17. März 2014
VdK-Zeitung Archiv

Hörgenuss für jeden Geschmack

Seit 55 Jahren profitieren sehbehinderte Menschen vom Angebot der Bayerischen Blindenhörbücherei

Gemütlich auf dem Sofa zurücklehnen, Augen schließen und endlich erfahren, wer der Mörder ist – dieses Erlebnis kennt jeder, der schon einmal einem Hörbuch-Krimi gelauscht hat. Die meisten Hörbücher sind jedoch nicht auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen abgestimmt. Gut, dass es die Bayerische Blindenhörbücherei gibt. In den Studios entstehen CDs, die dank eines speziellen Wiedergabegeräts optimal gehört werden können.

Vorleser: Klaus Haderer im Studio der Bayerischen Blindenhörbücherei. | © Antritter

Ruth Tiedge holt ein kofferartiges Gerät aus dem Schrank. Es wirkt nostalgisch und erinnert an einen Kassettenrekorder im 1980er-Jahre-Stil. Dabei ist es hochmodern. „Das Daisy-Gerät ist mit seinen großen Tasten für Blinde und sehbehinderte Menschen angenehm zu bedienen“, erklärt die 50-Jährige. Als Geschäftsführerin der Bayerischen Blindenhörbücherei (BBH) in München verwechselt sie den Gerätenamen nicht mit der berühmten Comicfigur aus Entenhausen. Daisy steht für „Digital Accessible Information System“ und beschreibt eine spezielle digitale Technik, mit der die Hörbuch-CDs ausgestattet sind. Zum Abspielen der Lesungen ist es ratsam, das spezielle Gerät zu Hause zu haben.

Die Vorzüge von Daisy

Ruth Tiedge stellt das Daisy-Gerät vor. | © Antritter

Ruth Tiedge erklärt die Vorteile des Hilfsmittels: „Mit der Daisy-Technik werden die Bücher so aufbereitet, dass sich die Hörer mit einer Sehbehinderung besser zurechtfinden.“ Dafür wird die Buchvorlage strukturiert. „Es ist möglich, per Knopfdruck Abschnitte der Lesung zu überspringen. Außerdem kann man die zuletzt gehörte Stelle mit einem Lesezeichen markieren.“ Ruth Tiedge startet eines der Daisy-Bücher, wie die Hörbuch-CDs genannt werden. Während der Sprecher einzelne Kapitelüberschriften vorliest, drückt sie mehrmals eine der Tasten. Im Nu wird der Redefluss flotter. „Zum Glück klingt der Sprecher jetzt nicht wie Mickey Mouse“, lacht sie und stellt das Tempo wieder normal ein. Wer möchte, kann die Lesung auch langsamer ertönen lassen.

Die kleine Vorführung, was das Gerät alles kann, beeindruckt umso mehr, wenn man den Hintergrund erfährt: Die sehbehinderten Hörer sollen die gleichen Möglichkeiten haben wie Sehende. Die lassen ihre Augen ja auch mal schneller über die Zeilen huschen oder lesen eine Seite quer. Oder sie überspringen einen Abschnitt. „Die Hörer erhalten bei uns den gleichen Zugang zu Informationen.“ Dazu gehört auch, dass ein Buch in vollem Umfang verwendet wird: Selbst ein dicker Schmöker wird nicht gekürzt. Und der Sprecher liest auch Klappentext und Inhaltsangabe vor.

Eine wahre Fundgrube

Im Sortiment der BBH stehen insgesamt 18.000 Titel bereit, darunter Klassiker, Romane, Briefe, Sach- und Kochbücher sowie Reiseführer. Besonders begehrt ist die Unterhaltungsliteratur. Doch auch wer ältere oder rare Exemplare sucht, wird fündig. „Anders als im Handel, wo viele Hörbuch-Produktionen nach ein paar Jahren wieder aus den Regalen verschwinden, gibt es die Titel der BBH garantiert noch. Mittlerweile ist die Sammlung zu einer richtigen Fundgrube angewachsen“, freut sich Ruth Tiedge und fügt hinzu: „Ein weiterer Pluspunkt ist, dass wir keine kommerziellen Interessen verfolgen müssen.“

Die Pläne für die kommenden Jahre? „Wir arbeiten an der Online-Nutzung, damit die Hörer die Daisy-Bücher auch über ein Internetportal herunterladen können.“ Ruth Tiedge stellt das Daisy-Gerät vor. Die BBH ist eine von insgesamt zehn deutschsprachigen Blindenhörbüchereien. Die älteste befindet sich in Marburg. Die Einrichtungen arbeiten eng zusammen und tauschen Titel aus. Wer vom kostenlosen Hörbuch-Angebot profitieren möchte, erbringt einen Nachweis über die Sehbehinderung. Die Wunschtitel landen dank Blindensendung portofrei im Briefkasten. Die bayernweit 6000 Nutzer sind überwiegend Senioren. Die Lektorin betont, dass die Hörer anspruchsvoll sind: „Wir haben schon empörte Anrufer gehabt, weil ein Bayernkrimi nicht mit Dialekt gelesen wurde.“

Einer, der sich mit fiktiven Schurken auskennt, die im Freistaat ihr Unwesen treiben, ist Klaus Haderer. Seit 2011 liest er als einer von 25 professionellen Sprechern in den Münchner Studios der BBH. Gerne wird er für bayerische Krimis gebucht. In einer der fünf Studio-Kabinen liest der 53-Jährige gerade den Roman „Der Sünde Sold“ von Inge Löhnig vor. Dass er Schauspieler ist, sieht man seiner Körpersprache sofort an: Bei jedem Dialog mimen die Gesichtsmuskeln Wut, Frohsinn oder Enttäuschung, und auch seine Hände unterstreichen die Handlung ausdrucksstark.

Der Wahlmünchner erzählt, dass ihm nicht alle Texte so viel Spaß machen. „Dieser Krimi, der südlich von München spielt, gefällt mir. Wichtig ist, dass ein Buch gut geschrieben ist, sonst fällt das Einsprechen schwer.“ Er schätzt die Arbeit für den BBH. „Es ist sehr angenehm, lange Passagen vorzulesen. Da kann ich richtig in die Geschichte eintauchen.“ Diese Begeisterung spüren auch die Hörer.

Kontakt


Bayerische Blindenhörbücherei e. V.
Lothstraße 62
80335 München
Telefon (089) 1215 51-0
Fax (089) 1215 51-23
E-Mail: info@bbh-ev.org
Internet: www.bbh-ev.org

Elisabeth Antritter

Schlagworte Hörbuch | Hörbücherei | Daisy | Blindenhörbücherei | blind | sehbehindert | lesen | Bücher

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