25. Januar 2022
GESUNDHEIT

Gesund essen mit Genuss

„Ernährungs-Doc“ Dr. Matthias Riedl über Ernährung als Medizin

Essen als Bestandteil einer Therapie spielt in der Medizin bisher keine Rolle. „Die Ernährungs-Docs“ wollen das ändern. In der Sendereihe des Norddeutschen Rundfunks (NDR) beraten mehrere Ärzte chronisch erkrankte Menschen, wie sie sich ernähren können, um ihre Beschwerden zu lindern. Die VdK-Zeitung sprach mit Internist Dr. Matthias Riedl.

Symbolfoto: Obst, Gemüse, Nüsse und Kräuter
© pixabay.de

Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Gesundheitsvorsorge?

Dr. Matthias Riedl: Eine sehr große! Etwa 80 Prozent der Krankheiten und 40 Prozent der Krebsfälle in Europa sind auf einen ungesunden Lebensstil zurückzuführen. Dabei spielt Ernährung die wichtigste Rolle. Anders ausgedrückt: Nahezu jede Erkrankung lässt sich durch die richtige Ernährung verbessern, wenn sie dadurch nicht sogar heilbar wird.

Kann es tatsächlich gelingen, mit der richtigen Ernährung chronische Beschwerden und Erkrankungen zu lindern?

Auf jeden Fall! Die meisten Krankheiten und Beschwerden kommen erst durch falsche Ernährung zustande und sind umkehrbar. In die Therapie sollte aber auch Bewegung eingebunden werden. Die Medizin sollte immer ursächlich behandeln. Derzeit kommen die Ärzte dieser Verantwortung jedoch nicht nach, weil die Zusammenhänge zwischen Erkrankung und Ernährung oft vernachlässigt werden.

Viele Menschen in den Industrienationen erkranken an Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Inwieweit trägt die westliche Lebensweise mit ihren Ernährungsgewohnheiten dazu bei?

Unsere Ernährung besteht leider aus viel schlechtem Fett, Zucker, stark verarbeiteten Produkten, Zusatzstoffen, wenig Ballaststoffen. Hinzu kommt bei vielen Menschen Bewegungsmangel. Beispiel Palmfett: Es ist mittlerweile in jedem zweiten Produkt enthalten und steht im Verdacht, Diabetes, Infarkte und die Bildung von Metastasen zu fördern. Wir wissen heute auch, dass Zucker Krebs mit verursachen kann.

Sie haben Ernährungstipps für verschiedene Krankheitsbilder entwickelt. Welchen Stellenwert bei der Therapie sollte die Ernährung einnehmen, und welchen die schulmedizinische Behandlung?

Bei jeder Erkrankung kommt es zu einer Belastung des Organismus. Zur Heilung muss der Körper alle Nährstoffe bekommen, die er braucht. Deshalb haben wir die richtige Ernährung immer mit im Boot. Die Deutsche Diabetesgesellschaft hat lange verneint, dass ein Typ-2-Diabetes heilbar wäre. Nun ist sie zurückgerudert, weil es Studien gibt, die das Gegenteil beweisen. Bei einigen Erkrankungen, wie zum Beispiel Typ-1-Diabetes oder Krankheiten in fortgeschrittenen Stadien, muss zusätzlich medikamentös gearbeitet werden. Die Schulmedizin spielt immer eine Rolle, weil ja erst eine klare Diagnose gestellt werden muss.

Gibt es einen Ernährungsstil, der generell gut geeignet ist, um langfristig die Gesundheit zu erhalten?

Die Grundregel lautet: Viele pflanzliche Lebensmittel, wenig tierische Produkte. Dort, wo so gegessen wird, finden wir die meisten 100-Jährigen, beispielsweise in Okinawa oder auf Sardinien. Zu einer gesunden Ernährung gehören viel Gemüse, Vollkornprodukte, Ballaststoffe sowie eine angemessene Zufuhr an Proteinen, Kohlenhydraten und Fetten. Je bunter, abwechslungsreicher und ausgewogener, desto besser. Am besten frisch, regional, saisonal und in guter Qualität. Zu viele Fertigprodukte verkürzen nachweislich das Leben.

