1. November 2020
VdK-Zeitung

Länger und sicherer im eigenen Zuhause dank Wohnberatung

Mit 130 Beratungsstellen ist die öffentlich geförderte, unabhängige und kostenlose Wohnberatung in Nordrhein-Westfalen fast flächendeckend und bundesweit einmalig. Susanne Tyll, Leiterin der Koordination Wohnberatung NRW, erklärt im Interview, welchen Nutzen und welche Kostenersparnis die Wohnberatung bringt.

Ein älterer Mann mit Geh Stock geht eine Treppe hinunter und hält sich am Geländer fest. Durch eine professionelle Wohnberatung können Menschen länger im eigenen Zuhause bleiben. | © i-Stock

Vor welchem Hintergrund ist die Wohnberatung entstanden?
Susanne Tyll: Schon Ende der 80er-Jahre ist in der Gemeinwesenarbeit im Dortmunder Kreuzviertel aufgefallen, dass viele Wohnungen nicht so sind, wie ältere Menschen sie brauchen. Es gab aber niemanden, der sich darum kümmerte. 1989 ist das Land NRW schrittweise eingestiegen mit der Förderung von zunächst einer und dann ab 1992 sechs Beratungsstellen. Heute gibt es 130. Auf politischer Ebene herrscht Einigkeit darüber, dass es eine hauptamtliche, kostenfreie und unabhängige Wohnberatung braucht. Diese muss öffentlich ­finanziert werden.

Warum ist eine Wohnberatung sinnvoll?
Susanne Tyll: Sie ermöglicht den Menschen länger, sicherer und an ihre individuellen Bedürfnisse angepasst in ihrer Wohnung zu leben. Das entspricht dem Wunsch der meisten Menschen, die ihre vertraute Umgebung nicht verlassen wollen – 93 Prozent der über 65-Jährigen leben in normalen Wohnungen. Hinzu kommt der angespannte Wohnungsmarkt: Eine barrierefreie Wohnung zu finden, ist schwierig. Ein Umzug in eine andere Wohnung ist zumeist mit deutlich höherer Miete und einem fremden Wohnumfeld verbunden.

Susanne Tyll | © privat

Welche Kosten werden vermieden?
Susanne Tyll: Für die öffentliche Hand bedeutet die Wohnberatung eine Kostenersparnis, wenn Heimeinweisungen oder Stürze dadurch verhindert werden. In Deutschland sterben pro Jahr über 10000 Menschen an Unfallfolgen im Haushalt – dreimal so viel wie im Straßenverkehr. Stürze stehen an erster Stelle! Dabei stürzen die Menschen weniger aus der Höhe als über Teppiche oder andere Stolperfallen, auch aufgrund von Schwindel.

Wie wird die Wohnberatung finanziert?
Susanne Tyll: Die Landesverbände der Pflegekassen in NRW und der Verband der Privaten Krankenversicherung übernehmen die Hälfte der Kosten einer Vollzeitstelle, wenn die jeweilige Kommune bzw. der Kreis vorab eine Ko-Finanzierungserklärung für die andere Hälfte abgegeben hat. Außerdem gibt es Wohnberatungsstellen, die anders öffentlich gefördert werden und ebenfalls hauptamtlich, unabhängig und für die Ratsuchenden kostenlos arbeiten.

Ist die Wohnberatung in NRW einzigartig?
Susanne Tyll: Mit Sicherheit. Kein anderes Flächenland hat eine vergleichbare Struktur. Von einer flächendeckenden hauptamtlichen Wohnberatung sind die meisten leider weit entfernt.

Wie hat sich die Wohnberatung in 30 Jahren verändert?
Susanne Tyll: Das Angebot richtete sich ursprünglich nur an ältere Menschen. Es hat sich schnell gezeigt, dass auch Menschen mit Behinderung, Pflegebedarf sowie Demenz eine Wohnberatung brauchen. Und die Menschen insgesamt nehmen das Thema mehr wahr. Sie erleben bei Bekannten mit Mobilitätseinschränkungen, wie es ist, wenn die Wohnung nicht an die individuellen Bedürfnisse angepasst ist. Um dem vorzubeugen, wird präventive Wohnberatung zunehmend in Anspruch genommen. Außerdem hat sich die Technik enorm entwickelt. Auf dem Markt gibt es zahlreiche Angebote, die den Wünschen der Ratsuchenden entsprechen – denken Sie nur an die Entwicklung in der Ausführung bodengleicher Duschen. Hilfsmittel richten sich heute an eine größere Zielgruppe und sind auch nicht mehr unbedingt als solche erkennbar.

