Kommentar: Armutszeugnis

Von: Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Fast jede sechste Person in Deutschland gilt als arm oder armutsgefährdet. Binnen eines Jahres ist ihre Zahl um rund 200.000 gestiegen. 

Verena Bentele sitzt auf einem Sofa, hinter ihr sieht man die Silhouette von Berlin.
© VdK/Marlene Gawrisch

Vollzeitjob und Kinder allein kaum stemmbar

13,3 Millionen Menschen leben unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze – im Jahr 2025 lag diese bei 1446 Euro netto im Monat für Alleinlebende, bei 3036 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern. Besonders hoch ist das Risiko für Alleinerziehende: 28,7 Prozent sind betroffen, meist Frauen.

Für sie müssen Debatten über „Lifestyle-Teilzeit“, angeblich mangelnde Produktivität oder höhere Eigenbeteiligungen im Gesundheitswesen wie Hohn klingen. Fakt ist: Selbst mit einem Kitaplatz muss oft ein Elternteil beruflich kürzertreten. Vollzeitjob und Kinder allein zu stemmen, ist für viele Frauen kaum machbar. Das belegen Zahlen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts: 54 Prozent der erwerbstätigen Eltern mussten im Herbst 2025 Betreuungsausfälle selbst auffangen, weil Kitas zeitweise schlossen oder Stunden kürzten. Fast ein Drittel reduzierte dafür die Arbeitszeit.

Alleinerziehende als Belastung im System

Doch von solchen Problemen ist wenig zu hören. Stattdessen gilt eine alleinerziehende Mutter als Belastung fürs Sozialsystem, weil sie nicht ganztags arbeiten kann. Dabei finanzieren alleinerziehende Mütter mit ihrer Arbeit teuren Wohnraum und hohe Lebenshaltungskosten – zusätzlich zur Sorgearbeit. Das hat mit Lifestyle herzlich wenig zu tun.

Nicht besser ergeht es Beschäftigten, deren Gesundheit es nicht zulässt, acht Stunden am Tag zu arbeiten, oder Menschen mit Behinderungen, die gern arbeiten wollen, die jedoch niemand einstellt. Anständig bezahlte Jobs und eine funktionierende Kinderbetreuung wären für sie hilfreicher für den Lifestyle als unfreiwillige Teilzeitarbeit. 

Ja, unsere sozialen Sicherungssysteme müssen modernisiert werden. Aber ich wünsche mir in den Auseinandersetzungen um den richtigen Weg mehr Fingerspitzengefühl und weniger Drohgebärden und Diffamierungen. In den Schulen gab es gerade Halbjahreszeugnisse. Für einige Reformvorschläge der vergangenen Wochen würde ich gern ein Zeugnis ausstellen: Es wäre ein Armutszeugnis.

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