17. Mai 2021

„Wir Pflegekräfte leiden leise“

VdK-Mitglied Elisabeth Benner spricht über Krankenhausalltag

Die dritte Welle in der Corona-Pandemie schwächt ab. Doch Covid-19 hat viele Pflegekräfte an ihr Limit gebracht. VdK-Mitglied Elisabeth Benner (56) ist seit 1986 Krankenschwester und arbeitet heute als Belegungsmanagerin in einem kleinen Krankenhaus im Westerwald. Im VdK-Interview erzählt sie, wie die Corona-Pandemie ihren Berufsalltag verändert hat.

Den Job an den Nagel hängen? Immer mehr Pflegekräfte sind nach der dritten Welle in der Corona-Pandemie am Ende ihrer Kräfte. | © Unsplash

Frau Benner, wie oft wollten Sie seit Beginn der Corona-Pandemie schon Ihren Job hinschmeißen?
Häufig. Am Anfang haben ich und meine Kolleginnen und Kollegen die Situation noch als Herausforderung gesehen. Wir dachten, wenn es rum ist, gehen wir alle gestärkt aus der Situation raus. Doch das Gefühlt verliert sich langsam. Wer schon vor der Corona-Pandemie an einen Jobwechsel gedacht hat, der flieht jetzt.

Wie haben sich die Arbeitsbedingungen verändert?
Die Stimmung ist nicht mehr so freundlich und herzlich. Viele sind resigniert. Wenn wir früher jemanden nach einer Hüft-OP, oder sonstigen Erkrankung, entlassen haben, konnten wir oft sehen, dass es ihm deutlich bessergeht. Diese Erfolge fehlen uns mit Covid-19-Patienten. Da kommen junge Menschen zu Fuß ins Krankenhaus, und wenige Stunden später müssen sie beatmet werden. Die meisten erholen sich davon sehr langsam oder gar nicht, und das ist für die Pflegekräfte, die um jedes Leben kämpfen, eine riesige emotionale Belastung. Außerdem wird die Kommunikation immer aggressiver, Patienten und auch Angehörige drohen schnell mit einem Anwalt oder der Presse.

Was sind ihre größten Sorgen und Ängste?
Wissen Sie, trotz Schutzmaßnahmen gab es im März 2021 einen schweren Covid-19-Ausbruch in unserem Krankenhaus. Bis heute haben sich 49 meiner Kolleginnen und Kollegen mit Covid-19 infiziert. Einige hatten schwere Verläufe, vermutlich auch weil ihr Körper schon vor der Infektion geschwächt war, vor allem durch die tägliche Arbeitsbelastung. Viele haben Angst, dass sie sich davon nie wieder richtig erholen. Dazu kommen finanzielle Sorgen.

Pflegekräfte sollten doch eine Corona-Prämie erhalten…
Letztes Jahr haben wir nichts bekommen, weil wir zu wenige Corona-Patienten in unserem kleinen Krankenhaus hatten. Dabei hatten wir vom ersten Tag an das volle Risiko und mussten alle Schutzmaßnahmen treffen. Wir haben erst für dieses Jahr vom Bund die Zusage erhalten und werden auch vom Arbeitgeber eine Prämie von 600 Euro bekommen.

Aber es bleibt ja auch die grundsätzliche Angst: Kann unser kleines Krankenhaus mit 170 Betten diese Krise überstehen? Es gab nur bis Ende September Ausgleichzahlungen vom Bund. Doch nach dem Ausbruch bleiben viele Betten leer, die zusätzliche Arbeit und die zusätzlichen Kosten bleiben. Wir müssen weiterhin jeden neuen Patienten bis zum negativen PCR-Test alleine legen. Gleichzeitig fehlt es an Personal, nicht erst seit der Corona-Pandemie.

