Organspende

Organspende ist „ethische Pflicht“

“Tag der Organspende“ am 7. Juni: Spenderzahlen sinken weiter

Seit dem Organspende-Skandal 2012 hat sich der Abwärtstrend verstärkt: Die Zahl der Spender sinkt, auch in Rheinland-Pfalz. Politik, Ärztekammer, Krankenkassen und die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) versuchen gegenzusteuern – mit Reformen und Aufklärungskampagnen. Aber vielleicht hilft langfristig nur ein Systemwechsel.

Jugendliche strecken ihren Organspenderausweis in die Kamera.
Derzeit warten in Deutschland 10.778 Menschen auf Spenderorgane. | © Shootingankauf/Fotolia

“Viele Menschen werden sterben, wenn es immer weniger Spender gibt“, sagt Gisela Kapp-Steen traurig und atmet tief ein. Sie gehört zu den Todkranken, die überlebten – dank einer Lungentransplantation vor fast zehn Jahren. Ende 1999 bekam die damals 46-Jährige eine Lungenfibrose; bei dieser unheilbaren Krankheit erstarrt das Bindegewebe zwischen den Luftbläschen. Mit der Atmung ging es bergab, jede Treppenstufe war eine Herausforderung. Im Dezember 2003 kam Gisela Kapp-Steen auf die Warteliste für eine Spenderlunge. Monatelang bangte und wartete sie, fiel schließlich ins Koma. Einen Tag darauf fand sich ein Organ. Dann ging alles ganz schnell. „Ich bin dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen“, erinnert sich Kapp-Steen. So viel Glück wie sie hat nicht jeder.

Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten jährlich 12.000 Patienten in Deutschland auf eine Spende; nur etwa ein Drittel von ihnen erhält tatsächlich ein Organ. Gleichzeitig sinkt die Spendebereitschaft. Im ersten Quartal 2013 ging die Zahl um 18 Prozent zurück. Im gesamten Jahr 2012 waren die Spenden bereits um 12,8 Prozent eingebrochen, besonders ausgeprägt war der Rückgang in der zweiten Jahreshälfte. Die DSO geht davon aus, dass die Bevölkerung stark verunsichert ist. Eine Einschätzung, die auch Krankenkassen und Ärzte teilen.

Nach einer Studie der Barmer GEK konnten sich 2011 noch 66 Prozent der Befragten vorstellen, Organe zu spenden. 2013 waren es nur noch 52 Prozent. Sogar auf die Einstellung von Ärzten und Pflegepersonal hat der Spendenskandal negative Auswirkungen. Weniger als zwei Drittel würden sich im Notfall eine Transplantaion wünschen. Dies ergab eine Befragung der DSO in 50 bayerischen Kliniken. 90 Prozent der Befragten gaben außerdem zu, selbst nur unzureichend über das nötige Wissen in Bezug auf Organspenden zu verfügen.

Diese Entwicklung merken auch die Transplantationszentren. „Der Rückgang ist dramatisch“, bestätigt Professor Norbert W. Paul, Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Uni-Medizin Mainz. „Teilweise geben uns die Menschen ihre Organspende-Ausweise zurück. Wir sind zunehmend gezwungen, todkranken Patienten bereits vorgeschädigte Organe einzusetzen. Damit sinkt ihre Überlebenschance deutlich.“

Der Skandal und seine Ursachen

Verantwortlich für diesen starken Einbruch scheinen die Organspendeskandale der vergangenen Zeit zu sein. Anfang Januar 2013 hatte die Leipziger Uni-Klinik öffentlich gemacht, dass Krankenakten verändert wurden. Einige Ärzte sollen ihre Patienten fälschlicherweise als Dialysefälle geführt haben, damit sie auf der Warteliste für eine Spenderleber nach vorne rücken. Ähnliche Vorfälle gab es bereits im Juli 2012 auch in Göttingen, Regensburg und München. Wie kam es dazu? Die Ursachen sind vielfältig.

Obwohl Professor Paul die Manipulationen verurteilt, unterstellt er den Ärzten nicht ausschließlich unlautere Motive. „Jeder Arzt will seinem Patienten helfen. Und in manchen Fällen wäre es tatsächlich sinnvoller, bei der Organvergabe nicht so sehr nach Dringlichkeit sondern nach Erfolgsaussicht vorzugehen.“ Dieses Problem mit gefälschten Krankenakten umgehen zu wollen, sei aber natürlich „schlichtweg kriminell“.

