29. Januar 2018
PFLEGE

Gut gemeint, aber schlecht gemacht

Niedrigschwellige Hilfen sollen Pflegebedürftige und Angehörige entlasten – doch für die Zulassung gibt es oft hohe Hürden

Seit dem 1. Januar 2017 steht Pflegebedürftigen aller Pflegegrade monatlich ein Betrag von 125 Euro für zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen zur Verfügung. Mit diesem Geld sollen sie sich kleine Hilfen zur Bewältigung des Alltags „kaufen“ können. Doch die Entlastung kommt nicht an. Pflegebedürftige und deren Angehörige warten bislang oft vergeblich auf Unterstützung.

Symbolfoto: Eine ältere Frau geht mithilfe einer Krücke, sie ist bei einer jüngeren Frau eingehakt, die eine Einkaufstasche trägt
Hilfe bei alltäglichen Erledigungen, beispielsweise beim Einkaufen, soll es Pflegebedürftigen ermöglichen, zu Hause wohnen zu bleiben. | © imago/PPE

Fenster putzen, ein Bad nehmen, Gartenarbeit oder einkaufen gehen: Wer pflegebedürftig ist, kann vieles nicht mehr alleine bewältigen. Niedrigschwellige Hilfen sollen es ermöglichen, dass Betroffene möglichst lange selbstständig zu Hause leben können. Darunter fallen beispielsweise Angebote der hauswirtschaftlichen Versorgung, Fahr- und Begleitdienste, Botengänge, Unterstützung bei Anträgen und vieles mehr. Sie können von allen Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 1 abgerufen werden. Auch pflegende Angehörige sollen sich durch die Angebote eine Auszeit nehmen können.

Mittlerweile haben fast alle Bundesländer die entsprechende Verordnung auf den Weg gebracht. Bisher gibt es jedoch nur wenige Anbieter, meist in Städten und Ballungsräumen, während die Versorgung auf dem Land zu wünschen übrig lässt. Hier kommt auch der Fachkräftemangel zum Tragen. Viele Regionen haben bereits seit Jahren massive Probleme, Pflegekräfte zu finden. Bei den verschärft sich diese Situation.

Hürden für die Entlastung bei der Pflege sind groß

Dabei wäre die Nachfrage nach Entlastungsleistungen groß. Doch die Menschen, die sie dringend benötigen, dürfen ausschließlich anerkannte Dienste beauftragen. Die Hürden für die Zulassung sind in den meisten Bundesländern hoch. Zu den Vorgaben gehört unter anderem der Nachweis von Schulungen. Während Beschäftigte der hauswirtschaftlichen Anbieter in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise eine 20-stündige Schulung absolvieren, müssen sie in Schleswig-Holstein 120 und in Baden-Württemberg sogar mindestens 160 Stunden nachweisen. Das macht die Dienstleistungen teurer.

Das Grundproblem ist, dass die Länder die Anerkennung an den hohen Anforderungen für die Betreuung von Pflegebedürftigen ausgerichtet haben. Auch wer entlastende Haushaltstätigkeiten anbietet, muss sich an diese Richtlinien halten. Nach Auffassung des Sozialverbands VdK braucht es für haushaltsnahe Dienstleistungen jedoch keine intensive Schulung. Zwar ist es wichtig, dass die Mitarbeiter entsprechend eingewiesen werden, wenn sie beispielsweise mit Demenzkranken zu tun haben. Die Mehrzahl derer, die Unterstützung im Alltag benötigen, sind jedoch körperlich eingeschränkt und suchen einfach nur jemanden, der beim Putzen hilft oder die Gardinen abhängt.

Entlastungsbetrag: Bundesländer müssen Vorgaben überarbeiten

„Ich denke, es könnte auch ohne große Schulung viel geleistet werden“, ist VdK-Präsidentin Ulrike Mascher überzeugt. Bis zu 160 Stunden Ausbildung für einfache Hilfen im Haushalt seien unverhältnismäßig hohe Hürden. „Die Bundesländer müssen ihre Vorgaben dringend überarbeiten“, fordert sie.