Sie sind auch Betriebsrätin. Wie kann mehr Personal für Pflegeberufe gewonnen werden?
Wir brauchen Pflegekräfte ohne Ende. Da reicht es nicht, vom Balkon aus zu klatschen oder Kräfte aus dem Ausland anzuwerben. Es muss mehr für die getan werden, die bereits in der Pflege arbeiten. Das geht nur, wenn sich die Arbeitsbedingungen ändern und wenn man etwas am Grundgehalt tut. In meinem ganzen Berufsleben kann ich mich nur an zwei Pflegende erinnern, die bis zum Erreichen des Rentenalters gearbeitet haben, alle anderen sind in der Regel aus gesundheitlichen Gründen früher ausgeschieden. Wir bezahlen mit Lebensqualität im Alter und mit Lebensalter.

Die Politik muss auch über ein Herabsetzen des Rentenalters für unsere Berufsgruppe, eine Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit sowie flexiblere Arbeitszeiten nachdenken. Man muss den Leuten etwas bieten, damit sie einen Pflegeberuf ergreifen.

Warum ist das Ihrer Meinung nach nicht schon längst geschehen? Die Probleme in der Pflege sind alle nicht neu.
Dadurch, dass viele Krankenhäuser privatisiert wurden, hat die Politik ihren Einfluss verloren. Krankenhäuser sind zu Wirtschaftsbetrieben geworden. Das geht auf Kosten der Mitarbeiter.

Können Sie sich heute noch erinnern, warum Sie vor rund 25 Jahren Krankenschwester werden wollten?
Das weiß ich noch ganz genau. Ich wusste das bereits mit acht Jahren. Damals ist mein Bruder von einem Auto überfahren worden. Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt, wie in diesem Moment. Da war mir klar, ich möchte Kranken und Verletzten helfen können und auch lernen, mit trauernden Menschen umzugehen.

Ihr Beruf ist also auch ihre Berufung?
Man MUSS dazu berufen sein! Oder wenigstens den Kontakt mit Menschen mögen. Ich bin immer in der Pflege aufgegangen. Es ist die Freude, Menschen zu helfen. Wir Pflegekräfte haben das Helfersyndrom und leiden leise.

Das Interview führte Katie Scholl-Göttlinger.

Schlagworte COVID-19 | Pflegenotstand | Krankenschwester | Elisabeth Benner | SopoA

Zur Person

© Privat

Elisabeth Benner („Elli“) ist seit 1986 examinierte Krankenschwester. Die 56-Jährige lebt mit ihrem Mann in Streithausen bei Hachenburg. Vor zwei Jahren musste sie nach einer Trümmerfraktur am rechten Handgelenk ihre Pflegetätigkeit gegen einen Bürojob tauschen; seitdem arbeitet sie als Belegungsmanagerin. Als Betriebsrätin in einem kleinen Krankenhaus im Westerwald ist sie auch Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Kolleginnen und Kollegen. Sie ist außerdem Mitglied im Sozialpolitischen Ausschuss des Sozialverbands VdK Rheinland-Pfalz.

Ein Holzsarg mit vielen Blumen bedeckt.
Die Corona-Pandemie verändert nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben. Wer an Corona erkrankt, wird isoliert – und stirbt im Extremfall einsam und würdelos. So schildert Andrea L. den Tod ihrer 87-jährigen Mutter Helga Zimmermann.

Er ist jung, Arzt in einer Klinik, begeisterter Sportler. In seiner Freizeit macht VdK-Mitglied Peter Keller Trekkingtouren im Himalaja. Doch dann infiziert er sich im Dienst mit Covid-19. Seitdem fühlt er sich krank, kann nicht mehr als Arzt arbeiten. Ein kurzer Spaziergang fühlt sich an wie eine Bergbesteigung. 

Eine Person hält ein trauriges Smiley auf einem Blatt Papier vors Gesicht
Die Corona-Pandemie führt bei vielen Menschen zu vermehrtem Stress bis hin zu starken psychischen Belastungen. Inzwischen stellen auch die VdK Sozialrechtsexpertinnen und -experten in ihrer täglichen Beratungsarbeit fest, dass insbesondere Berufsgruppen wie Erzieher oder Pflegekräfte am Ende ihrer Kräfte sind. Woran das liegt und was man konkret tun kann, erläutert die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, Sabine Maur.

Themenbild: Landkarte von Rheinland-Pfalz mit allen Kreisgeschäftsstellen und Rechtsschutzstellen des Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz eingezeichnet
© VdK

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© Unsplash

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© AOK-Mediendienst

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