1. November 2017
VdK-Zeitung

Das schlimmste Telefonat
seines Lebens

Das VdK-Gründungsmitglied Hermann Wilhelm (94) erlebte als Lehrling die Evakuierung von Ensheim. Im Krieg schwer verwundet, war Wilhelm mehr als 50 Jahre im VdK Ensheim aktiv.

Hermann Wilhelm mit einer Urkunde, die seine Verdienste im Behindertensport würdigt. | © VdK

Es war das schlimmste Telefonat seines Lebens, schreibt Hermann Wilhelm (94) in seinen Aufzeichnungen. Den Beginn des Zweites Weltkrieges am 1. September 1939 hat der damals 16-jährige Verwaltungslehrling direkt miterlebt. Er ist damals zum Telefondienst in der Gemeinde Ensheim eingeteilt, als um 6 Uhr das Telefon klingelt: Die Ensheimer Bevölkerung muss innerhalb von 48 Stunden evakuiert werden, heißt es.

Wilhelm verständigt den Bürgermeister, eine Krisensitzung folgt. Die Bewohner müssen ihre Koffer packen, sichtbar mit der Heimatadresse beschriftet, und sich reisefertig zum Schulhof begeben. Bis zum Abend des 2. September soll die Evakuierung abgeschlossen sein. Zu nah liegt Ensheim an der französischen Grenze und dem Westwall, mit dem das Deutsche Reich verteidigt werden sollte.

Wilhelm informiert auch seine Eltern: „Sie standen fassungslos vor mir und Tränen rollten über ihre Wangen. Die Stimmung ist nicht zu beschreiben, wenn man sein mühsam erbautes Haus mit Einrichtung und Vieh im Stalle, wegen eines unnötigen Krieges auf unbestimmte Zeit verlassen muss“, schreibt er. Die Stalltüren lässt die Familie offen, damit die Schweine, Hühner und Ziegen sich selbst versorgen können – was aus den Tieren geworden ist, ist ungewiss. „Diesen Krieg verlieren wir auch, denn am Ende wird uns Amerika den Krieg erklären“, soll Wilhelms Vater beim Verlassen des Hauses gesagt haben.

Evakuierung nach Thüringen

Wilhelms Eltern fahren mit der Bahn zu seiner Schwester nach Hessen. Wilhelm wird mit anderen Jungen beauftragt, mehrere hundert Kühe einzutreiben. Doch noch bevor sie damit fertig sind, werden die Jungs mit einem Lkw abgeholt und aus dem Dorf nach Kaiserslautern gefahren. Die meisten Zufahrten nach Ensheim sind bereits vermint, schreibt Wilhelm. Mit der Bahn geht es weiter nach Eisenach und Ichtershausen in Thüringen, wo Wilhelm seine Lehrlingsstelle fortsetzen kann. Seine Aufgabe ist es, die rund 200 „Rückwanderer“ aus dem Saarland zu betreuen, die in Ichtershausen eine Zuflucht gefunden hatten.

Wilhelm im Jahr 1942 als „Verwaltungs-Obergefreiter“ bei der Marine. | © Foto: privat

Weil er keine Aussicht auf einen Platz an der Berufsschule hatte, meldete sich Wilhelm freiwillig zur Marine. Dort könne er die Verwaltungsausbildung weiter machen und müsse keinen Arbeitsdienst mehr leisten, rät ihm das Wehrbezirksamt. Der 17-Jährige geht nach Wilhelmshaven und absolviert die Ausbildung zum sogenannten „Verwaltungs-Gast“. Danach muss sich Wilhelm beim „Sonderkommando Bigler“ im französischen Boulogne melden. Dieses hätte nach einer gelungenen Invasion Englands mehrere „Küstenüberwachungsstellen“ einrichten sollen, schreibt Wilhelm. Doch dazu kommt es nicht.

Stattdessen wird Wilhelm Ende Mai 1941 auf eine Sperrbrecher-Flotille geschickt – vom Hafen Le Havre geht es nach Brest, als Ziel wird zunächst Holland genannt. „Keiner wagte sich, an einen Krieg mit Russland zu denken“, schreibt Wilhelm, dennoch mehren sich Meldungen von russischen Truppenbewegungen.
Im Juni 1941 kommt Wilhelm nach „Memel“, der heutigen Hafenstadt Klaipeda in Litauen. Von dort geht es weiter zur Hafenstadt Liepāja (Libau) in Lettland bis nach Riga, der lettischen Hauptstadt. Doch die Einrichtung einer Hafenüberwachungsstelle erlebt Wilhelm nicht mehr – als Teil des Verwaltungspersonals wird er nach Deutschland zurückbeordert.

Aus dem Zug gesprungen

Im Laufe des Krieges muss Wilhelm nach Italien. Die Erinnerung fällt ihm schwer, doch schließlich beginnt er zu erzählen, wie er damals, im Februar 1945, seine Beine verloren hat. Er wollte einer Wehrmachtshelferin helfen, ihre Koffer in den Zug zu tragen, erzählt er, als sich plötzlich der Zug in Bewegung setzte. „Ich wollte schnell aus dem Zug raus, egal wie. Wenn man sich als Soldat von der Truppe entfernt, bekommt man Probleme, dachte ich. Ich habe die Tür aufgemacht und bin hinausgesprungen. Da muss es meine Beine erwischt haben. Ich bin im Lazarett wieder aufgewacht, die Beine waren ab“, erinnert er sich.

Nach dem Krieg eröffnet Wilhelm bei sich zuhause ein Tabakgeschäft. Die französische Verwaltung kontrolliert damals die „Tabakregie“ und bestimmt, wer den Rohtabak aus Frankreich bekommt. „Im Dorf war er der Zigaretten-Hermann“, sagt Wilhelms Frau Maria, die ihren Mann als Verkäuferin in dem Laden kennenlernte und sich von seiner Behinderung nie abschrecken ließ. Bis Wilhelm seine Prothesen bekam, musste er sich auf Knien fortbewegen.

Wir haben viele schöne Zeiten gehabt, sind viel gereist“, sagt Maria. Das Paar hat drei Kinder, drei Enkel und einen Urenkel. Im VdK engagiert sich Wilhelm zunächst als Schriftführer, später wird er Vorsitzender des Ortsverbandes Ensheim. Bis 1997 ist er aktiv, mehr als 50 Jahre lang. Unzählige Menschen hat er in dieser Zeit beraten. „Durch mein Geschäft sind sie alle zu mir gekommen. Das hat sich schnell herumgesprochen“, erinnert er sich.

Auf Sport hat Wilhelm trotz seiner Behinderung nie verzichtet. Er engagiert sich im Behindertensport, vor allem im Sitzball, aber auch in der Leichtathletik. In einer Mappe hat er zahlreiche Urkunden gesammelt, darunter für die Deutsche Meisterschaft 1986 im Sitzball. Auch heute ist er noch aktiv – dank eines Treppenliftes kann er, trotz Rollstuhl, das Haus allein verlassen.

Maria Wimmer

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