26. Oktober 2022
GESUNDHEIT

Lieferengpässe bei Medikamenten können fatale Auswirkungen haben

Patienten in großer Sorge

Einige Medikamente sind aufgrund von Lieferengpässen oder Lieferstopps zurzeit nicht oder nur in geringen Mengen verfügbar. Werden die Ursachen dafür nicht bald gelöst, stehen Patientinnen und Patienten, die auf eines dieser Arzneimittel angewiesen sind, vor einem großen, häufig sogar lebensbedrohenden Problem.

Symbolfoto: Leere Tablettenblister
© IMAGO / Action Pictures

Bei VdK-Mitglied Petra Porz aus Bad Laasphe (Nordrhein-Westfalen) wurde 2014 ein schweres angeborenes Antikörpermangelsyndrom CVID diagnostiziert. Der Immundefekt zieht bei ihr weitere Organe in Mitleidenschaft, Leukämie wurde als Vorstufe benannt. Um ihren Immun­globulinspiegel zu stabilisieren und ihr Infektions­risiko zu senken, spritzt sie sich wöchentlich 48 Milliliter Immun­globuline aus Blutplasma unter die Haut.

Ihr Medikament heißt Cutaquig. Doch im Juni dieses Jahres hat das Schweizer Herstellerunternehmen Octapharma den Verkauf des für Petra Porz alternativ­losen Präparats urplötzlich gestoppt. Seitdem schmilzt ihr Vorrat dahin. „Leider habe ich nur noch bis Januar Immun­globuline“, klagt sie. „Und dann? Ich habe wahnsinnige Angst, dass der Krebs dann doch ausbrechen wird.“


Lieferengpässe bei Medikamenten

Ob Schmerz- und Kreislaufmittel, Antibiotika oder Blutdrucksenker: Medikamente, die viele Menschen benötigen, sind bundesweit in Apotheken immer öfter nicht vorrätig. Einige Medikamente sind sogar monatelang nicht lieferbar. Während der Corona-Krise hat sich diese Situation noch verschärft.


Laut Octapharma sind mindestens 20.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Deutschland von dem Lieferstopp betroffen. Auslöser sind Rabattforderungen des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband). Dieser erklärt auf VdK-­Anfrage, dass Cutaquig 2020 als Nachfolger des Immunglobulins Gammanorm zu einem deutlich höheren Preis auf den Markt gebracht wurde.

Rabattpflicht oder nicht?

Streitpunkt ist, ob Octapharma gesetzlichen und privaten Krankenkassen Rabatte einräumen muss, die sich am Preisniveau von 2009 orientieren. Dieser sogenannte Herstellerrabatt wurde vom Gesetzgeber eingeführt, um Preiserhöhungen einzudämmen. Für Octapharma würde ein solcher Rabatt nach eigener Aussage dazu führen, dass das Medikament unter den Herstellungskosten vertrieben werden muss. Daher reagierte das Unternehmen mit einem vorläufigen Lieferstopp – zulasten von Patientinnen und Patienten wie Petra Porz.

Aus Sicht des GKV-Spitzenverbands muss Octapharma „pharmakologisch nachweisen, dass Gründe bestehen, dass der gesetzlich vorgeschriebene Abschlag nicht zum Tragen kommt“. Im Klartext: dass Cutaquig im Vergleich zu Gammanorm eine Neuentwicklung ist und kein wirkstoffgleiches Präparat. Nur dies würde einen höheren Preis rechtfertigen. Einen entsprechenden Nachweis habe das Pharmaunternehmen bisher jedoch nicht geliefert.

Probleme mit Lieferengpässen bestehen aber auch bei anderen Medikamenten. Beispielsweise waren gängige Mittel gegen Blut­hochdruck und Diabetes oder Schmerzmittel wie Ibuprofen phasenweise bereits nicht erhältlich. Laut dem Deutschen Apothekerverband (DAV) ist der Kostendruck im Gesundheitswesen eine der Ursachen dafür. Mittlerweile findet die Wirkstoffproduktion überwiegend in Fernost statt. Steht die Produktion corona­bedingt still, können auch große europäische Hersteller ihre Fertigarzneimittel nicht liefern. Und nicht zuletzt haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine zu einer erhöhten Nachfrage geführt, was die Versorgungssituation zeitweise verschärft hat. Der DAV fordert daher unter anderem, die Wirkstoffproduktion nach Europa zurückzuverlagern.

Mirko Besch


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Schlagworte Medikamente | Arzneimittel | Lieferengpass | Cutaquig | Hersteller | Octapharma

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