23. März 2018
SOZIALE GERECHTIGKEIT

Kommentar: Ein Platz an der Tafel

In Deutschland hatte man sich ja schon fast daran gewöhnt: an die Schlangen vor den Tafeln, in denen Tag für Tag arme Menschen für Lebensmittel anstehen. Doch jetzt hat eine Tafel in Essen Alarm geschlagen. Es seien einfach viel zu viele, die Nahrungsmittel bekommen wollen. Man müsse die Notbremse ziehen, damit nicht die etwas Stärkeren den ganz Schwachen den Platz an der Tafel streitig machen.

Das Bild zeigt Ulrike Mascher, Präsidentin des VdK
Ulrike Mascher | © Heidi Scherm

Als ich davon gehört habe, dachte ich: Es ist beschämend. Aber nicht für die verzweifelten Tafelkunden und schon gar nicht für die Ehrenamtlichen, die sich in Essen keinen anderen Rat mehr wussten, als vorübergehend junge Männer mit Flüchtlingshintergrund auszuschließen. Nein, es ist beschämend für unseren Staat, dass er seine Pflicht zur Daseinsfürsorge an Vereine wie die Tafeln abgibt und die Organisation der Armut ganz bequem dem Ehrenamt überlässt.

Armut ist Armut. Die Diskussion darf deshalb nicht darum gehen, dass „die Flüchtlinge“ den anderen das Essen wegnehmen. Damit wird nur ein Elend gegen das andere ausgespielt. Die Tafeln mögen manchen Politikern ihr schlechtes Gewissen erleichtern. Schließlich werden Lebensmittel, die vernichtet würden, an Menschen gegeben, die sie brauchen. Armutsursachen werden damit aber nicht bekämpft. Letztlich sind die Tafeln wie ein Pflaster, das eine offene Wunde nur verdeckt, aber nicht heilt.

Wie sehr sich der Staat schon auf die Tafeln verlässt, ist daran zu sehen, dass manchen Briefen mit den Bescheiden zur Grundsicherung gleich die Adresse der nächsten Ausgabestelle für Lebensmittel beigefügt wird. Aber wie passt das damit zusammen, dass in Deutschland angeblich niemand hungern muss? Und wie sieht es in Regionen aus, in denen es keine Tafeln gibt oder diese wegen des Andrangs einfach niemanden mehr aufnehmen können?

Die Debatte, die durch die Essener Tafel ausgelöst wurde, hat das Bewusstsein für die Armut im Land wieder geschärft. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Würde. Erst wenn Tafeln überflüssig geworden sind, ist dieses Ziel endlich erreicht.

Lesen Sie mehr:

SOZIALE GERECHTIGKEIT
Grafik zur Initiative, darauf steht "Arme Menschen nicht gegeneinander ausspielen! Sozialleistungen endlich erhöhen!"
Der VdK fordert gemeinsam mit mehr als 30 Organisationen entschlossene Maßnahmen zur Armutsbekämpfung und eine sofortige Anhebung der Regelsätze in der Grundsicherung! | weiter
06.03.2018
Presse
Das Portraitfoto zeigt VdK-Ehrenpräsidentin Ulrike Mascher
20.2.2018 - Zum heutigen Welttag der sozialen Gerechtigkeit fordert der VdK: Im Mittelpunkt der Politik und ihres Handelns muss wieder die soziale Gerechtigkeit stehen! | weiter
20.02.2018 | verantwortlich: Cornelia Jurrmann, Telefon: 030 / 92 10 580-401


VdK-TV: Die Tafeln

Bundesweit unterstützen die Tafeln inzwischen regelmäßig rund 1,5 Millionen Menschen und die Nachfrage steigt stetig. Aber so gut und wichtig es ist, dass es die Tafeln gibt, belegen sie andererseits auch das Versagen des Staates.

Ulrike Mascher, VdK-Präsidentin

Schlagworte Armut | Tafeln | soziale Spaltung | Grundsicherung | Flüchtlinge

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Armut ist eine der größten sozialen Katastrophen im Land.

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.