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Interview zur inklusiven Medizin: „Krankheiten werden übersehen“

Von: Interview: Kristin Enge

Dr. Jörg Stockmann ist Internist und Chefarzt der Klinik für Inklusive Medizin am Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe. Im Interview mit dem VdK erklärt er, was die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung für ihn bedeutet.

Ein Junge mit Down-Syndrom wird von einer jungen Frau im Arztkittel untersucht, der Vater steht neben dem Kind und beruhigt es.
Ein Vater steht seinem Sohn mit Trisomie 21 während der Behandlung in der Klinik Hagen-Haspe zur Seite. © Jörg Stockmann

Was bedeutet ‚inklusive Medizin‘ für Sie konkret im Klinikalltag?

Dr. Jörg Stockmann: Jeder Mensch im Krankenhaus bekommt die bestmögliche Medizin, die genau für diese Person passt. Unser Anspruch: Alter, Geschlecht, Behinderung oder etwa Kooperationsfähigkeit dürfen keine Rolle spielen. Patientinnen und Patienten, Angehörige und das Umfeld der uns anvertrauten Menschen werden intensiv einbezogen. 

Kommunikationsbarrieren hindern uns nicht, verstehen zu wollen. Respekt vor der Autonomie auch von sehr schwer körperlich und kommunikativ beeinträchtigten Menschen muss mit intensiver Fürsorge eine ideale Verbindung eingehen. Wir prüfen nach bestmöglichen und allgemeingültigen medizinischen Standards, welche Erkrankung vorliegt, und passen Diagnostik und Therapie individuell an. Wo andere vielleicht sagen ‚Das geht nicht‘, suchen wir nach Wegen, Diagnostik und Therapie zu ermöglichen.

Wie gut ist das deutsche Gesundheitssystem auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingestellt – und wo sehen Sie die größten Versorgungslücken?

Dr. Jörg Stockmann: Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind extrem vielfältig. Die Individualität spielt eine große Rolle in der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Oft passen Standard-Angebote nicht. Bei einer sehr schweren körperlichen Behinderung benötigen Patientinnen und Patienten große Flächen für Hilfsmittel und pflegende Personen in Krankenzimmer und Untersuchungsräumen.

Das Foto zeigt Jörg Stockmann
Dr. Jörg Stockmann

Wer nicht kooperieren kann, braucht schonende und sichere Verfahren, die eine Diagnostik ohne psychische Belastung und körperlichen Zwang ermöglichen. In Deutschland existieren solche Angebote nur an wenigen Orten. Sobald ein Mensch aus Angst die Mitwirkung an Untersuchungen verweigert, ist der Weg zu notwendiger und angemessener Medizin blockiert. 

Welche Folgen haben diese Versorgungslücken für Betroffene?

Dr. Jörg Stockmann: Ohne präzise Diagnosen sind oft nur symptomatische Therapien möglich. Statt die Gallenblasenentzündung zu erkennen und etwa durch eine Operation zu heilen, werden vielleicht nur Schmerzmittel gegeben. Gerade Menschen mit Einschränkungen in der Kommunikation und Kooperationsfähigkeit sind davon betroffen. Dazu gehören beispielsweise Menschen mit Autismus oder mit Störung der Intelligenzentwicklung. 

Man stelle sich vor, eine betroffene Person kann nicht sagen, dass sie Bauchschmerzen hat und lässt sich auch kein Blut abnehmen. In vielen Arztpraxen und Krankenhäusern entsteht dann große Hilflosigkeit. Betroffene müssen unverrichteter Dinge das Krankenhaus verlassen. So werden Krankheiten übersehen und bleiben unbehandelt. Menschen leiden unnötig und sterben vermeidbar. Das ist durch viele Untersuchungen belegt.

Welche Maßnahmen oder Ansätze haben sich in Ihrer Klinik bewährt? 

Dr. Jörg Stockmann: Am Anfang stand die Entscheidung des Trägers, die Situation in der eigenen Klinik zu verbessern – auch wenn dadurch finanzielle Risiken entstehen. Dann brauchte es ein Team aus Pflegekräften, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Ärztinnen und Ärzten, die motiviert waren, sich sorgfältig mit den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung zu befassen. Räume, Hilfsmittel und Arbeitsweisen wurden nach und nach angepasst. 

Schon vorhandenes Spezialwissen musste dem jungen Team und dem gesamten Krankenhaus zugänglich gemacht werden. Ein mühsamer Prozess, der nie abgeschlossen ist. Aber das Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ist insgesamt gewachsen.

Was möchten Sie Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen mit auf den Weg geben? 

Dr. Jörg Stockmann: Deutschland hat sich der UN-Behindertenrechtskonvention und der Inklusion rechtlich verpflichtet. Das Grundgesetz verbietet Diskriminierung. Das sind sehr solide Grundlagen, um berechtigte Forderungen zu stellen. Lassen Sie sich nicht zurückweisen mit Argumenten, die da lauten: ‚Das können wir hier nicht, damit haben wir keine Erfahrung, darauf sind wir nicht eingestellt …‘ 

Krankenhäuser können auch nicht-kooperationsfähige Patientinnen und Patienten aufnehmen, selbst wenn die medizinische Situation unklar ist und harmlos erscheint. Angehörige können mit aufgenommen werden, um Betroffene emotional zu stabilisieren und die Kommunikation zu verbessern.

In fast jedem Krankenhaus gibt es eine Abteilung für Anästhesie, die Betroffene mit Kooperationsschwierigkeiten durch Sedierung und Narkose den Zugang zu Diagnostik und letztlich auch Therapie ermöglichen kann. Und mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Expertinnen und Experten an Medizinischen Zentren für Erwachsene mit Behinderung (MZEBkurz fürMedizinisches Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen) und spezialisierte Abteilungen, von denen man Ratschläge bekommen kann.

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Inklusive Medizin - Ein stationäres Angebot für Menschen mit Behinderung:

Externer Link:Website der Klinik für Inklusive Medizin im Evangelischen Krankenhaus Hagen-Haspe