1. Oktober 2019
VdK-Zeitung

Auf Umwegen durch die Stadt

Wer mit dem Rollstuhl eine Stadt erkunden will, muss Umwege suchen. Das ist die Erfahrung von Winfried Hoffmann, der im Saarland Städtetouren für Rollstuhlfahrer erstellt. Eine Tour für Saarlouis ist bereits fertig, jetzt hat er sich Merzig vorgenommen.

Dieser Bürgersteig in der Josefstraße ist für einen Rollstuhlfahrer zu schmal. Winfried Hoffmann (Mitte) wird von Christina und Jürgen sowie Hündin Kira begleitet. | © VdK Saarland


Einen rollstuhlgerechten Stadtrundgang zu erstellen, ist gar nicht so einfach. „Man muss eine Strecke finden, die man komplett mit dem Rollstuhl befahren kann und die die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern berücksichtigt“, sagt Hoffmann, der selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist. In Saarlouis orientierte er sich an der offiziellen Städtetour der Tourist-Info und passte die Wege entsprechend an. Die Tour ist in drei Etappen geteilt, die unabhängig voneinander absolviert werden können und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten umfasst. Jede ist rund 1,6 Kilometer lang.

Dieser Weg wurde zu steil gebaut, kritisiert Hoffmann. Auch fehlen Warnhinweise für Rollstuhlfahrer auf die starke Neigung. | © VdK Saarland

Bei der Planung versucht Hoffmann, typische Hindernisse zu vermeiden, die man in jeder Stadt findet: zu steile, schräge oder gar nicht abgesenkte Bordsteine, Stolperfallen wie kaputte Bodenbeläge, Löcher und Vertiefungen bei Gullideckeln oder abgebrochene Pfosten von Schildern, die aus dem Boden ragen. Und natürlich das Kopfsteinpflaster, das sowohl in Merzig als auch in Saarlouis an vielen Ecken das Stadtbild prägt. „Wenn der Rolli nicht gut gefedert ist, fliegen einem die Zähne weg“, sagt Hoffmann.

Ein weiteres Sorgenkind: Autos, die den Weg blockieren oder auf den Absenkungen parken, die für die Rollis notwendig sind, um von der Straße auf den Bürgersteig zu kommen. Mehr Poller könnten die Autofahrer daran hindern, sagt Hoffmann. „Autos wird leider viel zu oft Vorrang gegeben. Teilweise werden sogar Parkflächen auf Bürgersteigen angelegt.“

WC ist größte Sorge

Die größte Sorge aber für jeden Rollstuhlfahrer ist das WC. „Die ganze Barrierefreiheit nützt mir nichts, wenn ich kein Klo finde.“ Es sollte schnell zu erreichen sein und mit einem Euroschlüssel abgesperrt werden können. Denn öffentliche WCs, selbst wenn sie barrierefrei gestaltet sind, kommen für Rollstuhlfahrer nicht in Frage. „Diese Toiletten sind für jedermann zugänglich und dementsprechend oft in einem furchtbaren Zustand. Das kann man keinem Rollstuhlfahrer oder Blinden zumuten!“ Das barrierefreie WC am Viehmarkt kann Hoffmann daher nicht empfehlen.

Neu in Merzig ist das Behinderten-WC am Stadtpark, das sich nur mit einem Euroschlüssel öffnen lässt. | © VdK Saarland

Das nächste Behinderten-WC mit Euroschlüssel steht am Stadtpark. Allerdings finden sich im Stadtkern keine Hinweisschilder darauf, wie Hoffmann kritisiert. „Die fehlende Information ist das Hauptproblem. Es müsste viel mehr Wegweiser zu den WCs geben, auch am Bahnhof.“

Hoffmann selbst nutzt die kostenlose App Wheelmap, auf der Internetnutzer Informationen zur Barrierefreiheit an jedem Ort weltweit bereitstellen können – inklusive Foto und Beschreibungen zum Zugang. Ist zum Beispiel ein Café oder ein Geschäft mit dem Rollstuhl zugänglich, ist es grün markiert mit dem Zusatz „voll rollstuhlgerecht“ und weiteren Details. Orange und Rot stehen für teilweise sowie nicht rollstuhlgerecht. Laut der App gibt es in Merzig noch ein Behinderten-WC im Neuen Rathaus – „aber wahrscheinlich ist es nur zu den Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich“, vermutet Hoffmann.

Löcher im Boden

Sein bisheriges Fazit: Die Zahl der Behinderten-WCs in Merzig ist überschaubar und auf eine Stelle konzentriert. Das wird problematisch, wenn die Tour über die Innenstadt hinaus – zum Beispiel Richtung Tierpark oder Fellenberg-Museum führen soll.

Ebenfalls vermeiden wird er die Route über den Seffersbach am Gustav-Regler-Platz vorbei. Dort gibt es zahlreiche Hindernisse, wie zu schmale Bürgersteige, fehlende Absenkungen oder Löcher im Boden. Dass die Zone ein verkehrsberuhigter Bereich ist, hilft ihm als Rollstuhlfahrer wenig. „Dieses Schild muss man erst einmal sehen. Doch wenn man dann wie erlaubt die Straße benutzt, wird man von den Autofahrern dumm angemacht, die hier viel zu schnell unterwegs sind. Diese Strecke kann ich keinem Rollstuhlfahrer ruhigen Gewissens empfehlen.“

Viel Lob gibt es für das inklusive Karussell, auf dem Rollstuhlfahrer und nicht behinderte Kinder zusammen fahren können. | © VdK Saarland

Doch die Stadt hat auch Positives zu bieten: ein Rollstuhlkarussell steht im Stadtpark auf einem inklusiven Spielplatz, zusammen mit einem Sandtisch, den Rollstuhlfahrer unterfahren können. Beides ist im Saarland noch eher selten zu finden.

Zweimal war er bereits in Merzig und hat zahlreiche Fotos der Besichtigungen auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht. Dort sieht man zum Beispiel ein Auto, das den kompletten Bürgersteig blockiert, aber auch Fotos von Kirchen, Plätzen, Cafés und Geschäften in der Innenstadt. Die endgültige Tour will er dann im Internet veröffentlichen – inklusive Wegbeschreibung als PDF.

Info

Winfried Hoffmann ist Behindertenbeauftragter der Stadt Dillingen und erstellt Städtetouren für Rollstuhlfahrer im Rahmen des Projektes „Barrierefreies Leben“ der Zukunftswerkstatt Saar. Ausgekundschaftet hat er unter ­anderem Lebach, St. Wendel, Kirkel-Limbach, Schmelz und ­Saarbrücken. Die Beschreibung der Städtetour durch Saarlouis findet man im Internet auf wheelmap.org.

Maria Wimmer

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