1. Juni 2017
VdK-Zeitung

„Wie Sonne und Mond“

Maria Latz verlor ihren Mann im Krieg und brachte ihre beiden Töchter alleine durch. Die 105-Jährige aus Wadrill, die den VdK mitbegründet hat, hat zwei Weltkriege und viele Entbehrungen erlebt.

Maria Latz zeigt Aufnahmeschein, Ausweis und Mitgliedsbuch aus der Entstehungszeit des VdK Saarland. | © VdK/Wimmer


Für Maria Latz gab es in ihrem langen Leben viele erste Male. Beim ersten Flug zum Wallfahrtsort Fatima in Portugal ist sie 88 Jahre alt. Den ersten Fotoapparat kauft sie sich im Alter von 90 Jahren. Das erste Gerät im Haushalt – ein Backofen. Später kommen Waschmaschine und Fernseher hinzu. Ein eigenes Auto besitzt sie hingegen nie, weil sie keinen Führerschein gemacht hat. „Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich ihn auf jeden Fall machen“, sagt die 105-Jährige, die ihr ganzes Leben in Wadrill verbracht hat.

Ein Auto besaß die Familie Latz vor dem Krieg dennoch. Denn Marias Mann Peter hatte als „Koloniewarenhändler“ – er verkaufte Fette und Seifen – einen Firmenwagen. Doch nach dem Krieg wurde der Wagen von Verwandten „auseinandergeschraubt“ und die Teile verkauft, wie Gerhard Maus, einer von sechs Enkeln, bedauert, denn heute wäre der Wagen ein wertvoller Oldtimer.

Zehn Jahre waren Peter und Maria verheiratet. Ihr erstes Kind, ein Sohn, stirbt 1935 wenige Stunden nach der Geburt. Neun Jahre später ist Maria 34 Jahre alt, als die die Todesnachricht erhält: Peter Latz, gefallen am 23. August 1944 in Rumänien. Er hinterlässt zwei Töchter, damals sieben und viereinhalb Jahre alt. Maria muss die beiden Kinder alleine durchbringen. Sie arbeitet hart in der Landwirtschaft der Eltern, versorgt Kühe, Schweine und Hühner, hilft bei der Heuernte und dem Bestellen der Felder, auf denen Getreide, Kartoffeln und Rüben gepflanzt wurden. 1947 tritt sie in den VdK, damals noch VKS, ein und kämpft um Witwen- und Waisenrente für sich und ihre Töchter.

Ein anstrengendes Leben

Das war ein sehr anstrengendes Leben, nicht vergleichbar mit heute. Heute und früher, das ist wie Sonne und Mond. Wir hatten keine Maschinen, mussten alles mit der Hand machen. Es musste irgendwie gehen!“, erinnert sich Maria. Sie legt die meisten Strecken zu Fuß zurück, wenn es sein muss, bis nach Nunkirchen, das rund 14 Kilometer von Wadrill entfernt ist.

Tagsüber bringt sie die Töchter in einen Kindergarten, mittags kommen sie zum Essen nach Hause. Neben der Landwirtschaft kocht Maria und kümmert sich um den Haushalt. „Das Waschen der Wäsche dauerte einen ganzen Tag. Man kochte sie in einem Kessel mit Seife aus und wusch sie dann im Fluss“, sagt Maria. Mit der Seife muss sie sparsam umgehen, wie mit so vielem. Das Leben ist geprägt von Armut und Entbehrung, doch Maria hat Glück, dass sie in der Landwirtschaft tätig ist. „Wir hatten genug zu essen, weil wir viel gepflanzt hatten. Wer nichts hatte, konnte nicht viel machen“, sagt Maria Latz.

Nach dem Krieg mussten die Bauern einen festgesetzten Teil ihrer Erzeugnisse an die Verwaltung des Saargebietes abgeben. Die Wadriller hatten jedoch den Vorteil, dass sie die französischen Zöllner kannten, weil diese im Ort stationiert waren. „Viele Wadriller hatten Land auf beiden Seiten der Grenze und durften ohne Kontrolle über die Grenze“, sagt Bernhard Schmitt, Vorsitzender des Ortsverbandes Wadrill, der im Dezember 1939 geboren ist.

Über die Grenze nach Trier

Als Kind musste ich ein bis zwei Stunden beim Bäcker anstehen, um ein Brot zu bekommen“, erinnert sich der 77-Jährige. Auch die erste Begegnung mit einem schwarzen US-Soldaten ist ihm im Gedächtnis geblieben. „Als Kind habe ich nach dem Händeschütteln meine Hand betrachtet, um zu sehen, ob sie auch braun war“, sagt Schmitt und lacht. Die Soldaten brachten Süßigkeiten und Schokolade, die Schmitt vorher noch nie probiert hatte.

In der Zeit der französischen Besatzung (1945 bis 1959) fährt Maria Latz hin und wieder nach Trier, um Kleider, Stoffe oder Schuhe zu kaufen. Diese über die Grenze zu bringen, war nicht immer einfach. „Oft wurden Kleider übereinander angezogen. Manch einer schmuggelte sogar ganze Möbelstücke über die Grenze. Auch Medikamente wurden geschmuggelt, oft über einen Schmuggelpfad durch den Wald“, sagt Bernhard Schmitt.

Der jüngste Urenkel ist 17

Im Alter von 100 Jahren arbeitete Maria Latz noch im Garten. | © privat

1911 geboren, erlebt Maria Latz nicht nur zwei Weltkriege und die französische Besatzung des Saarlandes, sondern auch den Mauerfall, die Einführung des Euros und die Wirtschaftskrise. Doch am meisten trifft sie der Tod ihrer beiden Töchter, die 2013 und 2015 sterben – Maria ist damals bereits über 100 Jahre alt. „Das war hart für sie“, sagt ihr Enkel, der sich mit seiner Frau und seinem Sohn Sebastian – mit 17 Jahren der jüngste der 13 Urenkel – um seine Großmutter kümmert.

Die drei machen den Haushalt und kochen für Maria. „Ich höre und sehe nicht mehr gut und kann nicht mehr gut gehen“, sagt die 105-Jährige, die sich auf einen Stock stützt und eine Operation an den Augen hinter sich hat. Doch ihre Gäste will sie nicht warten lassen und holt ihnen flink ein paar Gläser aus dem Schrank.

Ob es der Glaube war oder die harte Arbeit an der frischen Luft, die sie so alt werden hat lassen, weiß Maria nicht. Im Alter von 100 Jahren hat sie noch im Garten gearbeitet. 19 Mal hat sie die französische Pilgerstätte Lourdes besucht und geht regelmäßig in die Kirche. „Jemand hat mich mal gefragt, ob ich irgendwelche Tabletten nehme, weil ich so alt geworden bin. Aber ich weiß es nicht. Es muss vom Schaffen kommen!

Maria Wimmer

Festschrift zum 70. Jubiläum des Sozialverbandes VdK Saarland

Die 40-seitige Festschrift gibt einen Überblick über Geschichte und Entwicklung des VdK Saarland und lässt mehrere Gründungs-mitglieder zu Wort kommen. Zum Download der Festschrift (3,26 MB, PDF-Datei).

Die Geschichte des VdK Saarland

Die Geschichte der Entstehung des VdK Saarland ist die Geschichte der Kriegsopfer im Saarland in der Zeit von 1945 bis 1959. Denn in dieser Zeit gründete sich die Selbsthilfeorganisation "Vereinigung der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen des Saarlandes" (VKS), aus der schließlich der VdK Saarland hervorging. Mehr Infos

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