31. Januar 2022
So hilft der VdK

Gonarthrose: VdK erstreitet Anerkennung einer Berufskrankheit

Berufsgenossenschaft wollte einseitige Kniearthrose bei einem Dachdecker nicht anerkennen ­– Gericht bestätigt Ausnahmefall

Olaf Alber (Name von der Redaktion geändert) hat 30 Jahre als Dachdecker gearbeitet, als ein Arzt bei ihm eine Gonarthrose im rechten Kniegelenk diagnostizierte. Daraufhin beantragte das Mitglied im VdK-Landesverband Niedersachsen-Bremen die Anerkennung einer Berufskrankheit. Doch die Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau) lehnte ab. Nachdem der VdK zunächst erfolglos widersprochen hatte, zog er für sein Mitglied vor das Sozialgericht.

Symbolfoto: Ein Dachdecker arbeitet an einem Dachstuhl, er schlägt Nägel mit einem Hammer ein
© Canva/sculpies

Dachdecker arbeiten viel im Knien, was ihre Gelenke stark belastet. Das verursacht oft Schmerzen, und bei nicht wenigen führt das zu Knorpelverschleiß im Kniegelenk, auch Gonarthrose genannt. Auch Olaf Alber litt nach vielen Jahren im Beruf immer häufiger unter starken Schmerzen im Knie. „Irgendwann ging nichts mehr“, sagt der 53-Jährige.

Er wandte sich mit der Diagnose an die Berufsgenossenschaft und beantragte die Anerkennung einer Berufskrankheit. Über die Antwort regt sich Alber noch heute auf. Die BG Bau teilte ihm mit, dass in seinem Fall keine Berufskrankheit vorliegt, weil die Kniearthrose nur rechts festgestellt wurde. Als Dachdecker müssten für eine Anerkennung aber bis zu einem gewissen Grad beide Knie erkrankt sein, hieß es.
Zwar erkannte die BG Bau an, dass Alber seit August 1985 insgesamt 15 271 Stunden kniebelastend im Sinne der Berufskrankheitenverordnung gearbeitet hatte und damit ein wichtiges Kriterium erfüllte. Doch auch seine angeborenen varischen Beinachsen, so genannte „O-Beine“, seien ein wesentlicher Grund für die Gonarthrose.

Arbeit an Steildächern

Nachdem die BG Bau einen Widerspruch abgewiesen hatte, reichte der VdK Klage beim Sozialgericht Hildesheim ein. Das Gericht ließ den Dachdecker durch einen Chi_rurgen begutachten. Der Facharzt stellte bei ihm eine Gangunsicherheit sowie eine eingeschränkte Beweglichkeit des rechten Kniegelenks infolge der Gonarthrose fest. Der Mediziner bestätigte, dass die Voraussetzung für die Anerkennung der Berufskrankheit vorliegt. Diese Einschätzung änderte jedoch nichts an der Haltung der BG Bau. Auch einen Vergleich lehnte die Berufsgenossenschaft ab.

Deshalb beraumte das Sozialgericht eine mündliche Verhandlung an. Dort erklärte der 53-Jährige dem Richter, warum die Kniearthrose bei ihm einseitig aufgetreten ist. Er habe hauptsächlich an Steildächern gearbeitet. Dann demonstrierte er dem Gericht, wie er sich dabei von rechts nach links über die rechte Körperseite bewegte. Dabei war das rechte Bein die ganze Zeit gebeugt, während ihn das linke Bein in gestreckter Haltung stützte und dabei tiefer stand.

Die Schilderungen überzeugten das Gericht. Zwar sei die Gonarthrose als Berufskrankheit laut Verordnung nur anzuerkennen, wenn sie grundsätzlich beidseitig auftritt. Doch die Regelung sehe auch Ausnahmefälle für eine einseitige Kniegelenkserkrankung vor, so der Richter. Eine solche Ausnahme sei aufgrund der besonderen Arbeitsweise beim ­Kläger gegeben. Einen ursächlichen Einfluss der O-Beine auf die Kniearthrose hätten mehrere ärztliche Sachverständige ausgeschlossen.

In ihrem Urteil kritisierte das Gericht zudem, dass die Berufsgenossenschaft weder im Bescheid noch im Widerspruchsbescheid auf die unterschiedliche Belastung der Beine eingegangen war.

