24. Februar 2016
Themen

Es ist höchste Zeit für soziale Gerechtigkeit

Trotz Wirtschaftswachstum und Lohnsteigerungen wächst die Kluft zwischen Arm und Reich

Die Gesellschaft driftet immer weiter auseinander. Die großen Einkommens- und Vermögensunterschiede gefährden in Deutschland auf Dauer den sozialen Frieden, warnt der Sozialverband VdK.

Sichtbare Armut: Immer mehr Menschen müssen sich an den Tafeln versorgen. | © Imago/Thomas Müller

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird weltweit stetig größer. Das haben aktuelle Studien und Erhebungen einmal mehr bestätigt. Deutschland ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Laut der Einkommens- und Verbraucherstichprobe aus dem Jahr 2013, die die Grundlage des nächsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung bildet, besitzen die oberen zehn Prozent der Bevölkerung 52 Prozent des gesamten Volksvermögens. Zehn Jahre zuvor betrug der Anteil noch 49 Prozent.

Auch folgende Zahlen belegen die zunehmende Ungleichheit: 1998 besaß die ärmere Hälfte der Bevölkerung noch 2,6 Prozent des Gesamtvermögens, 2013 schrumpfte dieser Anteil auf ein Prozent. „Diese Ergebnisse bergen sozialen Zündstoff. Die Armut wächst nicht nur ‚gefühlt‘, wie manche Politiker behaupten, sondern ganz real“, warnt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

Trotz guter Konjunktur und allgemeiner Lohnsteigerungen bleibt ein großer Anteil der Bevölkerung also dauerhaft vom Wohlstand abgehängt. Hinzu kommt, dass die Einkommen der Rentnerinnen und Rentner insgesamt sinken. Da deren Bevölkerungsanteil wächst, könnte sich die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter vergrößern, befürchtet der Sozialverband VdK.

„Diese Entwicklung muss gestoppt werden“, fordert VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Dafür müsse an mehreren Schrauben gedreht werden. „Der Grundstein zur Armutsbekämpfung wird schon im Kindesalter gelegt. Bildungsgerechtigkeit ist ein wichtiger Schlüssel. Jeder Euro, der heute in bessere Betreuung und Förderung sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher gesteckt wird, entlastet perspektivisch unser Sozialsystem.“ Besonders im Fokus sollten dabei Kinder mit Behinderung, mit Migrationshintergrund und mit Lernschwierigkeiten stehen. „Jedes Kind hat eine Chance verdient“, ist Mascher überzeugt.

Einkommensarmut ist ein weiterer Bereich, den es anzupacken gilt. „Der derzeitige Mindestlohn von 8,50 Euro war ein Anfang“, sagt Ulrike Mascher. Der Sozialverband VdK fordert eine Anpassung des Mindestlohns, der die Entwicklung der Lebensumstände der ärmeren Bevölkerungsgruppen berücksichtigen muss.

Explodierende Mieten in den Ballungszentren, steigende Ausgaben für die Gesundheit durch Zusatzbeiträge in der Krankenversicherung und höhere Selbstzahleranteile für Medikamente und Therapien müssten dabei ebenso einberechnet werden wie die Hochrechnung des Mindestlohns auf die spätere Rentenhöhe. „Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den unteren Einkommensgruppen müssen über die Runden kommen und sich ein kleines Polster für unvorhergesehene Ausgaben schaffen können. Außerdem muss sich aus einer einigermaßen lückenlosen Erwerbsbiografie auch mit niedrigen Einkommen eine gesetzliche Rente oberhalb der Grundsicherung erwirtschaften lassen“, lauten die Forderungen der VdK-Präsidentin zu den aktuellen Debatten über die Höhe des Mindestlohns.

6,1 Millionen Menschen, davon 1,7 Millionen Kinder, erhalten derzeit Sozialleistungen („Hartz IV“), hinzu kommen etwa eine Million Bezieher von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Die Ausweitung prekärer Arbeit und stark gebremste Rentenanpassungen der letzten Jahre hätten die Talfahrt der unteren Einkommensgruppen beschleunigt. Deshalb sei es höchste Zeit, die Weichen für mehr soziale Gerechtigkeit zu stellen, so Mascher: „Wir fordern eine Steuerpolitik, die auch die reichsten Deutschen endlich ernsthaft ins Visier nimmt.“


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Schlagworte Armut | Mindestlohn | Armutsbekämpfung | Ungleichheit | Altersarmut | Grundsicherung | Hartz IV | Kinderarmut | Kluft

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