3. Mai 2021
GESUNDHEIT

Depressionen im Alter: Für Hilfe ist es nie zu spät

Altersdepression wird oft nicht ernst genommen. Auch Hochbetagte können ihr Leben verbessern

Ältere Frau hält sich die Hände vor ihr Gesicht
© unsplash

Nachlassende Freude, Niedergeschlagenheit, schlechter Schlaf und Appetitlosigkeit: Viele ältere Menschen glauben, Depressionen gehörten zum Alter dazu. „Dabei lassen sie sich auch im höheren Lebensalter gut behandeln“, sagt Professor Dr. Reinhard Lindner, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie.

Aus medizinischer Sicht gibt es keine Altersdepressionen. „Wir sprechen von Depressionen im Alter, denn in dieser Lebensphase treten bestimmte Erfahrungen und Verluste gehäuft auf“, erklärt Lindner. Das kann etwa eine Erkrankung sein, die verbunden ist mit nachlassenden Fähigkeiten, zum Beispiel Einschränkungen in der Mobilität. Oder das Ende der Berufstätigkeit, das als schmerzhaft empfunden wird, weil die Arbeit einen wichtigen Teil der Identität darstellt. Häufig ist es auch der Tod eines nahestehenden Menschen, der einen in ein tiefes Loch fallen lässt. „Trauer ist wichtig, um den Verlust zu verarbeiten“, sagt Lindner. „Doch wenn sie dauerhaft ins Leben einzieht und verbunden ist mit negativen Gedanken, die sich nur im Kreis drehen, dann sollte man Hilfe suchen.“

Insgesamt sei aber die Rate der Senioren, die an einer Depression erkrankt sind, nicht höher als in anderen Altersgruppen. „Viele Menschen sind im Alter sehr zufrieden. Vor allem wächst mit der Lebenserfahrung oftmals auch die Resilienz – das heißt, die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen“, so der Experte.

Wer in höherem Alter an einer Depression erkrankt, sucht allerdings viel seltener Unterstützung. Das kann zum einen daran liegen, dass die oder der Betroffene die Beschwerden nicht ernst nimmt. Viele glauben aber auch, die Depression allein bewältigen zu können. Doch das sei ein Trugschluss. „Es gibt viele Wege aus einer Depression. Aber es ist äußerst schwierig, ohne Unterstützung wieder herauszufinden“, weiß Lindner. Natürlich sei die Prognose auch abhängig vom Grund für die Erkrankung. In manchen Fällen könne es durchaus hilfreich sein, das Problem durch intensives Nachdenken zu lösen. Aber das komme nur sehr selten vor.

Nicht verheimlichen

„Vielen geht es ohne Hilfe nach einiger Zeit besser, aber sie sind nach wie vor sehr verletzlich. Wenn dann eine neue, belastende Situation hinzukommt, besteht die Gefahr, dass sie wieder in die Depression zurückfallen“, erläutert der Mediziner.

Er hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem die Generation der Hochbetagten große Schwierigkeiten hat, um Unterstützung zu bitten. „Menschen über 80 Jahre empfinden psychische Erkrankungen oft als Manko“, berichtet er. Sie schämten sich dafür oder verheimlichten die Depression. Jüngere Senioren hingegen seien besser informiert und suchten deutlich mehr Hilfe als noch vor 20 Jahren.

Dabei würden auch Hochbetagte noch von einer Psychotherapie profitieren. Die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen. „Wenn man einen Herzinfarkt hat, geht man zum Herzspezialisten“, so Lindner. Genau so sei es mit einer Psychotherapie: „Sie kann jemandem helfen, mit schwierigen inneren Situationen umzugehen. Es ist der leichtere Weg.“

Der Weg zur Therapeutin oder zum Therapeuten führt meist über den Hausarzt oder einen anderen Arzt, zu dem man Vertrauen hat. Für die verschiedenen Typen der Depression gibt es eine große Bandbreite von Behandlungsmöglichkeiten. Selbst Hochbetagte können sich laut Lindner weiterentwickeln und ihr Leben verbessern: „Wir haben in der Geriatrie erstaunliche Erfahrungen gemacht: Wenn die Senioren sich angenommen fühlen und über die Dinge reden können, die sie bewegen, schwinden ihre Bedenken gegenüber dem Psychiater.“

Annette Liebmann

Schlagworte Depression | Alter | Psychotherapie

  • Sozialrecht
    Ob Rente, Gesundheit und Pflege, Teilhabe und Behinderung, Leben im Alter oder soziale Sicherung: Der Sozialverband VdK ist für seine Mitglieder ein kompetenter Ratgeber und Helfer in allen sozialrechtlichen Belangen. | weiter
  • Rente
    Der VdK will die Rente zukunftssicher machen und Altersarmut verhindern. Lesen Sie hier alles rund um die Themen Rente, Alterssicherung und unsere rentenpolitischen Forderungen. | weiter
  • Behinderung
    Der VdK setzt sich für gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung in allen Lebensbereichen ein. Lesen Sie mehr zu Inklusion, Behindertenpolitik und Barrierefreiheit. | weiter
  • Pflege
    Wir finden: Die Situation Pflegebedürftiger und Pflegender muss sich dringend verbessern. Lesen Sie hier mehr zum Thema Pflegepolitik, pflegende Angehörige, häusliche Pflege und Pflegeleistungen. | weiter
  • Gesundheit
    Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet ist. Lesen Sie mehr zu Gesundheitspolitik, Prävention, Gesundheitsleistungen, Hilfsmitteln und Versorgung. | weiter
  • Soziale Gerechtigkeit
    Rund 15,3 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht - das ist fast jeder Fünfte! Der Sozialverband VdK kämpft für soziale Gerechtigkeit und setzt sich gegen die fortschreitende soziale Spaltung ein. | weiter
  • Frauen
    Frauen erhalten 49 Prozent weniger Einkommen und 53 Prozent weniger Rente als Männer. Der Sozialverband VdK setzt sich für mehr Gerechtigkeit für Frauen ein, kämpft für Gleichberechtigung und Gleichstellung. | weiter
  • Familie
    Wir brauchen Verlässlichkeit für Familien. Der VdK setzt sich unter anderem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein, für familiengerechte Arbeitszeiten, den Ausbau der Kinderbetreuung und für ein Rückkehrrecht in Vollzeit. | weiter
  • Reha
    Krankheit, Unfall, Klinikaufenthalt: Die Rehabilitation setzt dort an, wo die Selbstbestimmung eines Menschen gefährdet ist. | weiter
  • Verena Benteles Lichtblicke
    Die neue Tagebuch-Kolumne der VdK-Präsidentin. Positiv und persönlich: Mit ihrer Kolumne 'Verenas Lichtblick' will sie Leserinnen und Lesern, auch in Zeiten von Corona, Hoffnung machen. | weiter
    30.03.2020

Zu hohe Kosten für Medikamente?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Das Bild zeigt einen Bildschirm, auf dem Googlemail geöffnet ist
Abonnieren Sie unseren Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.