28. Oktober 2022
PFLEGE

Spagat zwischen zwei Welten

VdK-Mitglied berichtet, wie schwer es ist, Pflege und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren

Viele pflegende Angehörige stehen vor der Herausforderung, die Pflege mit ihrem beruflichen Alltag zu vereinbaren. So auch VdK-Mitglied Gabriele Mair-Bolland aus einer kleinen Gemeinde im Landkreis Dachau: Die 62-Jährige arbeitet in München und versorgt gleichzeitig ihren Mann – ein Spagat, der sie immer wieder an ihre Grenzen bringt.

Das Ehepaar Gabriele Mair-Bolland und Klaus Bolland in seiner Wohnung. Er sitzt im Rollstuhl, sie steht hinter ihm und hält die Griffe des Rollstuhls.
VdK-Mitglied Gabriele Mair-Bolland ist berufstätig und pflegt ihren Mann Klaus - oft ist es eine Zerreißprobe, beides unter einen Hut zu bringen.

Eine Erkrankung hat das Leben von Klaus Bolland und Gabriele Mair-Bolland für immer verändert: 2015 wurde bei Klaus Bolland ein Lymphom im zentralen Nervensystem entdeckt. Bei der Operation erlitt er eine Hirnblutung, lag mehrere Wochen im Koma, und sein Zustand war lange Zeit kritisch. Schließlich erholte er sich, ist aber seither halbseitig gelähmt.

2017 wurde bei ihm dann die Nervenkrankheit Polyneuropathie diagnostiziert. Dabei werden Nerven geschädigt oder unwiederbringlich zerstört. Die Folgen können Miss­empfindungen, ein unsicherer Gang und eine eingeschränkte Motorik sein. Gleichzeitig bemerkte Gabriele Mair-Bolland, wie sich die Persönlichkeit ihres Mannes veränderte. „Auf den ersten Blick schaut er gesund aus – aber er hat kognitive Einschränkungen und kann Gefahren und sein eigenes Können nicht mehr richtig einschätzen“, berichtet sie.


„Ich kann nicht mehr!“ – Nächstenpflege überm Limit

Gabriele Mair-Bolland versucht das Unmögliche: Sie will trotz ihres vollgepackten Berufsalltags ihren pflegebedürftigen Mann nicht allein lassen. Für das Ehepaar eine große physische und psychische Belastung. Mit seiner Kampagne "Nächstenpflege" lässt der Sozialverband VdK Menschen wie Gabriele Mair-Bolland ihre Geschichte erzählen.


In den vergangenen Jahren hat sich der Zustand von Klaus Bolland so verschlechtert, dass er pflegebedürftig wurde. Der 65-Jährige hat derzeit Pflegegrad 2, eine Höherstufung mittels telefonischer Begutachtung ist nur knapp gescheitert. „Mein Mann braucht unbedingt einen höheren Pflegegrad. Er ist nicht dement, aber auch nicht mehr in der Lage, Verantwortung für sich zu übernehmen“, sagt Ga­briele Mair-Bolland. Auch motorisch ist er eingeschränkt: Er läuft noch mühsam am Gehstock und nutzt oft einen Rollstuhl.

An zwei Tagen pro Woche kann die Sozialpädagogin von zu Hause aus arbeiten und sich um ihn kümmern, an zwei weiteren Tagen ist ihr Mann in der Tagespflege. Für einen dritten Tag hat die Einrichtung keinen Platz frei. An diesem Tag ist Klaus Bolland allein.

Blaues Wunder

„Wenn ich dienstags von der Arbeit nach Hause komme, erlebe ich manchmal ein blaues Wunder“, erzählt die 62-Jährige. Mehrfach ist ihr Mann schon gestürzt und hat sich dabei das Handgelenk oder eine Rippe gebrochen. „Einmal habe ich ihn vor dem Haus auf dem Boden liegend aufgefunden, ein andermal ist er mit dem Bus weggefahren, und ich wusste nicht, wohin“, schildert sie. „Er ergreift jede Gelegenheit, um das Haus zu verlassen – mit zum Teil fatalen Folgen.“ Hinzu kommt, dass er wieder mit dem Rauchen angefangen hat, was wiederum die Poly­neuropathie verschlimmert. Als er auf Reha war, habe ihn die Klinik deshalb vorzeitig entlassen mit der Begründung, das Risiko nicht übernehmen zu wollen, erzählt sie. „Stattdessen liegt die Verantwortung nun ganz bei mir, und ich muss die Aufpasserin spielen – eine Rolle, die ich nicht gerne einnehme“, sagt Mair-Bolland.

