24. Juni 2014
Diabetes

Ein Riecher für Gefahr

Diabetes-Hunde erschnüffeln Über- und Unterzuckerung

Der Hund, dein Freund und Helfer – das gilt besonders für Assistenzhunde. Eine neue Art dieser vierbeinigen Begleiter sind Diabetesspürhunde; sie alarmieren bei gefährlicher Über- oder Unterzuckerung. Doch Fachleute und Krankenkassen warnen, sich ausschließlich auf die Tiere zu verlassen.

Eine brauner Hund mit einem Mädchen.
Bei der Ausbildung: Karina mit ihrer Hündin Baya. | © Michael Finkenzeller

“Baya, poke!“, befiehlt Karina. Die Elfjährige trägt einen gelben Aufkleber an der Brust, den Baya, ihre Hündin, auf Befehl berühren soll. „Poke“, das englische Wort für „stupsen“, ist das Signal. Baya kommt, drückt ihre braune Schnauze gegen den Aufkleber, es klickt, und dann gibt’s zur Belohnung ein Leckerli. „Bravo“, lobt Karina.

Das Klickertraining gehört zu Bayas Ausbildung als Diabetesspürhund. Später soll sie gefährliche Unterzuckerungen erschnüffeln und ihr Frauchen warnen. Karina leidet an Diabetes Typ-1, ihr Körper zerstört die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse: eine Autoimmunerkrankung, die tödlich enden kann.

Vor vier Jahren merkten Karinas Eltern, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt: Heißhungrig vertilgte sie Berge von Lebensmitteln, dazu kam unstillbarer Durst. Ihr Körper verlangte immer mehr, doch je ungehemmter die damals Neunjährige aß und trank, desto schwächer wurde sie, verlor sogar Gewicht. Die Diagnose: Diabetes Typ-1, Karina muss Insulin spritzen. Trotzdem gerät sie zwei Jahre später unbemerkt in eine starke Unterzuckerung. Das Mädchen kippt um, krampft, der Notarzt kommt. „Das war für die ganze Familie ein traumatisches Erlebnis“, sagt ihre Mutter.

Man kann einem Hund fast alles beigringen

Ein Mann zeigt auf einen Deutschlandkarte, die an der Wand hängt.
Deutschlandweit aktiv: Trainer Michael Plotzki. | © Michael Finkenzeller

Mittlerweile hat Karina ihre Krankheit im Griff: „Ich muss alle zwei Stunden meinen Blutzuckerspiegel messen und die Mahlzeiten punktgenau abstimmen“, erklärt die Elfjährige. Diese ständigen Unterbrechungen seien nervig, vor allem wenn sie gerade spiele. Außerdem muss man sehr aufmerksam seinen Körper beobachten, darf sich nicht zu sehr ablenken lassen. Falls Karina doch überraschend in eine Unterzuckerung rutscht, ist Baya zur Stelle – sobald ihre Ausbildung fertig ist.

„Zuerst lernt Baya das Anstupsen auf Befehl, dann Unterzuckerungen zu erschnüffeln; im dritten Schritt werden beide Fähigkeiten zusammengeführt“, erklärt Michael Plotzki, Inhaber der Assistenzhundeschule „VistaDogs“ in Gernsheim am Rhein. Der große, schlaksige 49-Jährige ist bekannt in der Szene: Stern-TV hat groß über ihn berichtet, regelmäßig klopfen Journalisten an.
Plotzki ist überzeugt, dass Diabeteswarnhunde die idealen Begleiter sind: „Sie können einem Hund fast alles beibringen: Sogar im Schlaf die Unterzuckerung erschnüffeln, das Blutzuckermessgerät holen oder einem Rettungssanitäter die Tür öffnen.“
Diese Leistung hat allerdings auch ihren Preis: Karinas Familie muss 8.000 bis 12.000 Euro für Bayas Ausbildung berappen. Unterstützt wird sie dabei vom gemeinnützigen Verein „VistaDogs – Assistenzhunde e.V.“, den Michael Plotzki begleitend zu seiner Hundeschule gegründet hat. Die Krankenkasse springt nicht ein, weil sie den Diabeteswarnhund im Gegensatz zum Blindenführhund nicht als „Hilfsmittel“ anerkennt.

Krankenkassen bezweifeln Wirksamkeit

Auf Anfrage teilt der GKV-Spitzenverband, die Interessenvertretung der gesetzlichen Krankenkassen, schriftlich mit: „Das Sozialgesetz fordert eine ausreichende, notwendige und wirtschaftliche Versorgung.“ Außerdem sei nicht klar, wie sicher die Hunde reagieren. Im Klartext: Diabeteswarnhunde sind teuer und unsicher.

Ähnlich argumentiert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG): Sie warnt vor „falschen Vorstellungen darüber, was Diabetesspürhunde leisten können.“ Laut einer Studie konnten die Hunde nur jede zweite Unterzuckerung am Geruch erkennen.

Dem widerspricht Hundetrainer Michael Plotzki entschieden: „Unsere Erfolgsquote liegt bei 100 Prozent! Aber wir wählen die geeigneten Hunde bereits als Welpen aus und trainieren sie in der Familie, mit ihren Bezugspersonen. Das machen die wenigsten Hundeschulen, aber darauf kommt es an.“ Er vermutet, dass die Krankenkassen kein Interesse an einer umfassenden Wirksamkeitsstudie haben – schließlich kosten die Tiere doppelt so viel wie ein Messgerät.

„Auch wenn das Thema mit starken Gefühlen verbunden ist, gerade wenn es um Kinder und Hunde geht – für eine Kostenübernahme braucht die Krankenkasse stichfeste Beweise“, so Professor Dr. Matthias Weber von der Uni-Klinik Mainz und Spezialist für Stoffwechselerkrankungen. „Denn das Gesundheitssystem arbeitet mit festen Budgets: Wenn Diabetesspürhunde übernommen werden, fehlen die Mittel an anderer Stelle.“ Er empfiehlt Betroffenen, lieber auf die „kontinuierliche subkutane Glukosemessung“ zu setzen: CGM-Geräte messen die Glukose fortdauernd und schlagen Alarm, wenn eine Über- oder Unterzuckerung droht.

Auch Karina möchte nicht auf klassische Schulmedizin verzichten, um ihre Krankheit im Zaum zu halten. Doch für sie und ihre Familie ist Baya kein Technikersatz, sondern eine Art „Zusatzabsicherung“. Und wer Karina beim Klickertraining mit Baya beobachtet, auf dem Wohnzimmerteppich, konzentriert, glücklich und in den Moment versunken, der weiß, was ihre Mutter meint, wenn sie sagt:„Baya tut Karina einfach gut.“

Michael Finkenzeller

Schlagworte Diabetes | Diabeteswarnhund | Krankenkassen | Hilfsmittel

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