1. März 2020
VdK-Zeitung

„Zusammenhalt macht den Chor aus“

Im Jahr 2016 hat der VdK Saarland den Inklusionschor „Einklang“ ins Leben gerufen. Einmal pro Woche singen Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 26 Jahren – mit Down-Syndrom, Autismus und anderen Einschränkungen. Im Interview erklärt Chorleiterin Martina Haupenthal, was den Chor so einzigartig macht.

Zusammenhalt ist das, was den Chor ausmacht, sagt Chorleiterin Martina Haupenthal (Mitte). | © Aktion Mensch/Thilo Schmuelgen

Können Sie sich noch an die erste Chorprobe erinnern?
Martina Haupenthal: Ja, das war im August 2017. Ich hatte Angst und keine Ahnung, ob ich das kann. Das Gute war, dass der vorherige Leiter die Kinder gut vorbereitet hat, sodass die erste Hürde schon genommen war. Ich bin zwar schon fast 40 Jahre als Chorleiterin aktiv und hatte schon öfter mit Menschen mit Handicap zu tun, aber noch keinen Chor, der fast nur aus ihnen besteht.

Wie schnell wurden Sie akzeptiert?
Martina Haupenthal: Das ging sehr schnell. Ein Mädchen aus dem Chor hat die gleiche Einschränkung wie mein Sohn: Spina Bifida (offener Rücken). Wir haben uns darüber unterhalten, als ich sie im Auto zum Chor mitgenommen habe. Als wir da waren, rannte sie zu den anderen und rief: Sie hat auch ein behindertes Kind! Da war das Eis gebrochen. Auch für die Eltern bin ich nicht nur die Chorleiterin, sondern selbst Betroffene.

Gab es Berührungsängste?
Martina Haupenthal: Nur bei der ersten Probe, danach nicht mehr. Die Kinder mögen einen sofort oder eben nicht und teilen einem das auch mit. Zum Beispiel, wenn ihnen ein Lied nicht gefällt. Das ist das Positive: Sie sind unverstellt. Man weiß, woran man ist. Wenn sie etwas sagen, ist es auch so gemeint.

Sind die Proben anders?
Martina Haupenthal: Das musikalische Level ist ein anderes und wir singen viel mit Bewegungen. Dadurch kann man sich den Text leichter merken, wenn man nicht gut lesen kann. Über die Texte wird die Artikulation verbessert, was mir als geprüfte Sprech­erzieherin sehr wichtig ist.

Was bringt das Singen den Kindern?
Martina Haupenthal: Die Artikulation, aber auch die motorischen Fähigkeiten haben sich bei vielen deutlich verbessert. Als wir anfangs geklatscht haben, war das oft ein Tohuwabohu. Jetzt können wir auch komplizierte Rhythmen gemeinsam klatschen. Bei manchen hat sich die Ausprägung der Behinderung abgemildert. Wir haben einen Autisten, der anfangs kein Wort gesprochen hat, weil er die Aufmerksamkeit nicht ertragen konnte – jetzt hält er die ganze Bande auf Trab.

Der Chor hatte schon zahlreiche Auftritte, wie hier in der Kulturgießerei in Dudweiler. | © VdK

Stärkt der Chor den Zusammenhalt?
Martina Haupenthal: Der Zusammenhalt ist das, was den Chor ausmacht. Dieses Gefühl „Wir sind gemeinsam stark“. Manche sagen: Ich bin froh, dass ich die Gruppe gefunden habe. Hier bin ich unter Gleichen und nicht der Außenseiter. Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, in der sich Kinder und deren Eltern austauschen, wo Geburtstagsgrüße geschickt werden. Ein Mädchen hat kürzlich eine rührende Sprachnachricht geschickt: Hey Leute, ich freue mich wieder auf Dienstag! Stört euch nicht an meinen Tränen, das sind Freudentränen!

Wie ist die Resonanz?
Martina Haupenthal: Durchweg positiv. Wir werden immer wieder eingeladen. Im September hatten wir einen Auftritt, auf den ich jetzt noch häufig angesprochen werde, wie toll das war. Da kam ein Mann mit Tränen in den Augen und sagte: Das war wunderschön. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas geht.

Das heißt, die Kinder können mehr als wir denken?
Martina Haupenthal: Auf jeden Fall. Ein Mädchen im Chor habe ich allein auf der Blockflöte spielen und ein Gedicht vor­getragen lassen. Als ich die Leitung übernommen habe, hätte ich mir das nicht vorstellen können. Wir trauen ihnen leider viel zu wenig zu.

Wie hat sich der Chor verändert?
Martina Haupenthal: Die Kinder sind selbstbewusster geworden. Zum Beispiel als es um die Frage ging, ob wir ein barrierefreies Lokal finden, um gemeinsam zu essen. Da sagte ein Kind: Das schaffen wir, da kommen wir hin!

Im Chor singen Kinder mit vielen unterschiedlichen Einschränkungen – Wie schafft man es, dass alle zusammen singen?
Martina Haupenthal: Das Allerwichtigste ist, dass man selbst mitsingt. Es reicht nicht, sie singen zu lassen. Man muss Blickkontakt haben und für jeden präsent sein.

Welche Lieder werden gesungen?
Martina Haupenthal: Wir haben ein großes Repertoire und lernen auch schwierigere Texte. Wir fangen mit der ersten Strophe an und bei jeder Probe kommt eine Strophe hinzu. Gut ist, wenn Bewegungen möglich sind. Wir singen häufig Lieder vom Anderssein und darüber, dass jeder Mensch okay ist, wie er ist. Zum Abschluss jeder Probe singen wir das Lied „Weil wir Freunde sind, kann uns nichts mehr trennen“. Damit endet auch jeder Auftritt.

Auf einen Blick

Der Kinder- und Jugendchor „Einklang“ wurde 2016 gegründet und hat seitdem mehr als ein Dutzend Mal auf der Bühne gestanden. Die Proben sind immer dienstags (außer in den Schulferien) für eine Stunde ab 16.30 Uhr in der Seniorenresidenz St. Josef der AWO, Rathausstraße 1, 66292 Riegelsberg. Die Teilnahme ist kostenlos. Wer Lust hat, mitzumachen oder den Chor buchen will, kann sich an VdK-Projektleiterin Ingrid Wacht wenden: Telefon 0681 58459-400 oder ingrid.wacht@vdk.de

Maria Wimmer

Pressestelle des VdK Saarland

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