Verordnete Aktivitäten: "Soziales Rezept" gegen Einsamkeit
Einsamkeit belastet Menschen mit einer Erkrankung oft zusätzlich. Das Soziale Rezept könnte zukünftig Hausarztpraxen ermöglichen, ihren Patientinnen und Patienten gesellige Aktivitäten zu verordnen. Noch gibt es das Rezept allerdings nicht.

Mit Aktivitäten gegen Depression und Lebenskrise
Johanna H. (Name ist der Redaktion bekannt) war in einer Lebenskrise und litt unter Depressionen, als sie sich bei Externer Link:„KulturLeben“ anmeldete. Der Berliner Verein vermittelt Kulturangebote an Menschen mit geringen Einkommen. Die 73-Jährige verließ wegen der Depression kaum noch das Haus. Ihre Tochter habe ihr damals „einen Schubs“
gegeben und sie auf das Angebot aufmerksam gemacht, erzählt sie.
Die Seniorin begann, Kulturveranstaltungen zu besuchen und engagierte sich in dem Verein. „Diese Aktivitäten haben mir geholfen, meine gesundheitlichen Probleme zu überwinden“
, sagt sie rückblickend.
Einsamkeit und Isolation können Symptome verstärken
Gerade chronische Krankheiten führen oft dazu, dass Menschen sich zurückziehen – teils wegen körperlicher Einschränkungen, teils wegen psychischer Belastungen oder gesellschaftlicher Stigmatisierung. Das bestätigt der Allgemeinmediziner Professor Wolfram Herrmann. Er beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Frage, wie im Rahmen einer regulären medizinischen Versorgung soziale Probleme behandelt werden können. „In der Hausarztpraxis finden Patientinnen und Patienten eine vertraute Ansprechperson, bei der auch nicht-medizinische Themen wie Einsamkeit, soziale Isolation, Angst oder Armut auf den Tisch kommen“
, sagt Herrmann. Solche Probleme können sich oft negativ auf die Krankheit auswirken oder Symptome verstärken.
An dieser Stelle soll das Soziale Rezept ansetzen. Es ermöglicht, dass Patientinnen und Patienten, die sich aufgrund ihrer Krankheit sozial zurückgezogen haben, vom Arzt oder der Ärztin an einen sogenannten Link-Worker („Verbindungsarbeiter“) überwiesen werden.
Dabei handelt es sich um eine Fachkraft, die eine Berufsausbildung im Gesundheits- oder Sozialbereich hat. Ihre Aufgabe ist es, in Gesprächen herauszufinden, was der erkrankten Person individuell bei der Behandlung helfen könnte. „Das kann ein Sportverein sein, ein Eltern-Kind-Café oder eine Spaziergangsgruppe für Senioren“
, erklärt Herrmann. „Die Grundidee des Sozialen Rezepts ist: Die Menschen sollen befähigt werden, selbst aktiv zu werden.“
Wirksamkeit des Sozialen Rezepts wird untersucht
Unter seiner Federführung hat die Externer Link:Berliner Charité kürzlich eine Studie abgeschlossen, an der neun Hausarztpraxen in Berlin und Brandenburg teilgenommen haben. 121 Patientinnen und Patienten sind an Link-Worker überwiesen worden. „Wir haben gesehen, dass das Soziale Rezept im hausärztlichen Bereich gut durchführbar ist“
, sagt Herrmann. Nun gehe es darum, die Wirksamkeit zu untersuchen. In Großbritannien sei es bereits flächendeckend eingeführt. Studien zeigen, dass dort die Zahl der Hausarztbesuche zurückgegangen ist.
Johanna H. gefällt die Idee des Sozialen Rezepts. „Mein Therapeut hat sich sehr gefreut, als ich ihm von meinen Aktivitäten mit dem Verein erzählt habe. Sie haben sich positiv auf die Behandlung ausgewirkt.“
Ist das soziale Rezept schon erhältlich?
Nein, das Soziale Rezept gibt es noch nicht. Eine Machbarkeitsstudie ist bereits abgeschlossen, eine weitere Studie zur Wirksamkeit steht noch bevor.