
Paralympics 2026: Mit viel Herz, Respekt und Tränen der Freude
Bei den Paralympischen Winterspielen in Norditalien wurden nicht nur Medaillen, sondern auch vierte Plätze bejubelt. Unser ausführlicher Bericht von den Paralympics 2026 in Mailand und Cortina.

Großer Sport: Freude, Mitgefühl, Jubel und Herzlichkeit
Freude, Mitgefühl und Jubel – auch für die Letztplatzierten: Die Paralympischen Winterspiele in Mailand und Cortina zeichneten sich durch Menschlichkeit und Respekt aus. Die 611 Athletinnen und Athleten aus 55 Nationen boten großen Sport, und die Herzlichkeit der italienischen Gastgeber ließ auch Mängel wie unfertige Bauprojekte vergessen.
Perfetto? Nein, die Paralympics in Norditalien waren nicht perfekt, aber umso herzlicher. Die Einheimischen zeigten sich von ihrer besten Seite und gewannen mit Freundlichkeit und Fröhlichkeit die Sympathien der Gäste aus der ganzen Welt.
Beispiel: Als zwei große Linienbusse, die die Besucherinnen und Besucher zu den Wettbewerben in Cortina d'Ampezzo brachten, sich in einer engen Kurve eines Bergdorfs gegenseitig blockierten, fing die Fahrerin des einen Busses so herzhaft an zu lachen, dass alle Mitfahrenden gelassen blieben, schmunzelten oder auch lachten.
Ein Fußgänger half spontan, winkte Autos zur Seite, sodass ein Bus zurücksetzen, und schließlich alle weiterfahren konnten. Keiner ärgerte sich und dachte an die geplanten Umgehungsstraßen, die nicht rechtzeitig zu Olympia und den Paralympics fertig geworden sind und solche Situationen verhindert hätten.

Andrea Rothfuss: „Es ist überwältigend“
Von der Begeisterung über die zweiten Winterspiele zeugten die vielen Banner mit der Aufschrift „Cortina 1956 2026 Host City“ (Gastgeber), die fast an jedem Haus hingen. Dies spürten auch die Sportlerinnen und Sportler. Das Publikum freute sich über jede gute Leistung, wie über die der deutschen Skifahrerin Andrea Rothfuss. Die 36-Jährige jubelte nach der Zieleinfahrt im Super-G so sehr über ihren vierten Platz, als ob sie gewonnen hätte.
Noch vor wenigen Monaten schien für sie ein Start auf der Tofana bei Cortina undenkbar. Zwei Jahre lang litt Rothfuss, der seit Geburt die linke Hand fehlt, unter Depressionen. Erst kurz vor den Spielen trainierte sie wieder, qualifizierte sich und feierte so einen großen Sieg – nicht im Wettbewerb mit den anderen Skifahrerinnen, sondern im Kampf gegen unsichtbare Gegner in ihrem Innern.
„Den Super-G hatte ich ursprünglich nicht geplant“
, sagte Rothfuss. „Das Rennen jetzt auf dem vierten Platz zu beenden, ist Wahnsinn. Das schien so lange weit weg – und ist mir so viel wert. Allein dabei zu sein, fühlt sich für mich schon an wie ein Medaillengewinn. Es ist überwältigend.“
Sie trat noch dreimal an und feierte jede einzelne Zieldurchfahrt, besonders Platz sieben im Slalom, bei ihrem letzten paralympischen Rennen.
14 Medaillen hatte sie bei den vergangenen fünf Winterspielen gewonnen, darunter einmal Gold. Die Teamführung wählte Rothfuss aufgrund ihrer beeindruckenden Karriere neben Christian Schmiedt, dem einzigen deutschen Para-Snowboarder bei den Spielen, zur Fahnenträgerin bei der Abschlussfeier. Vor Freude verdrückte Rothfuss ein paar Tränen.

Zweimal Gold und einmal Silber für Anna-Lena Forster
Monoskifahrerin Anna-Lena Forster gewann bei den Alpinwettbewerben zweimal Gold und einmal Silber und war damit erfolgreichste deutsche Teilnehmerin. Ihr Siegeslauf in der Abfahrt war ein wilder Ritt: Einmal flog sie weiter als geplant, schaffte gerade noch das nächste Tor und gewann knapp vor der Spanierin Audrey Pascual Seco. „Mal hat die eine fünf Hundertstel Vorsprung, mal die andere“
, sagte die strahlende Forster und zollte ihrer Konkurrentin Respekt, auch als diese in den anschließenden Rennen selbst zweimal als Erste durchs Ziel fuhr.
Für das deutsche Eishockeyteam war schon die Qualifikation für die Paralympics ein Riesenerfolg – ganz nach dem Motto „Dabei sein ist alles“
. Nach 0:12 gegen China und 0:13 gegen den späteren Goldmedaillengewinner USA feierten sie ihr erstes Tor in der Mailänder Eishalle im dritten Spiel gegen Italien enthusiastisch. Am Ende wurde das deutsche Team Sechster und ließ so immerhin zwei Mannschaften hinter sich.

