„Wir tauschen nicht Äpfel gegen Birnen“

Patienten bekommen in den Apotheken Lieferengpässe zu spüren

Das Bild zeigt Tablettenblister
© Unsplash

Während der Corona-Pandemie hat sich folgende Situation in den Apotheken noch verschärft: Ein Kunde will ein Rezept einlösen, bekommt das Medikament aber nicht, weil es nicht lieferbar ist. Der Apotheker weiß nicht, wann er es wieder vorrätig hat. Für all diejenigen, die auf lebensnotwendige Arzneien angewiesen sind, eine mehr als unbefriedigende Situation.

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte (BfArM) sind aktuell für rund 400 von etwa 100.000 zugelassenen Arzneimitteln Lieferengpässe gemeldet. Von einem Lieferengpass spricht man bei einer über zwei Wochen hinausgehenden Unterbrechung einer üblichen Auslieferung. Das Problem gab es schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa. Die Ursachen liegen im Kostendruck. Fast die gesamte Arzneimittel-Produktion hängt von chinesischen Herstellern ab, zum Beispiel bei Antibiotika. Der Grundstoff für diese Mittel wird fast ausschließlich dort produziert, dann teils in anderen Ländern weiterverarbeitet, vor allem in Indien. In Deutschland stellte die letzte große Antibiotika-Fabrik in Frankfurt-Höchst Anfang 2017 die Produktion ein.

Unabhängiger werden

„Wir können uns bei der Medikamentenproduktion künftig nicht mehr so auf Asien konzentrieren wie bisher. Wir müssen uns ein Stück weit unabhängig machen. Hier sind kluge Ideen aus Politik und von Gesundheitsexperten gefragt“, fordert VdK-Präsidentin Verena Bentele. Wer täglich lebensnotwendige Medikamente einnimmt, müsse sich auch darauf verlassen können, dass er sie bekommt. Das „Gesetz für einen fairen Kassenwettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung“ (GKV-FKG), das kürzlich in Kraft getreten ist, löst hier nicht alle Probleme. Es sieht aber vor, dass der Patient wenigstens keine Mehrkosten tragen muss, wenn er in der Apotheke ein teureres Medikament mit dem gleichen Wirkstoff bekommt.

Ein Lieferengpass muss nicht gleichzeitig ein Versorgungsengpass sein, da oftmals andere Arzneimittel mit identischen Wirkstoffen zur Verfügung stehen. Doch bei einigen Wirkstoffen, zum Beispiel bei Schilddrüsen-Medikamenten, kommt es nicht nur auf den identischen Wirkstoff, sondern auch die verwendeten Füllstoffe an. Letztere variieren von Hersteller zu Hersteller. Ein Wechsel auf ein anderes Fabrikat kann für den Patient unter Umständen mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein.

„Jeder Tag bringt neue Unwägbarkeiten. Wir wissen heute nicht, was morgen lieferbar ist“, sagt Cynthia Milz, Apothekerin aus Kulmbach und Mitglied im Vorstand der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). In den Apotheken werde jedoch immer versucht, eine Lösung für das Problem zu finden. „Wir tauschen nicht Äpfel gegen Birnen, sondern dort, wo es möglich ist“, so die Apothekerin. Doch bei etlichen Medikamenten könne kaum noch Rücksicht darauf genommen werden, welches spezielle Produkt der Patient erfahrungsgemäß gut verträgt oder an welche Herstellerfirma und welche Stückelung er gewöhnt ist.
„Wir sind in einer Situation, in der es darum geht, die Versorgung sicherzustellen“, so Milz. Laut einer ABDA-Umfrage gehören für mehr als 90 Prozent der Apothekerinnen und Apotheker Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag.

Ines Klut

Schlagworte Lieferengpässe | Apotheke

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