16. Februar 2021
PFLEGE

Mit Geduld die Veränderung meistern

Im Alter tauschen Eltern und Kinder die Rollen – für beide Seiten nicht einfach

Symbolfoto: Frau streichelt einer Seniorin im Rollstuhl das Gesicht
© imago/Westend61

Wenn Mutter und Vater alt werden, steht ein Rollenwechsel an. Die einst von der Hilfe der Eltern abhängigen Kinder übernehmen die Verantwortung für die zunehmend gebrechlich werdenden Senioren. Nicht immer fällt diese Veränderung leicht. Die psychologische Psychotherapeutin Dr. Helga Lauchart gibt Tipps, wie sie gelingen kann.

Der Rollenwechsel im Alter ist für beide Seiten eine enorme Umstellung. Für die Kinder waren die Eltern lange Zeit die Starken. Im Erwachsenenalter begegnen sich die Generationen meist auf Augenhöhe. „Wenn das Kräfteverhältnis jedoch kippt, müssen die erwachsenen Kinder ihre gefühlte Schutzglocke aufgeben. Das ist nicht immer angenehm“, sagt Lauchart.

Aber auch die Eltern haben mit dem Verlust ihrer Autonomie und Kompetenz zu kämpfen, weiß die Psychotherapeutin aus dem bayerischen Unterwössen. Wer zuvor schon Probleme hatte, Hilfe anzunehmen, tut sich nun noch schwerer. „Es ist schmerzlich, sich einzugestehen, dass ich nicht mehr alles kann“, so Lauchart. Viele Senioren schämen sich dafür – insbesondere vor den Menschen, die ihnen am vertrautesten sind. Auch Lauchart hat diese Erfahrung mit ihren Patienten gemacht: „Gegenüber den eigenen Kindern wird der Kontrollverlust oft schlimmer empfunden als gegenüber Fremden“, erklärt sie.

Nicht selten kommt es vor, dass die Eltern ihre Gebrechlichkeit gegenüber den Kindern anfangs noch kaschieren. Beispielsweise verschweigen sie einen Sturz oder überspielen die zunehmende Vergesslichkeit. Auch Lauchart hat diese Erfahrung gemacht: „Der größere Teil der Senioren neigt dazu, sich besser darzustellen, als sie tatsächlich sind.“ Auch vor sich selbst haben sie oft große Probleme, zuzugeben, dass manche Verrichtungen im Alltag nicht mehr möglich sind. Wer das Problem erst einmal erkannt habe, dem falle es leichter, Hilfe einzufordern.

Die Psychologin rät den Kindern, diesem schmerzhaften Rollenwechsel mit Geduld und Verständnis zu begegnen. Ideal sei, anfangs kleine Hilfen anzubieten. Dabei sollte man die Eltern noch so viel wie möglich selbst machen lassen. Ein Zuviel an Hilfe sei genau so problematisch wie gar keine Unterstützung.

„Weichspüler“ verwenden

Wenn ernsthafte Themen zur Sprache kommen müssen, biete es sich an, erst von jemand anderem in einer ähnlichen Lage zu sprechen und dann auf die eigene Situation überzuleiten, empfiehlt die Expertin. So könne man beispielsweise erzählen, die Eltern von Bekannten hätten eine Patientenverfügung erstellt, und dann nachfragen: Wie ist das eigentlich bei Euch? „Bei heiklen Themen kommt man an die Eltern besser ran, wenn man einen ,Weichspüler‘ verwendet“, betont Lauchart.

Liegt allerdings eine ernsthafte Gefährdung vor, sollte man eine deutliche Sprache wählen. Am besten gelingt das, wenn alle an einem Strang ziehen. „Zum Beispiel kann man eine Familienkonferenz einberufen, um den Eltern klarzumachen, dass sich alle Sorgen machen und dass sie so nicht weiterleben können“, schlägt die Psychotherapeutin vor. Sollten sich die Eltern weigern, ihre Schwächen zuzugeben und Hilfe anzunehmen, könne man sich überlegen, wer mit ihnen reden und sie überzeugen kann.

Etwas Besonderes ist der Rollenwechsel, wenn man sich dafür entscheidet, die eigenen Eltern zu pflegen. „Mit den Eltern verbindet uns eine gemeinsame Geschichte. Diese kann gut oder schlecht sein“, so Lauchart. Sie empfiehlt, sich im Vorfeld genau zu überlegen, ob man die häusliche Pflege zeitlich und finanziell stemmen kann. Ratsam ist es, bei einer solchen Entscheidung die eigene Familie mit einzubeziehen. Und natürlich den Pflegebedürftigen selbst: „Denn nicht jeder wünscht sich, im Alter von den eigenen Kindern versorgt zu werden.“

Annette Liebmann

Schlagworte Angehörigenpflege | Pflege | Eltern | häusliche Pflege

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