Wie wichtig sind Hausbesuche?
Susanne Tyll: Auch wenn die Wege im größten Flächenland oft weit sind: Eine Wohnberatung funktioniert nicht ohne Hausbesuche. Der Hausbesuch dient dazu, sich ein vollständiges Bild von dem Menschen und seiner Situation zu machen, und gemeinsam zu überlegen, wie die Wohnung an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden kann. Das geht nicht am Telefon, was sich auch deutlich während der Pandemie zeigt. Auch das Wohnumfeld und die Versorgungssituation werden beim Hausbesuch angesprochen.

Ist die Wohnberatung auch eine Pflegeberatung?
Susanne Tyll: Wohnberatung ist eine eigene Profession, die oftmals die erste Anlaufstelle in der Beratung für Menschen ist. Das hängt auch damit zusammen, dass das Thema „Wohnen“ positiv besetzt ist und viele der Ratsuchenden noch keinen Pflegebedarf haben – und auch nicht über Pflege nachdenken wollen. Wird ein Pflegebedarf erkannt, informiert die Wohnberatung über entsprechende Hilfen.

Welche Anfragen sind am häufigsten?

Susanne Tyll: Der Klassiker ist die bodengleiche Dusche oder die zu niedrige Toilette im Badezimmer. Das hängt mit dem nächtlichen Toilettengang, aber auch mit der besonderen Situation im Badezimmer zusammen. Dort sind die Menschen am verletzlichsten. Häufige Stolperfallen sind zu enge oder zugestellte Wege, Stufen am Haus oder Schwellen in der Wohnung, etwa zur Balkontür. Für manche Menschen ist der Balkon die ­einzige Möglichkeit, um nach draußen zu kommen. Selbstverständlich werden alle weiteren Themen beim Hausbesuch angesprochen: Erreichbarkeit von Gegenständen, das Bett sowie Lichtverhältnisse.

Wie kostspielig sind die Maß­nahmen?
Susanne Tyll: Das kommt ganz drauf an! Oft können schon kleine Maßnahmen eine große Wirkung haben, wie eine Erhöhung des Lieblingssessels oder ein Handlauf. Eine 85-jährige Frau hatte wegen drei Stufen am Hauseingang Angst, nach draußen zu gehen. Seit dort ein Handlauf ist, geht sie wieder regelmäßig hinaus. Ein kompletter Badezimmer­umbau ist natürlich teurer. Einen Teppichläufer wegzulegen kostet Überwindung. Die Frage ist immer, was die Menschen benötigen und ob sie anfallende Kosten finanzieren können oder teilweise finanziert bekommen.

Wie ist die Resonanz?
Susanne Tyll: Die Nachfrage nach Wohnberatung steigt stetig. Wohnberatung in NRW ist etabliert und im Land bekannt. Teilweise gibt es Wartezeiten. Und die persönliche Resonanz: Ratsuchende bedanken sich mit den Worten: „Warum habe ich das Angebot nicht schon früher genutzt?“ oder auch „Wohnberatung ist das Beste, was mir in diesem Jahr passiert ist“.

Zur Wohnberatung

Susanne Tyll leitet die Koordination Wohnberatung NRW seit April 2016. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW, den Landesverbänden der Pflegekassen in NRW und dem Verband der Privaten Krankenversicherung. Der Sozialverband VdK Saarland fordert seit Jahren eine professionelle Wohnberatungsstruktur, die baufachliche, technische, gerontologische und förderrechtliche Kompetenzen bündelt. Diese Forderung wurde zwar in den Koalitionsvertrag aufgenommen, aber bisher nicht umgesetzt. Stürze im Haushalt zählen zu den häufigsten Unfallursachen in Deutschland. Die Wohnberatung in Nordrhein-Westfalen klärt darüber auf, wie Barrieren in Häusern und Wohnungen reduziert werden können.

Maria Wimmer

Schlagworte Wohnberatung | Barrierefreiheit | Gehbehinderung | Mobilität | Finanzierung | barrierefreier Wohnraum | Umbau

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