5. Dezember 2022
BEHINDERUNG

HNO-Ärztin mit Leidenschaft

Als erste gehörlose Chefärztin Deutschlands will Veronika Wolter die Versorgung aufbauen, die sie sich immer gewünscht hat

Im Kindesalter hat Veronika Wolter ihr Gehör verloren. Heute ist sie die erste gehörlose Chefärztin in einem deutschen Akutkrankenhaus. Im Helios-Klinikum München West leitet sie die neu geschaffene Hörklinik.

Veronika Wolter mit einer Patientin. Sie hält ein Ohrmodell in der Hand, schaut freundlich in die Kamera.
Veronika Wolter (rechts) hat selbst erfahren, wie schwer es ist, als gehörlose Patientin Verständnis zu finden. | © Anouk Joester

Veronika Wolter kommt etwas später zum verabredeten Termin – sie war noch im Gespräch mit einer Patientin. Dafür nimmt sie sich gerne Zeit, denn sie weiß allzu gut, wie es ist, als Gehörlose auf die Hilfe von Ärztinnen und Ärzten angewiesen zu sein.

Von ihrer Behinderung merkt man wenig. Nur zwei kleine, transparente Schläuche hinter den Ohren erinnern daran, dass sie ohne Cochlea-­Implantate eigentlich vollkommen taub wäre. Wolter spricht schnell, und wenn es um ihr Fachgebiet geht, sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus.

Dumpfes Gefühl im Ohr

Im Alter von neun Jahren erkrankte sie an einer Virus-Meningitis. Diese Viren verursachen grippeähnliche Symptome und können die empfindlichen Zellen im Innenohr schädigen. Wolter erinnert sich noch genau, dass sie danach ein dumpfes Gefühl auf den Ohren hatte, das nicht mehr wegging. Gesagt hat sie nichts. Die Lehrerin war es schließlich, die bemerkte, dass mit der Schülerin etwas nicht stimmte. Eine ärztliche Untersuchung bestätigte den Verdacht: Das Virus hatte das Gehör unwiederbringlich geschädigt.

„Ich musste ab der dritten Klasse Hörgeräte tragen“, erzählt Wolter. Nicht nur, dass diese Hilfsmittel viel zu groß waren, juckten und drückten – sie waren auch deutlich zu sehen und machten das Mädchen mit einem Schlag zur Außenseiterin. „Ich war auf einer Schule auf dem Land. Da gab es keine Inklusion, da kannte man nur ,behinderte‘ und ,normale‘ Kinder“, sagt sie.

Die Lehrerinnen und Lehrer sowie die Eltern der anderen Kinder waren der Meinung, eine ertaubte Schülerin habe an einer Regelschule nichts zu suchen. Hinzu kam das Gespött ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler.
Wolter hat damals gelernt, ihre Behinderung zu verstecken. Sie ließ sich die Haare wachsen, sodass die Hörgeräte kaum noch zu sehen waren. Wenn sie etwas nicht verstanden hatte, fragte sie nach. „Viele haben mich deshalb für dumm gehalten“, glaubt sie. „Aber das war mir immer noch lieber, als wegen meiner Behinderung nicht mehr dazuzugehören.“ Schwierig war es auch, einen passenden Arzt zu finden. Denn fast kein Mediziner hatte Verständnis für das Mädchen, das mit den Hörgeräten nur schlecht zurechtkam.

Nach dem Abitur entschied sich Wolter, Medizin zu studieren. Dass sie als Schwerpunkt Hals-Nasen-­Ohren-Heilkunde wählen würde, hatte sie eigentlich nicht im Sinn. „Heute weiß ich aber, dass ich immer im Bereich der Otologie gelandet wäre“, sagt sie begeistert. „Am meisten freut mich, wenn ich mit meiner Hände Arbeit den Menschen ihr Gehör zurückgeben kann.“

Auch der Weg an der Uni war nicht immer einfach. Manche Professoren waren der Überzeugung, dass die junge Studentin durch ihre Einschränkung niemals als normale Ärztin würde arbeiten können. „Allerdings hatte ich viel mehr Möglichkeiten als in der Schule, mir den Lernstoff selber anzueignen, und habe sehr gute Noten geschrieben“, erinnert sie sich.

2005 veränderte sich für Veronika Wolter alles: Als dritter Person weltweit wurde ihr ein neuartiges Hörgerät implantiert, ein Vorläufer der heutigen Cochlea-Implantate. Im Gegensatz zu herkömmlichen Hörgeräten überträgt es nicht nur lauten Schall in den Gehörgang, sondern verstärkt ihn direkt an den Gehörknöchelchen im Mittel­ohr. 2009 wurde es durch ein Cochlea-Implantat ersetzt. Das Ergebnis: „Ich höre fast genauso gut wie vor meiner Erkrankung mit neun Jahren“, so Wolter. „Mit diesem Implantat habe ich ein neues Sinnesorgan bekommen.“

Auch beruflich lief es gut für sie: In ihrer ersten Anstellung an einer Münchner Klinik arbeitete sie mit einem Chefarzt zusammen, der in ihrer Behinderung nicht einen Makel, sondern einen Vorteil sah. Er brachte ihr das Operieren bei. „Das war eine der wichtigsten Begegnungen meines Lebens“, betont sie. Kurze Zeit nach ihrer Anerkennung zur Fachärztin stieg sie zur Oberärztin auf und kümmerte sich um die Patientenbetreuung in der HNO-Abteilung.

Seit 1. Juli 2022 ist Wolter Chef­ärztin der neu geschaffenen Hör­klinik im Helios-Klinikum. Nun will sie die Beratung und Versorgung aufbauen, die sie selbst ihr Leben lang gesucht hat. „Ich habe hier die Möglichkeit, mein ganzes Wissen und meine persönlichen Erfahrungen einzusetzen, um anderen zu helfen. Das setzt enorme Energien frei“, bekräftigt sie.

Annette Liebmann

Schlagworte gehörlos | Behinderung

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