24. November 2021
SOZIALE GERECHTIGKEIT

Leben als Bedarfsgemeinschaft

Eine Berliner Familie erhält vom Jobcenter rund 1650 Euro plus Miete – Für Geschenke und Christbaum bleibt kein Geld

Das Bild zeigt Ben Kurpanek von hinten in seiner Wohnung am Fenster stehend.
Kylo Ben Kurpanek wohnt mit seinen drei Söhnen in Berlin-Hellersdorf | © Jörg Ciszewski

Familie Kurpanek ist das, was man im Amtsdeutsch eine Bedarfsgemeinschaft nennt. Sie bekommt Geld vom Jobcenter, weil der Verdienst nicht reicht. Die aktuellen Preissteigerungen treffen sie besonders hart.

Wer Familie Kurpanek besucht, steht gleich im Wohnzimmer. Die 68 Quadratmeter große Wohnung hat keinen Flur. Vier kleine Zimmer, Küche, Bad für vier Menschen. Vater Kylo Ben Kurpanek lebt hier zusammen mit seinen drei Söhnen, 16, 17 und 24 Jahre.

Im Wohnzimmer stehen ein alter Fernseher und ein durchgesessenes Sofa, auf dem Tisch ein Schälchen mit Chips. Dass hier eine Familie wohnt, die von wenig Geld lebt, wird auf den ersten Blick klar. „Sparen ist für uns normal“, sagt Kylo Ben Kurpanek. Doch was heißt Sparen in Zeiten steigender Preise für Strom, Heizung und Lebensmittel? Auf was lässt sich da, wo wenig ist, noch verzichten?

Kurpanek ist kein Mann, der gern klagt. Er hat einen 450-Euro-Job als Aufsichtsperson in einem Indoor-Spielplatz. Außerdem bekommt er seit März Arbeitslosengeld I. Früher hat er als Reinigungskraft gearbeitet. Das ging wegen einer Halswirbelverletzung nicht mehr. „Wir kommen gerade so über die Runden“, sagt er.

Von den 450 Euro darf er nach Anrechnung durch das Jobcenter einen Freibetrag von 170 Euro behalten. Das Jobcenter zahlt monatlich rund 1650 Euro. Das sind die Hartz-IV-Regelbedarfe der vier Menschen plus ein Zuschuss für Alleinerziehende. Die Miete übernimmt das Amt. „Abzüglich von Fixkosten, wie zum Beispiel Strom, Internet und die Monatskarten für die Fahrten zur Schule und zur Ausbildungsstelle, bleiben uns etwa 1000 Euro monatlich zum Leben“, rechnet Kurpanek vor.

Seinem 17-jährigen Sohn, der eine Ausbildung zum Mechatroniker macht, bleiben von 505 Euro brutto am Ende nur 208 Euro netto übrig. Seit Oktober wohnt sein 24-jähriger Sohn wieder zu Hause. Er holt das Abitur nach und hat sich bei seinem Bruder einquartiert. „Das Geld ist wirklich knapp und Privatsphäre gibt es in dieser Wohnung nicht“, sagt er und holt sich aus der Küche eine Suppe, die sein Vater gekocht hat.

Der Vater legt Wert darauf, frisch zu kochen – auch weil es oft billiger ist. „Kartoffeln, Möhren, Lauch, Sellerie und etwas Suppenfleisch für den Geschmack“, zählt er die Zutaten für das Abendessen auf. „Kotelett oder Hähnchen kommen höchstens zwei- oder dreimal im Monat auf den Tisch.“ Früher hätten sie einmal im Monat für alle Pizza oder Burger bestellt. „Gestrichen. Zu teuer“, sagt Kurpanek und zuckt mit den Achseln.

Vorräte schwinden

Um mit dem Geld einigermaßen auszukommen, kauft er Lebensmittel im Sonderangebot ein. Eine gesunde Ernährung mit Gemüse und Obst ist ihm wichtig. Doch Paprika landen nicht mehr in seinem Einkaufskorb, nachdem diese zuletzt ein Euro teurer geworden sind, auch Tomaten nicht. Stattdessen liegen vom letzten Einkauf Staudensellerie, Brokkoli und Mandarinen im Küchenregal. Suppenfleisch habe er für neun Euro das Kilo bekommen. In der Küche köchelt im großen Topf die Suppe. „Wir richten unseren Speiseplan danach aus, was günstig ist.“

Am Ende des Monats wird es oft eng mit dem Geld. „Dann geht es an die Vorräte, die in besseren Monaten wieder aufgefüllt werden.“ Wegen der Preissteigerungen seien diese jedoch immer weiter geschrumpft. Hosen für die Söhne kauft die Familie oft im Second-Hand-Kaufhaus. „Manchmal gibt es dort Markenjeans für 20 Euro. Unterhosen nähe ich selber. Wenn man Glück hat, gibt es einen Meter Stoff aus China im Internet schon für zwei Euro.“ Was wäre, wenn die Waschmaschine morgen den Geist aufgibt? „Oh je. Daran will ich gar nicht denken. Da ginge wohl nur Ratenzahlung“, sagt Kurpanek.

Mit Blick auf die Weihnachtsfeiertage hat er ein mulmiges Gefühl. „Ich kann den Kindern in diesem Jahr keine Geschenke machen.“ Sie bekämen etwas von den Großeltern. Um zu Hause wenigstens ein wenig Festtagsstimmung aufkommen zu lassen, stellt er wieder den Christbaum aus Plastik auf. „Das machen wir schon seit einigen Jahren so, eine Nordmanntanne ist einfach nicht drin.“

Jörg Ciszewski

Schlagworte Armut | Preissteigerungen | Energiearmut

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