Nächste Klage läuft

Das Urteil ist für die Sozialrechtsreferentin und Geschäftsführerin der VdK-Kreisverbandsgeschäftsstelle Hameln, Claudia Hilscher-Meinert, ein erster Erfolg. Doch es geht weiter. „Wir klagen nun gegen die Berufsgenossenschaft, weil sie den Antrag auf eine Unfallrente ablehnt.“

Alber ist erleichtert darüber, dass seine Arthrose als Berufskrankheit anerkannt wurde. „Ohne die Unterstützung des VdK hätte ich niemals geklagt. Ich konnte meine Aussicht auf Erfolg ja nicht einschätzen und hätte Angst gehabt, dass ich am Ende auf den Prozesskosten sitzen bleibe.“ Im Nachhinein ist er froh, dass er bei der Verhandlung persönlich anwesend war und seine Arbeitsweise vorführen konnte. „Das hat sicher Eindruck auf das Gericht gemacht und einen großen Teil zu dem positiven Ausgang beigetragen“, ist Hilscher-­Meinert überzeugt.

Jörg Ciszewski


Auch interessant:

So hilft der VdK
Zwei Bauarbeiter hantieren mit asbesthaltiger Dachpappe.
Nach zehn Jahren erkannte die Berufsgenossenschaft die Krankheit eines VdK-Mitgliedes als Berufskrankheit an. Der Verband half, beriet und begleitete die Klage. | weiter
24.05.2018 | sko
So hilft der VdK
Symbolfoto: Junge Frau steht am Schreibstisch, fasst sich schmerzerfüllt an den Rücken
Sieben lange Jahre dauerte es, bis die Berufsgenossenschaft Schäden an der Wirbelsäule bei einem VdK-Mitglied als Berufskrankheit anerkannte. | weiter
01.02.2018 | sko

Schlagworte Berufskrankheit | Anerkennung | Sozialgericht | Kniearthrose | Schmerzen | Dachdecker | Gonarthrose

  • Vorteile
    Als Mitglied helfen wir Ihnen bei Problemen im Sozialrecht, setzen uns für Sie ein und vertreten Ihre Interessen gegenüber der Politik. Auch ehrenamtlich können Sie aktiv werden. | weiter
  • Beitrittsformular anfordern
    Über unser sicheres Online-Formular können Sie Informationen zur VdK-Mitgliedschaft anfordern - unverbindlich und kostenlos. | weiter
  • So hilft der VdK
    Wir verhelfen unseren Mitgliedern zu ihrem Recht. Wie wir das machen, zeigen wir hier am Beispiel echter Fälle aus der VdK-Rechtsberatung. | weiter
  • Rechtsberatung
    Sie benötigen Hilfe und Beratung im Sozialrecht, etwa zu Rente, Behinderung, Pflege oder Krankenversicherung? Wir beraten und helfen bei Anschreiben, Widersprüchen und Klageverfahren vor Gericht. | weiter
  • Rund um die Mitgliedschaft
    Hier finden Sie Antworten auf Fragen zur Mitgliedschaft: Wie kann ich Mitglied werden? Wie hoch ist der Mitgliedsbeitrag? Lohnt sich eine Mitgliedschaft? | weiter
  • Mitgliederbefragung
    Der Sozialverband VdK führt bis zum 15.12.2021 eine große Umfrage unter seinen rund 2,1 Millionen Mitgliedern durch. Bitte unterstützen Sie uns und machen Sie mit! | weiter
    20.12.2021

VdK-Rechtsberatung

Der Sozialverband VdK berät und vertritt seine Mitglieder im Bereich gesetzliche Rentenversicherung, zum Beispiel zum Thema Erwerbsminderungsrente.

Mitgliedschaft
Das Bild zeigt eine Frau an einem Tablet, auf welchem die Beitrittserklärung zum VdK geöffnet ist.
Es gibt viele gute Gründe für eine Mitgliedschaft im VdK - dem mit mehr als 2 Millionen Mitgliedern größten Sozialverband Deutschlands. | weiter

Zu hohe Ausgaben?

Wir sagen Ihnen, was Ihnen laut Sozialrecht zusteht und kämpfen für Ihr Recht. Bundesweit. Jetzt Beratung vereinbaren!

Der VdK
Eine Frau gibt einer anderen Frau zur Begrüßung die Hand. Sie stehen am Eingang eines Gebäudes mit der Aufschrift "VdK Service Point"
Finden Sie mit der Beratungsstellen-Suche die nächste Rechtsberatungsstelle des Sozialverbands VdK - auch in Ihrer Nähe!
Der VdK
Symbolfoto: Zwei Frauen und ein Mann ziehen gemeinsam an einem Seil, an dessen Ende auch jemand zieht.
Wir machen uns stark für soziale Gerechtigkeit. Wir vertreten Ihre sozialpolitischen Interessen und kämpfen für Ihre Rechte. Unsere Stärke: Unabhängigkeit und Neutralität.

Presse
Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter mit Informationen zu Sozialpolitik und Sozialrecht sowie aktuellen Infos rund um den Sozialverband VdK.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.