Sie wünscht sich, dass zumindest am Wochenende ab und an jemand da ist, der sie stundenweise entlastet, damit sie neue Kraft schöpfen kann. Denn für sich selbst bleibt ihr mit Vollzeit-­Job, eineinhalb Stunden Fahrzeit bis zum Arbeitgeber, der Pflege des Ehemanns, dem Haushalt und einer betagten Mutter, die zwischendurch ebenfalls Unterstützung braucht, nur wenig Zeit. „Ich fühle mich oft gestresst“, bekennt sie, „und dann werde ich ungeduldig meinem Mann gegenüber, was nicht in Ordnung ist“. Ein paar Mal hat sie sich eine Auszeit genommen. „Aber wenn ich dann weg war, ist immer etwas Schlimmes passiert.“

Wenn Klaus Bolland in der Tagespflege ist, fühlt sich seine Frau beruhigt. „Da weiß ich ihn gut versorgt“, sagt sie. Gerne hätte sie noch den dritten Tag abgedeckt, aber sie steht schon lange auf der Warteliste. Bisher gibt es keine Chance, dass mal ein Platz frei wird. Außerdem hofft sie, dass ihr Mann bei der nächsten Pflegebegutachtung Pflegegrad 3 erhält, damit er mehr Geld für Pflegesachleistung bekommt. Denn er hat nur eine niedrige Rente, die bei Weitem nicht ausreichen würde, um zusätzliche Pflegeleistungen aus eigener Tasche zu finanzieren.

Annette Liebmann


PFLEGE
Symbolfoto: Eine Altenpflegerin hilft einer Seniorin beim halten eines Trinkbechers.
Mit einem abgelehnten Pflegegrad oder einer abgelehnten Höherstufung muss man sich nicht abfinden. Der Sozialverband VdK rät, im Zweifelsfall Widerspruch einzulegen. | weiter
26.10.2022
PFLEGE
VdK-Präsidentin Verena Bentele
Einen Lohn für pflegende Angehörige hat VdK-Präsidentin Verena Bentele auf einer Pressekonferenz Ende September in Berlin gefordert. Im Rahmen der Nächstenpflege-Kampagne stellte der VdK zwei Studien zu der schwierigen finanziellen Situation von pflegenden Angehörigen vor. | weiter
25.10.2022

Schlagworte Pflege | #naechstenpflege | pflegende Angehörige

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Corona
    Aktuelle Maßnahmen, barrierefreie Texte und Videos sowie unsere Pressemitteilungen zum Thema. | weiter
  • Kampagnen
    Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Kampagnen transportiert der VdK seine Forderungen an die Politik und zeigt immer wieder soziale Missstände auf. | weiter

Pflegebedürftig? - Hier finden Sie Tipps und wichtige Informationen

Jetzt unsere kostenlosen Broschüren zur Pflegebegutachtung und zur häuslichen Pflege herunterladen und Pflegegrad unverbindlich berechnen:

PFLEGE
Symbolfoto: Eine ältere Frau mit einem Gehstock, sie ist bei einer jüngeren Frau untergehakt. Beide sieht man nur von hinten. Sie gehen auf einem Weg durch eine Grünanlage.
Wann ist man pflegebedürftig? Was geschieht bei der Pflegebegutachtung? Pflege-Broschüre gratis herunterladen und voraussichtlichen Pflegegrad berechnen!

Pflege viel zu teuer?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Alles zur großen VdK-Kampagne Nächstenpflege:

www.vdk-naechstenpflege.de

Presse
Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht sowie aktuellen Infos rund um den Sozialverband VdK.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.