
Schattenseiten des Ehegattensplittings: Fürsorge als weibliche Armutsfalle
Ein Partner arbeitet Vollzeit, der andere kümmert sich um Kinder, Haushalt oder Pflege. Das Ehegattensplitting begünstigt dieses klassische Rollenmodell bis heute – mit Vorteilen für manche Familien, aber auch mit Schattenseiten.

Fehlende finanzielle Eigenständigkeit = niedrige Rente
Vor allem Externer Link:Frauen leisten über Jahre hinweg unbezahlte Sorgearbeit, sind in Teilzeit erwerbstätig und vom Einkommen des Partners abhängig. „Wir erleben immer wieder, wie eng fehlende finanzielle Eigenständigkeit und niedrige Renten miteinander verknüpft sind. Eine häufige Folge ist Altersarmut“
, sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele.
An sich klingt die Idee des Ehegattensplittings nachvollziehbar und gerecht: Verfügen Ehepaare über das gleiche Gesamteinkommen, sollen sie unabhängig von der Einkommensverteilung gleich viel Steuern zahlen. Über Jahre können sich daraus jedoch auch negative Folgen ergeben.
Am meisten profitieren hohe Einkommen
Wer das Ehegattensplitting nutzt, kombiniert in der Regel die Steuerklassen drei und fünf. Der Hauptverdiener – meist der Mann – zahlt in der Steuerklasse drei vergleichsweise wenig Steuern. Für die Frau als Zweitverdienerin fällt in der Steuerklasse fünf die Steuerlast höher aus und schmälert ihr monatliches Nettoeinkommen. Zugleich schrumpfen ihre Ansprüche beim Eltern-, Kranken- und Arbeitslosengeld I. Trotzdem lohnt es sich für viele betroffene Frauen kaum, mehr zu arbeiten. Denn vom zusätzlichen Verdienst bleibt oft weniger übrig als erwartet.
Besonders stark profitieren Ehepaare mit hohen und unterschiedlich verteilten Einkommen vom Ehegattensplitting. Bei Familien, die weniger verdienen oder sich Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich aufteilen, fallen die Vorteile meist geringer aus. Hinzu kommt: Das Ehegattensplitting knüpft allein an die Ehe an – nicht an Kinder oder an eine tatsächliche Sorgeverantwortung. Alleinerziehende und unverheiratete Eltern profitieren daher kaum oder gar nicht.
Besonders problematisch bei Trennung oder Tod
Frauen leisten im Durchschnitt deutlich mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. In der Regel übernehmen sie die Fürsorge, wenn Betreuungsangebote für Kinder oder Externer Link:pflegebedürftige Angehörige fehlen. Viele Paare entscheiden sich aufgrund des oft höheren Einkommens des Mannes für diese Variante. Die Folgen für die Frauen zeigen sich im Alter mit geringeren Rentenansprüchen und einem erhöhten Armutsrisiko.
Besonders schwierig ist die Situation für Frauen nach einer Trennung oder im Externer Link:Todesfall des Partners. Plötzlich müssen sie ihren Lebensunterhalt allein sichern, obwohl sie für die Familie über Jahre auf eine eigene Erwerbsarbeit verzichtet haben.
Der Sozialverband VdK sieht die aktuellen politischen Debatten zur Reform des Ehegattensplittings als Chance: „Wir brauchen eine Besteuerung, die die heutige Lebenswirklichkeit besser abbildet und Sorgearbeit stärker anerkennt – unabhängig von einem Trauschein“
, sagt Bentele. Alleinerziehende, unverheiratete Eltern oder Patchwork-Familien tragen ebenso Verantwortung für Kinder und Angehörige wie verheiratete Paare.
VdK fordert Reform mit Bestandsschutz
„Ehepaare, die ihr Leben mit dem Ehegattensplitting aufgebaut haben, dürfen jedoch finanziell nicht bestraft werden“
, fordert Bentele. Eine Reform muss einen Bestandsschutz oder gerechte Übergangsregelungen beinhalten. Frauen sollten nicht aufgrund geleisteter Sorge- oder Pflegearbeit benachteiligt werden.
Ziel einer Reform muss eine gerechtere Förderung aller Familien sein. Sie muss Anreize setzen für mehr Gleichstellung und eine stärkere eigenständige Existenzsicherung – für Frauen und Männer. Neben einer Reform des Ehegattensplittings braucht es bessere Kinderbetreuung, mehr Unterstützung für pflegende Angehörige und mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung statt Minijobs.
