Reportage: Als Landarzt oft allein auf weiter Flur
Über 100 Patienten täglich, lange Wege und kaum Nachwuchs: Als Hausarzt in der Uckermark kämpft Dr. Amin Ballouz gegen Ärztemangel und Bürokratie – und findet trotzdem Erfüllung zwischen Hausbesuchen und enger Bindung zu seinen Patienten.

Eigentlich bräuchte ich Rollschuhe, dann wäre ich noch schneller.
Hochbetrieb in der Hausarztpraxis
Es ist bitterkalt an diesem Montag Anfang Februar in der brandenburgischen Stadt Schwedt. Kleine Inseln von gefrorenem Schnee halten sich hartnäckig vor dem Ärztehaus am Rand des Gewerbegebiets. Das mintgrüne Gebäude wirkt wie ein dezenter Farbtupfer vor dem wolkengrauen Himmel. Auf drei Etagen haben sich verschiedene Fachärztinnen und Fachärzte hier niedergelassen. Im ersten Stock hat auch der Allgemeinmediziner Dr. Amin Ballouz seine Hausarztpraxis.
Während es auf den Fluren des Ärztehauses mittags um halb eins ein bisschen ruhiger zugeht, herrscht bei Dr. Ballouz noch Hochbetrieb. Das Wartezimmer ist voll, auf dem Weg zwischen zwei Behandlungsräumen bleibt der Arzt kurz am Empfangstresen stehen, wechselt einige Worte mit seiner Sprechstundenhilfe, unterschreibt Rezepte und verschwindet mit schnellen Schritten wieder.
Mehr als 100 Patienten: Ein normaler Tag
Der 67-Jährige schließt die Tür, nimmt hinter seinem Schreibtisch Platz und holt tief Luft: „Eigentlich bräuchte ich Rollschuhe, dann wäre ich noch schneller“
, sagt er und lächelt. Mehr als 100 Patientinnen und Patienten habe er schon an diesem Tag gesehen, gesprochen oder mit ihnen geschrieben. Er deutet auf die Patientenliste. Nein, der Andrang sei nicht höher als sonst, weil er in der Woche zuvor Urlaub hatte. „Das ist ein ganz normaler Tag.“
Nicht jeder kann zu ihm nach Schwedt in die Praxis kommen. Die Menschen seien oft alt, viele wohnen allein und hätten keine Möglichkeit, in die Stadt zu fahren. Wenn er die Praxis am Nachmittag schließt, setzt Dr. Ballouz sich deshalb oft in seinen alten Trabant und fährt zu den Menschen. „Im Durchschnitt mache ich zehn Hausbesuche in der Woche, bis zu 50 Kilometer eine Strecke“
, sagt er. Er unterbricht das Gespräch, um zu telefonieren. Eine Sprechstundenhilfe ist ausgefallen, und er braucht kurzfristigen Ersatz. Doch die Aushilfe am anderen Ende der Leitung entschuldigt sich. Sie sei krank. Ballouz zuckt mit den Achseln und ruft den nächsten Patienten herein.
Als Hausarzt in der Uckermark ist er es gewohnt, mit schwierigen Situationen zurechtzukommen. Hier sind die Sprechstundenzimmer noch ein bisschen voller als in anderen Regionen. Die Kassen- ärztliche Vereinigung (KV) Brandenburg verzeichnet für den Planungsbereich Schwedt mit rund 55.000 Einwohnerinnen und Einwohnern 32 Hausärztinnen und Hausärzte.
Damit liegt der Versorgungsgrad bei 79,4 Prozent – ab 75 Prozent beginnt die Unterversorgung. In den fast 50 Planungsregionen der KV liegt Schwedt in Brandenburg auf dem drittletzten Rang. Hinzu kommt, dass die Bevölkerung in Schwedt immer älter wird und dadurch häufiger ärztliche Betreuung benötigt. Im vergangenen Jahr lag das Durchschnittsalter mit 51,3 Jahren sechs Jahre über dem Bundesdurchschnitt.