Große Unterschiede weisen die Verordnungen der 16 Bundesländer auch hinsichtlich der zugelassenen Dienstleister auf. Die mit Abstand niedrigschwelligste Verordnung wurde in Sachsen erlassen. Um eine Anerkennung zu erhalten, ist eine Schulung zwar notwendig, die Stundenzahl wird aber nicht vorgeschrieben. Auch Einzelpersonen sind zugelassen. Dementsprechend ist die Anzahl der Angebote hoch.

Manche Bundesländer, wie beispielsweise Niedersachsen, stellen das Ehrenamt in den Mittelpunkt der Betreuungs- und Entlastungsleistungen. Etwa die Hälfte aller Bundesländer lässt Einzelpersonen zu. Diese müssen meist eine Zusammenarbeit mit einer Fachkraft eingehen. Viele Bundesländer setzen aber auch auf bewährte Anbieter, in der Regel bereits anerkannte Pflegedienste, deren Stundensatz im Vergleich zu Ehrenamtlichen oder einer Haushaltshilfe jedoch deutlich höher liegen.

Entlastung für pflegende Angehörige: Bis zu 60 Euro pro Stunde

Große Unterschiede gibt es auch bei den Kosten der Entlastungsleistungen. So legen beispielsweise Nordrhein-Westfalen und Thüringen in ihren Verordnungen fest, wie viel eine Stunde Hilfe kosten darf. Andere Bundesländer machen keine oder nur vage Angaben. Diese Lücke nutzen manche Anbieter aus. Bei Stundensätzen von über 60 Euro reichen die bereitgestellten 125 Euro gerade mal für knapp zwei bis drei Stunden Hilfe im Monat aus.

„Mit den Landesverordnungen sollte die Möglichkeit geschaffen werden, dass mit dem Entlastungsbetrag auch die Mithilfe von Freunden oder Nachbarn honoriert werden darf. Das wurde deutlich verfehlt“, erklärt Mascher. Ihrer Meinung nach ist am wichtigsten, dass die Hilfe ankommt: „Niedrigschwellige Angebote sollten auch niedrigschwellig ausgerichtet sein.“

Lesen Sie mehr:

PFLEGE
Symbolgrafik: Eine ältere Frau mit Gehstock, neben ihr steht eine jüngere Frau und legt einen Arm um sie
Pflegebedürftige der Pflegegrade 1 bis 5 in häuslicher Pflege haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag von monatlich 125 Euro. Wer hat Anspruch? | weiter
11.12.2017 | cl
PFLEGE
Symbolfoto: Eine ältere Frau mit einem Gehstock, sie ist bei einer jüngeren Frau untergehakt. Beide sieht man nur von hinten. Sie gehen auf einem Weg durch eine Grünanlage.
Wann ist man pflegebedürftig? Was geschieht bei der Pflegebegutachtung? Pflege-Broschüre gratis herunterladen und voraussichtlichen Pflegegrad berechnen! | weiter
24.11.2021
PUBLIKATION
Cover der Broschüre "Pflege geht jeden an. Angehörige selbst pflegen - ein Ratgeber"
Die kostenfreie Broschüre "Pflege geht jeden an" richtet sich an pflegende Angehörige oder solche, die es werden wollen. Lesen Sie unsere aktualisierte Broschüre mit den wichtigsten Tipps zur Pflege. | weiter
09.04.2019


VdK-TV: Pflegestärkungsgesetz 2017 – was ist neu?

Seit dem 1. Januar 2017 gilt das neue Pflegestärkungsgesetz II. Was ist neu, worauf müssen Sie 2017 achten?

ali

Schlagworte Entlastungsbetrag | Pflege | Pflegereform

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Kampagnen
    Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Kampagnen transportiert der VdK seine Forderungen an die Politik und zeigt immer wieder soziale Missstände auf. | weiter

Pflege viel zu teuer?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.