Inklusive Bildung für Kinder: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Die meisten Eltern von Kindern mit Behinderung wünschen sich eine inklusive Schule, so eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Doch der Schulalltag sieht oft anders aus.

82 Prozent lehnen getrennte Beschulung ab
Sophia (Name von der Redaktion geändert) ist zwölf Jahre alt und hat bis vor Kurzem eine inklusive Grundschule in Berlin besucht. Sie liebt Musik, tanzt leidenschaftlich gern und erstellt kleine Videos auf ihrem Tablet. Geplant ist ein Wechsel auf eine inklusive Oberschule. Das Mädchen hat das Down-Syndrom und einen Förderschwerpunkt „geistige Entwicklung“
.
„Wir wollten unbedingt, dass unsere Tochter auf eine inklusive Schule geht“
, sagt Sophias Mutter Helene Seiler (Name von der Redaktion geändert). Sie habe es immer als Vorteil angesehen, dass die Kinder dort gemeinsam lernen und voneinander profitieren können.
Ähnlich geht es auch anderen Familien. Laut der Studie „Externer Link:Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ des DIMR lehnen 82 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderung eine getrennte Beschulung ab. 69 Prozent der Eltern, deren Kinder eine Förderschule besuchen, würden ihr Kind lieber auf eine allgemeine Schule schicken, wenn die Bedingungen dort besser wären. Für die Studie wurden bundesweit rund 7500 Eltern von Kindern mit Behinderung befragt.
Deutschland schließt im EU-Vergleich viele aus
Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) haben Kinder mit Behinderung das Recht auf inklusive Bildung. Doch Deutschland gehört laut DIMR zu den Ländern mit einer der höchsten Exklusionsquoten in Europa. Rund 60 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen Förderschulen.
Helene Seiler hat während der Grundschulzeit ihrer Tochter viel Positives erlebt. „Sophia wurde gut gefördert“
, resümiert sie – auch dank der Unterstützung durch eine Lehrerin und eine pädagogische Unterrichtshilfe. Beide tauschten sich regelmäßig per WhatsApp mit der Mutter aus, etwa zu Hausaufgaben oder Schulmaterial.
Ihr ist aber auch aufgefallen, wie wenig Kinder mit Förderbedarfen im Schulalltag mitgedacht werden. Sie berichtet von einer Verkehrsprüfung, bei der ein inklusives Konzept sowie Material in Leichter Sprache gefehlt haben. „Auch Kinder mit Beeinträchtigung sollten Erfolgserlebnisse haben – selbst wenn sie eine solche Prüfung nicht wie vorgesehen ablegen können“
, erklärt sie. Auf Elternabenden geht es immer wieder um Noten oder Klassenarbeiten. „Das betrifft unsere Tochter aber nicht. Die Themen der Kinder mit Förderbedarfen werden hier nur selten angesprochen.“
Viele Eltern von Kindern mit Behinderung fühlen sich durch die Organisation des Schulalltags belastet. Knapp 50 Prozent der Eltern mit Kindern an einer allgemeinen Schule empfinden die Situation als sehr anstrengend, an Förderschulen sind es fast 22 Prozent, so die Studie.
Scheinwahlrecht statt echter Entscheidungsfreiheit
Die Landesregierungen verweisen meist darauf, dass Eltern zwischen Förderschule und allgemeiner Schule wählen können. Dies sei aber oft nur ein Scheinwahlrecht, so Susann Kroworsch vom DIMR und Co-Autorin der Studie. Häufig sei es nur möglich, sich zwischen einer gut ausgestatteten Förderschule und einer schlecht ausgestatteten Regelschule zu entscheiden. Ein inklusives Schulsystem muss aber so aufgestellt sein, dass es individuelle Förderung und Teilhabe ermöglicht.
Als problematisch bewertet die Studie zudem die Beratungsgespräche zu Schuleintritt und -wechsel. Hier wird deutlich häufiger der Besuch einer Förderschule empfohlen. In Deutschland beginnt damit für viele Kinder oft ein Weg lebenslanger Exklusion, sagt Kroworsch. Rund 73 Prozent der Schülerinnen und Schüler verlassen diese Schulen ohne Abschluss. Die Folge sind gesonderte Ausbildungswege und Probleme auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Häufig bleibt nur eine Beschäftigung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.
„An allgemeinen Schulen lernen Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf nachweislich mehr“
, betont Kroworsch. Auch diese Fakten gehören in das Beratungsgespräch.
„Inklusion kann man nicht mehr abwählen“
Vera Moser, Professorin für Inklusionsforschung an der Goethe-Universität Frankfurt, hat auch an der Studie mitgewirkt. Sie verweist auf die Umsetzungspflicht der UN-BRK: „Inklusion kann man nicht mehr abwählen.“
Die Studienautorinnen sind überzeugt: Gemeinsames Lernen ist möglich, und gelungene inklusive Bildung kommt allen Kindern zugute – ob mit oder ohne Förderbedarf.
Sophias Mutter hofft, dass ihrer Tochter der Übergang in die weiterführende Schule gut gelingt. „Ich wünsche mir, dass Kinder mit einer Behinderung individuell gefördert werden und ihre Interessen eine größere Rolle spielen. Die Lehrkräfte sollten auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren und sie nicht in Schubladen stecken. Und die Schulen müssen von Anfang an mitdenken, welche Bedarfe und Bedürfnisse die Kinder haben“
, sagt Helene Seiler.
Studie zur Inklusion herunterladen
Studie auf der Website des Deutschen Instituts für Menschenrechte:





