Flüchtlinge

„Kein Mensch flieht freiwillig“

Jeden Tag kommen zwischen 30 bis 35 neue Asylbewerber in Rheinland-Pfalz an. Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und einer aussichtslosen Zukunft in ihrer Heimat fliehen mussten. Wie leben die Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz? Und wer hilft ihnen, sich im deutschen Alltag zurecht zu finden? Die VdK-Zeitung hat ein Flüchtlingsheim in Mainz besucht.

Es riecht nach einer Mischung aus fremdländischen Gewürzen und feuchten Turnschuhen, wenn man den Flur des Flüchtlingsheims in Mainz betritt. Aus einem der Zimmer ist leise arabische Musik zu hören. Rund 80 Flüchtlinge und Asylsuchende aus Syrien, dem Irak und afrikanischen Ländern teilen sich zurzeit die jugendherbergsähnliche Unterkunft im Mainzer Stadtteil Bretzenheim. Betreut werden sie von Diplom-Sozialpädagoge Behrouz Asadi und seinem Team, die als soziale Betreuer für die Malteser arbeiten. Der 58-jährige Deutsch-Exiliraner musste selbst aus seiner Heimat fliehen und kam 1976 als Student nach Mainz.

„Kein Mensch ist freiwillig auf der Flucht“, sagt Asadi. „Deshalb frage ich nie: Warum bist du geflohen? Sondern: Wie kann ich helfen?“ Diese Frage wurde auch dem 17-jährigen Hamid Afshar und seiner Familie gestellt als sie vor dreieinhalb Jahren nach einer längeren Flucht aus Afghanistan in Mainz „strandeten“. „In Afghanistan konnten meine Schwester und ich nicht zur Schule gehen. Wir hatten keine Zukunft und sind in den Iran geflohen. Aber auch dort waren wir nicht sicher“, erinnert sich Hamid in fast fehlerfreiem Deutsch an die Odyssee seiner Flucht.

Ohne Bleiberecht keine Ausbildung

Mit 13 Jahren bestieg er in der Türkei ein Schiff und reiste mit seiner Familie illegal nach Griechenland weiter. Deutschland ist nun die Endstation seiner Flucht und gleichzeitig seine Zukunft. Denn Hamid hat fleißig Deutsch gelernt und 2013 den Hauptschulabschluss geschafft. „Ich möchte Karosseriebauer werden und habe ein Praktikum in einer VW-Werkstatt in Mainz gemacht. Mein Chef war so zufrieden, dass er mir einen Ausbildungsplatz angeboten hat“, erzählt Hamid sichtlich stolz, doch dann schlägt er sofort wieder die Augen nieder und fügt frustriert hinzu. „Ich durfte die Ausbildung aber nicht anfangen.“ Hamid ist nämlich bisher in Deutschland nur geduldet. Erst wenn er ein Bleiberecht hat, darf er eine Ausbildung beginnen. So sieht es die deutsche Bürokratie vor.

„Ich bin optimistisch, dass es bei Hamid klappt“, macht Asadi dem jungen Mann Mut. „Denn Deutschland ist aufgrund seiner demografischen Entwicklung auf junge, engagierte und lernwillige Menschen wie Hamid angewiesen.“

Als Betreuer kümmern sich Asadi und sein Team um die Tagesstruktur der Flüchtlinge und Asylsuchenden. Besonders viel Wert legt das Betreuerteam auf Bildung. Deshalb wird für alle Deutschunterricht und Nachhilfe angeboten. Das Arbeitsfeld der Betreuer ist vielfältig, oftmals aber auch kompliziert. Denn natürlich gibt es auch immer mal wieder Spannungen, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen auf engem Raum in einer Gemeinschaftsunterkunft zusammen leben. Dann schlichtet Asadi, denn der soziale Frieden, Versöhnung und der ständige Dialog sind die drei wichtigsten Säulen in der Arbeit des Diplom-Sozialpädagogen.