Vier Medaillen für Anja Wicker
Die meisten Medaillen im deutschen Team gewannen die Langläuferinnen und Biathleten: 14 von insgesamt 17. Eine besondere Teamleistung erbrachte die Mixed-Staffel über viermal 2,5 Kilometer. Nur knapp hinter den Chinesen holten sie Silber. Erfolgreichste nordische Sportlerin im Team D war die 34-jährige Anja Wicker, die im Biathlon und Langlauf in Tesero zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen gewann.
Die Para-Athletinnen und -athleten begeisterten an allen Sportstätten. Beim Curling schoben sie die Steine aus dem Rollstuhl heraus mit ihrem Stick so gefühlvoll über die mehr als 40 Meter lange Eisfläche, dass sie regelmäßig an der optimalen Stelle landeten – und das ganz ohne Besen. Die Snowboarder jagten den mit Wellen und Sprüngen gespickten Parcours so schnell herunter, dass der Laie keinen Unterschied zu den olympischen Wettbewerben drei Wochen zuvor feststellen konnte. Nur wenn unter der Hose eine Beinprothese herauslugte, war das ein Hinweis auf die Paralympics.
Zu Recht bekommen die deutschen Medaillengewinnerinnen und -gewinner bei den Paralympics seit einigen Jahren dieselben Prämiengelder wie die bei Olympia. Allerdings haben andere Nationen bei der Professionalisierung die Nase vorn. So gehen die deutschen Eishockeyspieler alle einem Beruf nach, während die Mitglieder der besten Teams für ihren Sport bezahlt werden.

Positive Bilanz des DBS
Nach dem klassischen Medaillenspiegel, bei dem die Zahl der Goldmedaillen am relevantesten ist, erreichte Team D nur Platz elf – die schlechteste Bilanz in der 50-jährigen Geschichte der Paralympics. Dennoch sagte Marc Möllmann, Vorstand Leistungssport im Deutschen Behindertensportverband (DBS): „Die Bilanz fällt positiv aus.“
Schließlich sei Deutschland, gemessen an der Zahl der Medaillen, Vierter.
Idriss Gonschinska, Vorstandsvorsitzender des DBS, lobte ebenfalls die sportlichen Höchstleistungen, und von der Atmosphäre in Norditalien sei er „verzaubert“
. Er sprach von „vielen herzlichen Begegnungen“
, die er erlebt habe.
Der faire Umgang miteinander zeigte sich oft im Kleinen. Die Athletinnen und Athleten klatschten regelmäßig der Konkurrenz. Der US-amerikanische Curlingspieler Stephen Emt beispielsweise sagte mitten im Wettkampf einmal zu seinem lettischen Gegner: „Well done!“
(Gut gemacht).

VdK-Mitglied Glötzner: „Ein megacooles Erlebnis.“
Für VdK-Mitglied Christoph Glötzner (Foto ganz oben im Artikel) waren es die zweiten Winterspiele. Der 22-jährige Oberpfälzer, der mit drei Jahren bei einem Unfall mit einem Rasenmäher-Traktor sein rechtes Bein verlor, war in seinen ersten beiden alpinen Skiwettbewerben, Super-Kombination und Riesenslalom, leider ausgeschieden. Daher jubelte er beim ebenfalls anspruchsvollen Slalom, der zusätzlich durch starken Nebel beeinflusst wurde, im Ziel über einen guten siebten Platz. „Leider konnte ich mein hochgestecktes Ziel einer Medaille nicht erreichen“
, sagte Glötzner. Im Slalom habe er aber ein „solides Ergebnis“
und so erstmals eine Paralympics-Platzierung erzielt.
Am meisten freute ihn, dass nach vier Winterspielen in Asien und Kanada diesmal wieder viele Fans aus der Heimat dabei waren: Eltern, Großeltern und viele Freunde aus seinem oberpfälzischen Dorf Holzheim und von der Uni in Innsbruck. Die Tage in Cortina habe er „sehr genossen“
, berichtete er. „Die Paralympics waren echt ein megacooles Erlebnis.“