27. Februar 2020
PFLEGE

Hohe Ausgaben für betreutes Wohnen

Laut Barmer-Pflegereport werden neue Wohnformen immer beliebter – Pflegequalität nicht gesichert

© Unsplash


Immer mehr Pflegebedürftige wollen lieber im betreuten Wohnen oder in einer Wohngemeinschaft leben als in einem Pflegeheim. Das geht aus dem Barmer-Pflegereport hervor, den die Krankenkasse Ende 2019 veröffentlicht hat. „Der deutsche Pflegemarkt steht vor einem Umbruch“, erwartet die Barmer Ersatzkasse.

Rund 150 000 der insgesamt 2,9 Millionen Pflegebedürftigen leben im betreuten Wohnen und 31 000 in einer Pflege-WG. Die dortige Versorgung verspricht nicht nur eine höhere Lebensqualität, sie ist auch ein lukratives Geschäftsmodell für die Betreiber. Laut Barmer kostete die Betreuung in diesen Wohnformen 2018 insgesamt knapp 400 Millionen Euro mehr als die Pflege in herkömmlichen Einrichtungen.
Kombinierte Leistungen
Den Grund für die fast doppelt so hohen Kosten sieht Studienautor Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen in der besonderen Konstruktion dieser Wohnformen: Elemente der ambulanten und stationären Pflege werden mit Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen, etwa der häuslichen Krankenpflege, kombiniert. Zudem werden mittlerweile drei von vier Wohnanlagen von Pflegeeinrichtungen betrieben.

„Betreutes Wohnen und Wohngemeinschaften richten sich immer mehr an der Pflege aus und werden in steigendem Maße direkt von Pflegeeinrichtungen angeboten. Wir sprechen deshalb zu Recht von einer Ambulantisierung der Pflege“, so Rothgang. Während sich die Ausgaben für die ambulante Pflege zwischen 2000 und 2018 von acht auf 22,6 Milliarden Euro fast verdreifacht haben, haben sich die Kosten im stationären Bereich nicht einmal verdoppelt.

Laut Pflegereport gibt es derzeit bundesweit bis zu 8000 betreute Wohnanlagen und 4000 Pflege-WGs. Allein 2018 waren 340 Anlagen in Planung oder bereits in Bau. Sorge bereitet dem Vorstandsvorsitzenden der Barmer, Professor Dr. Christoph Straub, dass trotz wachsender Kosten die Qualität der Pflege nicht steige beziehungsweise nicht gemessen werden könne. Er fordert die zeitnahe Entwicklung von Qualitätsmaßstäben für die neuen Wohn- und Pflegeformen, damit sie mit denen für die stationäre Pflege verglichen werden können. Zudem sieht er die Bundesländer in der Pflicht, die Angebote vor Ort sowie deren Qualität transparent zu machen.

Anzeichen, dass die pflegerische Versorgung im betreuten Wohnen oder in einer Pflege-WG auf der Strecke bleiben könnte, seien laut Barmer die Anzahl der Krankenhausaufenthalte, die Anzahl der Arztkontakte sowie die Häufigkeit des Wundliegens. 3,6 Prozent der Bewohner im betreuten Wohnen müssten wegen Erkrankungen ins Krankenhaus, die sich eigentlich ambulant sehr gut behandeln ließen. In Pflegeheimen seien es nur 2,4 Prozent. Auch die Häufigkeit der Arztkontakte sei deutlich niedriger. Während 86,6 Prozent der Pflegeheimbewohner ihren Hausarzt einmal im Monat sähen, seien es in den neuen Wohnformen nur 80 Prozent. Hinzu kommt, dass die Gefahr des Wundliegens größer sei als im Pflegeheim.

„Wer sich für betreutes Wohnen oder eine Wohngemeinschaft entscheidet, sucht vor allem mehr Lebensqualität im Vergleich zu einem Heim“, sagt Straub. Doch dabei dürfe die Qualität der Pflege nicht auf der Strecke bleiben.

Annette Liebmann

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