Ein weiterer Grund für die Manipulationen ist vermutlich auch der Ehrgeiz, die Operationszahlen fürs eigene Transplantationszentrum zu steigern. Auch könnten wirtschaftliche Vorteile eine Rolle gespielt haben: Der beschuldigte Oberarzt in Göttingen bekam Bonuszahlungen, wenn er besonders viele Lebern transplantierte.

Außerdem bemängeln Kritiker, dass das deutsche Transplantationswesen an undurchsichtigen Strukturen und mangelnder Qualitätssicherung kranke. Besonders die DSO, die alle Schritte des Organspendeprozesses in Deutschland koordiniert, war bereits vor Jahren in die Schlagzeilen geraten – wegen angeblicher Verschwendungssucht, Fehlplanung und Vetternwirtschaft.

Zerstörtes Vertrauen wiederherstellen

Balkengrafik.
Entwicklung der Organspender pro Region. | © DSO

Die DSO zog daraus Konsequenzen und organisierte sich neu. Unter anderem öffnete sich die privatrechtliche Stiftung stärker dem öffentlich-rechtlichen Einfluss, in dem sie jeweils zwei stimmberechtigte Vertreter des Bundes und der Länder in den Stiftungsrat aufnahm. Machtkonzentration wie unter dem ehemaligen DSO-Chef Professor Günter Kirste dürfe es nicht mehr geben, betonten die neuen Vorstände Dr. Rainer Hess und Thomas Biet.

Ein weiterer Bestandteil der Neustrukturierung ist eine stärkere fachlich-medizinische Ausrichtung des Fachbeirats, dem nun auch Intensivmediziner und Transplantationsbeauftragte angehören. Sie sollen in den deutschlandweit sieben DSO-Regionen einheitliche medizinische Standards für die Organspende herstellen. Eine neu eingesetzte Prüfungskommission aus GKV-Spitzenverband, Deutscher Krankenhausgesellschaft und Bundesärztekammer übernimmt die Überwachung des gesamten Organspendeprozesses – von der Feststellung des Hirntods eines Spenders über die Vermittlung durch die DSO bis hin zur Implantation des Organs.

„Neben dieser lückenlosen Kontrolle ist es auch wichtig, wirtschaftliche Anreize auszumerzen“, ergänzt Nadine Jäger, zuständig für den Bereich „Gesundheitspolitik“ bei der Barmer GEK. „Bonuszahlungen an Ärzte darf es nicht mehr geben. Außerdem wäre es sinnvoll, die Zahl der Transplantationszentren zu verringern. Das würde den schädlichen Wettbewerb unterbinden.“

Diesen Ansatz verfolgt auch die DSO und fordert zusätzlich ein Transplantationsregister, das Operationsergebnisse und Nachbehandlungen aus allen deutschen Transplantationszentren erfasst.

Werben für mehr Organspenden

Einigen Kritikern gehen die Reformen nicht weit genug. Doch auch wenn zukünftige Manipulationen verhindert oder zumindest erschwert würden – an der grundsätzlichen Gleichgültigkeit, die in der Bevölkerung herrscht, werden sie vermutlich nichts ändern. Die Spenderzahlen waren schon vor den Skandalen schlecht.

„Niemand will sich mit dem eigenen Tod beschäftigen“, weiß Gisela Kapp-Steen aus eigener Erfahrung. „Das war in meinem Bekanntenkreis genauso. Aber als ich durch eine neue Lunge weiterleben durfte, haben sich fast alle Freunde einen Organspende-Ausweis besorgt.“ Sie glaubt, dass es eine „Ur-Scheu“ vor diesem Thema gibt. Wichtig sei, dagegen anzukämpfen und Organspende als einen „Akt der Nächstenliebe“ zu begreifen – so hat es einmal Kardinal Karl Lehmann in einem Aufruf 2009 bezeichnet.

Noch weiter geht Professor Paul und spricht sogar von einer „ethischen Pflicht“. Als Vorsitzender des „Qualitätszirkels Organspende“ an der Uni-Klinik Mainz und als Ethiker ist ihm klar: „Als Lebende haben wir einen Anspruch auf ein Spenderorgan, falls wir es brauchen. Im Umkehrschluss haben wir als Verstorbene die Pflicht, unsere Organe für einen hilfsbedürftigen Menschen zu spenden.“
Um diese Einstellung in den Köpfen zu verankern, setzt das deutsche Transplantationswesen auf Werbung, Aufklärung und Appelle. So organisiert die DSO zum „Tag der Organspende“ zahlreiche Veranstaltungen. Außerdem startete eine Kampagne für mehr Spendeorgane, durchgeführt von den Krankenkassen.

