27. April 2016
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Mama hat Bedürfnisse? Bitte hinten anstellen!

Christina Mundlos: Mütter haben immer noch die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung

Welche Herausforderungen mussten Mütter früher meistern? Welchen Ansprüchen sollen sie heute gerecht werden? Soziologin und Autorin Christina Mundlos aus Hannover erklärt, wie sich die Rolle der Mutter veränderte – oder in manchen Punkten eben nicht.

Christina Mundlos | © Frank de Gasperi

Die Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder, der Mann bringt das Geld nach Hause. Was früher gar nicht zur Debatte stand, ist heute selten. Oder täuscht der Eindruck?
Mundlos: Ich würde nicht sagen, dass dieses Modell Seltenheitswert hat. Nach wie vor sind es meistens die Frauen, die nach der Geburt zu Hause bleiben und insbesondere längere Familienphasen haben als Väter. Auch, wenn die Kinder älter sind und beide wieder arbeiten, haben fast immer die Mütter die Hauptverantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung – neben ihrem Job. Zu Hause zu bleiben, ist nur nicht mehr das einzig mögliche Modell.

Hatten es Mütter vor 20, 30 Jahren leichter?
Mundlos: Nein, leichter nicht – es gab andere Probleme. Denn wer arbeiten gehen wollte, konnte das damals schlicht so gut wie gar nicht – zumindest in Westdeutschland. Es gab ja keine Betreuung für unter Dreijährige, und für ältere Kinder reichte die Betreuungszeit oft nicht mal für einen Halbtagsjob. Aber die Ansprüche an die Mütter sind in den vergangenen 20 bis 30 Jahren enorm gestiegen. Die Mutter soll die Kinder permanent fördern, diverse Kurse mit ihnen besuchen, konditorgleiche Torten zu jedem Anlass erstellen, alles selber basteln, abwechslungsreich täglich frisch kochen und sich vor jedem Einkauf über die Kinderprodukte in den Zeitschriften der Waren- und Ökotests informieren. Es vergeht kein Tag ohne einen Artikel im Netz, der erklärt, was Mütter tun oder sagen müssen, um ihren Kindern nicht zu schaden. Das war früher nicht so.

Eine israelische Studie wirbelt derzeit Wind auf. Hierin erklären Frauen öffentlich, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein. Ist dieses Phänomen neu?
Mundlos: Neu ist dieses Phänomen ganz gewiss nicht. Bereits die Frauenbewegung der 1970er-Jahre hat deutlich gemacht, wie unzufrieden und unglücklich Mütter sein können. Die Frauen aus der israelischen Studie und auch aus meiner deutschen Studie dazu sind ja auch teilweise 60, 70 Jahre alt und bereuen ihre Mutterschaft schon eine ganze Weile.

Wie sieht die perfekte Mutter von heute aus?
Mundlos: Es gibt viele verschiedene, zum Teil auch widersprüchliche Ansprüche an Mütter. All diese unterschiedlichen Vorstellungen haben jedoch gemein, dass Mütter ihre eigenen Bedürfnisse für die des Kindes hinten anzustellen haben. Für ihr eigenes Leben darf eine Mutter keine Erwartungen mehr haben. Eine Mutter, die sich völlig aufopfert und nur noch für die Familie existiert, die keine Wünsche mehr hat oder sie zumindest nicht äußert und schon gar nicht deren Erfüllung vorantreiben möchte, gilt als normal. Mütter, die die Frage stellen „Und was ist mit mir?“, werden hingegen als egoistisch angesehen. Etwas derartiges würde man von keiner anderen gesellschaftlichen Gruppe erwarten.

Sie sind selbst Mutter zweier Kinder und berufstätig. Wie kann der Spagat zwischen Familie und Beruf gelingen, ohne selbst auf der Strecke zu bleiben?
Mundlos: Zunächst rate ich dazu, noch vor der Familiengründung dringend mit dem Partner die Aufgabenteilung zu besprechen – und zwar möglichst realistisch und detailliert. Die Gefahr ist groß, nach der Geburt des ersten Kindes auf altbekannte traditionelle Rollenverteilungen zurückzugreifen, die wir noch aus unserer Kindheit von unseren Eltern kennen – auch wenn man sich dagegen entschieden hatte. Das frustriert am Ende Mütter und Väter. Dann geht es darum, seine Glücksbremsen zu erkennen, die Ansprüche zu senken, die man an sich selbst hat, und die Ansprüche der Gesellschaft zurückzuweisen. Das ist nicht einfach. Denn Mütter riskieren die soziale Ausgrenzung, wenn sie ihre Rolle abstreifen wollen. Dennoch sollten sie sich öfter fragen „Was will und kann ich leisten?“ und nicht „Was soll ich leisten?“. Zudem ist es sinnvoll, jegliche Form der Unterstützung anzunehmen – ob vom Vater, den Großeltern oder von örtlichen Betreuungseinrichtungen. Und zwar in dem Maß, indem man sie braucht. Viele schämen sich und haben Angst davor, als Rabenmutter zu gelten. Daher buchen sie beispielsweise weniger Betreuung, als sie eigentlich brauchen. Das führt langfristig in eine Sackgasse.

Die Rolle der Mutter hat sich verändert. Auch die Rolle des Vaters?
Mundlos: Ja, auch die Vaterrolle befindet sich im Wandel. Doch sie ändert sich sehr viel langsamer als die Mutterrolle. Die Väter können da noch deutlich aufholen. Zumal sie die Mütter oft ausbremsen. Meist gehen nämlich Hand in Hand: unglückliche und überlastete Mütter und traditionelle Väter, die die Fürsorgearbeit scheuen.


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