4. Juli 2018
VdK-Zeitung

1968 – Jahr des Aufbruchs

Vor 50 Jahren protestierten junge Menschen weltweit gegen die Elterngeneration – VdK-Mitglieder erinnern sich

Kaum ein Jahr des vergangenen Jahrhunderts hat sich so sehr in das kollektive Gedächtnis gebrannt wie 1968: Vor 50 Jahren protestierten weltweit Studenten und junge Menschen gegen die autoritäre Elterngeneration, gegen Kriege, für Freiheit und Emanzipation. Die VdK-Mitglieder Georg Wiest und Hannelore Sieling erinnern sich an diese Zeit.

© Free-Photos/Pixabay

Die Studentenunruhen begannen eigentlich schon viel früher, nämlich am 2. Juni 1967 mit dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration in Berlin von einem Polizisten erschossen wurde. Dennoch hat sich die Jahreszahl 1968 durchgesetzt. Wer von 1968 spricht, meint damit meist nicht das konkrete Jahr, sondern einen tiefen gesellschaftlichen Wandel: die Abkehr von den Werten der Elterngeneration und das Ausprobieren neuer Lebensformen.

„Es herrschte Aufbruchstimmung“, erinnert sich VdK-Mitglied Georg Wiest. Der ehemalige Geschäftsführer des VdK-Bezirks Südwürttemberg-Hohenzollern fing im Wintersemester 1966/67 sein Jurastudium an der Uni Tübingen an. Bereits 1967 war die Stimmung am Kochen. „Es gab jeden zweiten Tag eine Versammlung, Sit-ins oder Teach-ins.“ Wiest, Jahrgang 1947, wuchs in einem konservativen Elternhaus auf. Ein Hippie war er nicht. „Meine Haare gingen nur ein bisschen über die Ohren“, sagt er. „Meiner Mutter war das trotzdem zu lang.“

Prägend war für den damals 21-Jährigen auch die Musik dieser Zeit: „Beatles, Stones, Kinks und The Who haben uns eine neue Welt eröffnet.“ Als Mitglied einer katholischen Studentenverbindung organisierte Wiest Diskussionsveranstaltungen, unter anderem auch mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dessen bekanntester Vertreter Rudi Dutschke war. Zu den schillerndsten Professoren an der Uni Tübingen gehörte der Philosoph Ernst Bloch. Er war eine Leitfigur der Studentenbewegung.

„Großes Thema waren die Notstandsgesetze, die am 30. Mai 1968 vom Deutschen Bundestag beschlossen worden waren. Da habe ich Bloch auf einigen Versammlungen erlebt“, berichtet Wiest. Rückblickend erinnert sich der Jurist vor allem an die Aufbruchstimmung, die in der Luft lag. „Sie hat mich noch viele Jahre begleitet.“ Der Eintritt ins bürgerliche Leben sei für viele seiner Generation nicht leicht gewesen. „Ich habe versucht, die Offenheit dieser Zeit in den Alltag zu integrieren“, sagt er. „Beim VdK ist mir das gut gelungen, da ich viel mit Menschen zu tun hatte.“

Zu brav für eine Revolte

„Mir haben die Nachrichten von den Studentenunruhen eher Angst gemacht“, erinnert sich Hannelore Sieling, Vorsitzende des VdK- Kreisverbands Ravensburg und des Ortsverbands Isny in Baden-Württemberg. „Ich habe es nicht verstanden, warum die Studenten auf die Barrikaden gegangen sind.“ Zu dieser Zeit lebte die damals 19-Jährige noch bei ihren Eltern und steckte mitten in ihren Abschlussprüfungen zur medizinisch-technischen Assistentin.

Lange Haare oder Minirock trug sie nicht. „Äußerlich deutete nichts darauf hin, dass ich zu dieser Gruppe junger Leute gehören könnte, die gegen die Notstandsgesetze protestierte.“ Auch Sieling stammte aus einer bürgerlich-konservativen Familie und war nach eigenen Angaben zu brav, um eine Revolution anzuzetteln. „Ich dachte immer, dass man erst den Mund aufreißen kann, wenn man zuvor etwas geleistet hat.“ Das einzige, wogegen sie protestierte, war das geringe Taschengeld.

Hannelore Sielings Revolte kam ein paar Jahre später: Sie zog mit 22 aus, um sich dem Einfluss des Elternhauses zu entziehen – und zwar „weit genug, damit zu Hause niemand auf die Idee kam, mal eben übers Wochenende die Tochter zu besuchen“. So landete die gebürtige Niedersächsin schließlich im Allgäu, wo sie sich bis zur Leiterin der MTA-Schule für Laboratoriumsassistenten an der naturwissenschaftlich-technischen Akademie in Isny im Allgäu hocharbeitete. Auch wenn sie damals mit den Zielen der Studenten nur wenig anfangen konnte, so ist sie heute doch froh, dass es diese Zeit gegeben hat: „1968 war ein Meilenstein. Die Gesellschaft hat sich erneuert. Die Menschen sind nicht mehr so unterwürfig, sie passen sich nicht mehr einfach nur an.“



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04.07.2018 | Interview: Annette Liebmann

Annette Liebmann

Schlagworte 1968 | Studentenunruhen | Hippies | Protest | Freiheit | Emanzipation

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