In Beirut geboren, in der Uckermark Heimat gefunden
Seit dem Jahr 2010 ist Dr. Ballouz in Schwedt. Auch damals war die ärztliche Versorgung in der Region schon angespannt. Die KV hatte ihn beim Umbau seiner Praxis unterstützt, um ihm das Ankommen zu erleichtern. Viele seiner Patientinnen und Patienten kennt er schon seit jener Zeit. Bei den Hausbesuchen wird er zuweilen zum Abendbrot eingeladen, oder an der Wohnungstür stehen eigens für ihn Hausschuhe bereit. So wie bei seinem langjährigen Patienten Rudi Braun. Der war in der DDR Automechaniker. Er kümmerte sich um den Trabi des Doktors und besorgte Ersatzteile. Über die Leidenschaft für den Zweitakter haben sie sich angefreundet. Als sein Patient im Herbst vergangenen Jahres starb, ging Dr. Ballouz zur Beerdigung.
Die Menschen und die Region bedeuten ihm viel. In Beirut wurde er geboren, in der Uckermark hat er eine Heimat gefunden. „Ich habe hier Leute kennengelernt, die mich aufgenommen haben, und dafür bin ich dankbar.“
Als im Libanon der Krieg ausbrach, schickten seine Eltern ihn, den ältesten Sohn, ins Ausland, zunächst nach Syrien, dann zu einer Tante nach Ägypten. Schließlich kam er nach Deutschland, in die DDR. Er studierte Medizin in Halle, führte später eine Praxis bei Aachen. Dann verschlug es ihn einige Jahre nach England und Schottland. Als er zurückkam, landete er in Schwedt. Eigentlich wollte er nach Berlin, aber dort gab es genug Hausärzte – also ging er in die Uckermark.
Dass er hier heimisch geworden ist, zeigen auch die Bilder an den Wänden seiner Praxis. Dr. Ballouz malt die Landschaft, die ihn umgibt. Ein Bild zeigt einen Sonnenuntergang. „Abendrot in der Uckermark“ steht darunter. In seiner Freizeit fliegt er mit einem Ultraleichtflugzeug über die Region und genießt den Ausblick. Als Jäger kennt er die Wälder in der Uckermark. „Wer so wie ich die Natur liebt, fühlt sich hier sehr wohl“
, sagt er.
Wir brauchen mehr Zeit. Die Menschen möchten mit ihrem Arzt auch mal reden.
Zeit für Bürokratie fehlt bei der Behandlung
Als Dr. Ballouz an diesem Montag seinen Arztkoffer packt, den Mantel anzieht und die Mütze aufsetzt, um die Praxis zu schließen, ist sein Arbeitstag noch nicht beendet. Es stehen noch Hausbesuche an. Eine schwerkranke, alleinlebende Frau erwartet ihn bereits. Er mache seinen Beruf gerne, erzählt er. „Aber wir brauchen mehr Zeit. Die Menschen möchten mit ihrem Arzt auch mal reden.“
Früher habe es in der DDR Gemeindeschwestern gegeben, die wichtige medizinische Aufgaben übernahmen. Als er in England arbeitete, wurden die Ärztinnen und Ärzte dort von Mitarbeitern entlastet, die Hausbesuche machten und die Patientinnen und Patienten untersuchten. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile den Gesundheitsberuf des „Physician Assistant“. Angestellte mit dieser Ausbildung können bei Untersuchungen und in der Diagnostik, aber auch bei der umfangreichen Datenerfassung unterstützen. „Das würde vielen Ärzten helfen. Die Bürokratie ist für uns ein großes Problem. Die Zeit am Schreibtisch fehlt bei der Behandlung.“
Die KV Brandenburg versucht seit einiger Zeit mit einem Landärztestipendium Medizinerinnen und Mediziner nach ihrem Studium in die Provinz zu locken. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten erhalten während ihres Studiums 1000 Euro im Monat und verpflichten sich im Gegenzug, nach dem Studium als Arzt oder Ärztin für fünf Jahre auf dem Land zu arbeiten. Andere Regionen setzen auf Prämien und Förderprogramme. „Ich kann nur dazu ermuntern, sich darauf einzulassen. Hier gibt es wunderschöne Natur und wunderbare Menschen, die sie brauchen“
, sagt der 67-Jährige. Fast hätte er vergessen zu erwähnen, dass er einen Nachfolger sucht, sagt er und lächelt. Dann verabschiedet er sich, startet den Trabi und biegt ein in die schnurgerade Landstraße.
