint dieses Modell vielleicht reizvoll zu sein, für die Beschäftigten birgt es viele Risiken. Von einer freiwilligen Entscheidung, wieder mit einer halb auskurierten Verletzung zu arbeiten, kann nur bei den wenigsten die Rede sein. Gerade in Branchen mit hohem Personaldruck besteht die Gefahr, dass sich Beschäftigte zu früh zu viel zumuten.

Am Ende profitiert niemand, wenn das Sprechstundenzimmer zum Basar wird. Gesundheit darf keine Verhandlungsmasse sein. Entscheidungen über Krankschreibungen müssen sich am Ziel der vollständigen Genesung orientieren – nicht an Kostenerwägungen oder kurzfristigen Interessen.

Auch die Absenkung des Krankengeldes darf nicht kommen, denn sie würde den Menschen Druck machen, krank zurück in den Job zu kommen. Schon heute können Betriebe mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) gemeinsam mit den Beschäftigten eine Lösung zum Wiedereinstieg in den Job finden, die für die Gesundheit und den Arbeitsplatz passt.

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