„Bei der Barmer haben wir in unserer Mitgliederzeitung breit über das Thema informiert und Spende-Ausweise beigelegt“, erzählt Nadine Jäger. „Und wer keine Zeitung bekommt, den haben wir direkt angeschrieben. Damit haben wir jeden unserer Versicherten gebeten, eine Entscheidung zu treffen: entweder für oder gegen die Organspende.“

Professor Paul bezweifelt, dass sich mit solchen Aktionen die Spenderzahlen deutlich steigern lassen. Mit Blick auf unsere europäischen Nachbarn plädiert er für einen Systemwechsel.

Zustimmungs- oder Widerspruchslösung

“In Deutschland gilt die sogenannte Zustimmungslösung“, erklärt Professor Paul. „Organe dürfen nur entnommen werden, wenn der Spender zu Lebzeiten zustimmt oder seine Angehörigen nach dessen Tod.“ Andere Länder hätten dagegen die sogenannte Widerspruchslösung. Dort gilt jeder als Spender, der zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Mit dieser Regelung hätten zum Beispiel Spanien oder Österreich sehr gute Erfahrungen gemacht.

„Die Widerspruchslösung ist ein starkes gesellschaftliches Signal: Sie gibt der Organspende den Charakter einer Bürgerpflicht, die man aber auch aus persönlichen Gründen ablehnen kann“, so Paul. „Genau wie die Zustimmungslösung gründet die Widerspruchslösung auf Freiwilligkeit. Aber es ist für viele Menschen eben moralisch ein Unterschied, ob sie bewusst ‚Ja‘ oder bewusst ‚Nein‘ sagen müssen.“
Politisch durchsetzbar ist die Widerspruchslösung in Deutschland indes kaum, befürchtet Paul. Denn für einen solchen Systemwechsel bräuchte man das Vertrauen der Bevölkerung – und das ist seit den vergangenen Skandalen nachhaltig gestört.

Michael Finkenzeller

Schlagworte Organspende | Organspendeskandal | Organspendeausweis

Deutsche Stiftung für Organtransplantation

Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) ist die bundesweite Koordinierungsstelle für Organspende. Sie hat gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ein Info-Telefon mit der Rufnummer 0800/9040400 eingerichtet, das montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr erreichbar ist.

Unter der E-Mail-Adresse infotelefon@dso.de können Organspendeausweise auch schriftlich bestellt werden. Auf der Internetseite www.fuers-leben.de finden Interessierte emotionale und authentische Geschichten von Organempfängern, Angehörigen und Wartelistenpatienten.

Balkengrafik: Übersicht potenzieller Organspender.
Übersicht potenzieller Organspender. | © DSO

Die Internetseite www.organspende-info.de gibt einen umfassenden Überblick über das Thema Organspende. Dort besteht auch die Möglichkeit, Schulungs- und Informationsmaterial kostenlos herunterzuladen. Außerdem listet die Seite viele Links und Adressen von Selbsthilfegruppen und Transplantationszentren auf. Die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (LZG) macht sich mit vielen Aktionen und Veranstaltungen für das Thema Organspende stark. Unter www.initiative-organspende-rlp.de finden Interessierte viele Infos, Termine und Angebote.

Themenbild: Landkarte von Rheinland-Pfalz mit allen Kreisgeschäftsstellen und Rechtsschutzstellen des Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz eingezeichnet
© VdK

Die Geschäftstellen der Kreisverbände finden Sie in ganz Rheinland-Pfalz. Hier finden Sie unsere
Kreisverbände

Symbolfoto: Eine Frau im Rollstuhl an ihrem Schreibtisch im Büro
© imago/blickwinkel

Schulungen 2021 für Schwerbehindertenvertreter geben wir zu gegebener Zeit an dieser Stelle bekannt.

Foto: Teilnehmer der Sozialrichtertagung, vorne rechts Jürgen Abt, Leiter der Rechtsschutzabteilung
© Michael Finkenzeller

Der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz schult ehrenamtliche Richter. Mehr Infos

Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
© S. Hofschläger/pixelio.de

Wir möchten Sie sozialpolitisch auf dem Laufenden halten. Abonnieren Sie unseren VdK-Newsletter.

Symbolfoto: Zwei junge Frauen bei der Beratungsstelle einer Krankenkasse.
© AOK-Mediendienst

Der Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz bietet für seine Mitglieder Beratung in allen Angelegenheiten des Sozialrechts.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.