„Ich trenne nicht zwischen Haupt- und Ehrenamt, wenn ich für die Malteser arbeite. Ich bin 24 Stunden für die Flüchtlinge erreichbar“, sagt Asadi. Und wie zum Beweis klingeln in seinem Büro Handy und Festnetztelefon gleichzeitig. Er entscheidet sich fürs Festnetz, und während des Gesprächs blitzen seine freundlichen Augen. Ihn hat ein Grundschullehrer angerufen, der mit seinen Schülern für die Flüchtlingskinder gebastelt hat und die Geschenke nun gerne übergeben möchte.

Ängste und Vorurteile abbauen

Im Betreuungsbüro stehen auch alte Röhrenfernseher und auf einem Tisch liegen Kinderbücher wie „Hanni und Nanni“, die Mainzer für die Flüchtlinge gespendet haben. „Die Flüchtlinge werden fast ausnahmslos freundlich von der Bevölkerung aufgenommen“, freut Asadi sich über die Hilfsbereitschaft und Anteilnahme der Menschen. Allerdings hatte es in Mainz-Bretzenheim im vergangenen Jahr auch eine Unterschriftenaktion gegen die Eröffnung eines weiteren Flüchtlingsheims gegeben. „Es ist wichtig, dass die Bürger mitgenommen werden, wenn ein neues Flüchtlingsheim geplant wird. Das heißt auch, dass die Ängste der Anwohner ernst genommen werden müssen. Nur so kann Toleranz und Verständnis für Flüchtlinge entstehen“, nimmt Asadi die Politiker in die Pflicht.

Nach 25 Jahren Flüchtlingsarbeit kennt er die Probleme und Vorurteile, aber sein Optimismus ist ungebrochen. „Das Ziel ist, den Menschen eine Perspektive in Deutschland zu geben, damit sie ein Teil der Gesellschaft werden können“, sagt Asadi. „Denn durch die Flucht aus ihrer Heimat haben sie ihre Wurzeln verloren.“

Katie Scholl

Schlagworte Flüchtlinge | Asyl | Ausländer | Malteser

Zahlen und Fakten

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Das Grundgesetz gewährt unter bestimmten Voraussetzungen jedem politisch Verfolgten einen gerichtlich durchsetzbaren Anspruch auf Asyl (Art. 16 a GG). Als politisch Verfolgter gilt jeder, der wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung verfolgt wird und dem sein Heimatstaat keinen Schutz seines Lebens garantieren kann. 2013 wurden 758 Menschen in Deutschland als asylberechtigt anerkannt, demgegenüber wurden 18.651 Asylanträge abgelehnt.
Nach Rheinland-Pfalz kamen im vergangenen Jahr 5600 Asylbewerber. Das Land ist nach dem „Königsteiner Schlüssel“ verpflichtet, 4,8 Prozent der in Deutschland Asyl beantragenden Menschen aufzunehmen. Die meisten stammen aus Ländern des Westbalkans, Syrien und Russland. Die erste Station aller Flüchtlinge ist die „Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende“ (Afa) mit neuer Außenstelle in Trier sowie einer 2013 errichteten Außenstelle in Ingelheim. Spätestens nach drei Monaten – wegen des derzeit großen Andrangs meist sogar nach fünf Wochen – werden die Asylbewerber auf Kommunen in Rheinland-Pfalz verteilt.

Spenden sind willkommen

Viele Flüchtlinge konnten bei ihrer Flucht nur das Nötigste mitnehmen. Daher sind Spenden aus der Bevölkerung immer willkommen. Nach Angaben von Behrouz Asadi können die Bewohner im Mainzer Flüchtlingsheim derzeit Fahrräder, Kinder-Buggys sowie Hygieneartikel gut gebraucht. Kontakt: Behrouz Asadi, Malteser-Werke, Tel. 0171/2279232.

Weitere Informationen

Mehr Informationen zum Asylrecht gibt es auf der Internetseite des "Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge": http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylrecht/asylrecht-node.html

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