Worin liegt der Unterschied zwischen Ernährungsumstellung und einer Diät?

Diäten beinhalten strikte Pläne und Verbote. Sie funktionieren oft nur kurzfristig und können zu einem Jo-Jo-Effekt führen. Niemand kann, will und sollte sich sein ganzes Leben lang restriktiv ernähren. Eine Ernährungsumstellung hingegen wirkt langfristig. Es sollte eine Ernährung gefunden werden, die gut umzusetzen ist, schmeckt und Genuss bereitet. Die Erfolge sind zwar langsamer zu erkennen, aber dafür sind sie größer und halten auch wirklich an.

Bedeutet eine Ernährungsumstellung nicht immer auch Verzicht?

Wir praktizieren nach dem 20:80-Prinzip. Das heißt, wir analysieren vor der Therapie das Essverhalten der Patientin oder des Patienten und verändern etwa 20 Prozent. Die anderen 80 Prozent dürfen bestehen bleiben. Dadurch wird Heißhungerattacken vorgebeugt, die oft bei starkem Verzicht und Verboten eintreten. Hie und da wird bei den Mahlzeiten und Getränken an Stellschrauben gedreht, aber die liebsten Gewohnheiten dürfen bleiben. Die Methoden, auf deren Basis wir arbeiten, sind unter anderem von der Stanford University in Kalifornien belegt. Übrigens haben wir mit myFoodDoctor mittlerweile die erste App für Ernährungstherapie entwickelt.

Bei welchen Erkrankungen ist eine Ernährungsumstellung sinnvoll?

Die Frage muss eher lauten: Bei welchen nicht? Bei Arthrose, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, hohem Cholesterinspiegel, Rheuma, COPD, Osteoporose, Reizdarm, Intoleranzen, Colitis und einigen Krebserkrankungen kommt es durch eine Ernährungsumstellung zu deutlichen Besserungen bis hin zu Beschwerdefreiheit. Letztlich profitieren alle davon, die an einer Zivilisationskrankheit leiden. Aber muss es denn erst zu einer Erkrankung kommen?

Was raten Sie Menschen, die beispielsweise an einem Diabetes erkrankt sind?

Grundsätzlich sind Diabetes Typ 1 und 2 eine Stoffwechselstörung. Wer Probleme mit Kohlenhydraten hat, sollte damit vorsichtig sein, insbesondere wenn sie hochverarbeitet sind und schnell verstoffwechselt werden. Während Typ 1 durch eine Umstellung auf kohlenhydratarme Ernährung sein Gewicht halten kann und die Blutzuckerwerte verbessert, gilt für Typ 2 ganz klar: Es besteht eine reelle Heilungschance von über 80 Prozent. Bei großem Übergewicht sind sogar nach Jahren noch Heilungen möglich.

Grundsätzlich sollten Typ-2-Diabetiker auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Ballaststoffen sowie genügend Proteinen setzen. Regelmäßige Bewegung, mehrstündige Essenspausen sowie Intervallfasten sind ebenfalls wichtig, um langfristig eine Besserung zu erreichen.

Wie schnell kann ich bei einer Ernährungstherapie erste Erfolge sehen?

Die Spanne geht von Tagen, wie bei Intoleranzen, bis hin zu Monaten, wie etwa bei Rheuma. Grundsätzlich brauchen entzündliche Prozesse länger. Ist die Umstellung gelungen, berichten die meisten Menschen, sie würden sich viel wohler und fitter fühlen. Auch die Olympia-Teilnehmer, die wir im Medicum Hamburg beraten, haben ihre Ernährung optimiert.

Viele Menschen haben einen inneren Schweinehund, der sie daran hindert, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Was raten Sie in solchen Fällen?

Den Schweinehund haben wir ganz schnell an der Leine, wenn wir satt sind und das Essen lecker war. Unsere Rezepte sorgen dafür, dass es auch schmeckt. Jetzt muss der Kopf nur noch offen für Veränderungen sein – und los geht‘s.

Interview: Annette Liebmann.

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Schlagworte Ernährungs-Docs | chronische Erkrankung | Ernährungsumstellung | Diabetes | COPD | Osteoporose | Bluthochdruck | Krebs

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