20. April 2021

„Das ist so entwürdigend“

Pandemie verändert Sterben - Tochter von VdK-Mitglied berichtet

Die Corona-Pandemie verändert nicht nur das Leben, sondern auch das Sterben. Wer an Corona erkrankt, wird isoliert – und stirbt im Extremfall einsam und würdelos. So schildert Andrea L. den Tod ihrer 87-jährigen Mutter Helga Zimmermann. 

Ein Holzsarg mit vielen Blumen bedeckt.
Andrea L.: „Ich habe den gesamten Sarg mit Blumen bedeckt, damit sie wenigstens so ein Kleid hat.“  | © Privat

„Meine Mutter war eine gesellige Frau. Sie war trotz des Alters und all ihrer Beschwerden geistig wach und rege und hatte von Verwandten wie Bekannten Geburtstage und wichtige Ereignisse im Kopf“, beschreibt Andrea L. ihre Mutter, die Kriegerwitwe und VdK-Mitglied war. Wann sie ihre Mutter das letzte Mal in den Arm genommen hat, weiß sie noch genau. „Das war an Weihnachten. Alle Familienmitglieder hatten sich testen lassen, bevor wir sie zu uns nach Haus geholt haben, um gemeinsam zu feiern.“

Helga Zimmermann lebte alleine rund 80 Kilometer von ihrer Tochter entfernt. Sie wurde von einer Sozialstation zu Hause unterstützt und besuchte eine Tagespflegeeinrichtung. „Aufgrund ihrer Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht war uns klar, dass sie zur Risikogruppe gehörte und eine Covid-19-Infektion für sie tödlich sein könnte.“

Corona im Krankenhaus

„Und dann passiert es.“ Andrea L. beginnt zu weinen. Ihre Mutter steckt sich mit Corona an – nicht bei einem Familientreffen, nicht beim Arztbesuch, sondern während eines Krankenhausaufenthaltes in Kirchen. Bis heute versucht die Tochter herauszufinden, wie sich die Mutter dort infizieren konnte und was sie während ihrer letzten Tage vor dem Tod durchmachen musste.

„Meine Mutter wurde wegen Herzschwäche und Beklemmung eingeliefert. Dass es wenige Tage später zu einem Corona-Ausbruch unter dem Klinikpersonal kam, darüber wurden wir Angehörigen nicht informiert.“ Bis heute hadert die Tochter mit der Informationspolitik der Klinik. 

Der Kontakt mit der Mutter gestaltete sich schwierig. Helga Zimmerman war wegen eines Gehirntumors mit 58 Jahren fast blind und konnte deshalb nicht alleine den Telefonhörer abnehmen; das Krankenhauspersonal musste helfen. Am 17. Februar war dann der Corona-Test positiv. „Das war für uns Angehörigen eine Katastrophe. Wir hatten immer so aufgepasst. Mein Mann und ich im Homeoffice, meine Tochter machte ihr digitales Uni-Projekt zu Hause am PC und traf sich nie mit Freunden. Und dann infiziert sich meine Mutter ausgerechnet im Krankenhaus!“

„Dann war da nichts mehr“

An Covid-19 erkrankt, kommt Helga Zimmermann auf die Isolierstation. Von dort telefoniert sie mit ihrer Tochter. „Dieser trockene Husten…! Das Gefühl, dass der Mutter die Luft wegbleibt“, erinnert sich Andrea L.  Beim letzten langen Telefonat wurde die Attacke noch schlimmer: „Der Hörer fällt runter, und dann war da nichts mehr.“ Noch wusste sie nicht, dass es das letzte intensive Telefonat mit ihrer Mutter gewesen sein sollte. Einen Tag später verschlechtert sich ihr Zustand und sie wird auf die Intensivstation verlegt.

Andrea L. ringt mit sich, ob sie ihre Mutter trotz der Covid-19-Infektion besuchen soll. Doch einer der Ärzte rät ihr, lieber nicht in die Klinik zu kommen. Zu hoch sei das Risiko, dass sie sich selbst mit der Corona Mutante B 1.17 infizieren und zu Hause ihren asthmakranken Ehemann anstecken könnte. Am nächsten Tag wird ihr von einem anderen Arzt angeboten, sich von der Mutter zu verabschieden, die nun bereits in einem Koma liegt.  Andrea L.  ist verzweifelt. Schließlich entscheidet sie sich, am Abend des 22. Februar ihre Mutter am nächsten Tag zu besuchen. Doch wenige Stunden später erhält sie einen Anruf aus der Klinik: Ihre Mutter ist am späten Abend verstorben.

„Wenn der VdK-Artikel nur einen Menschen dazu bringt, sich so zu verhalten, dass er eine Weiterverbreitung des Virus verhindert, dann hätte der Tod meiner Mutter einen Sinn!“ (Andrea L.)

Andrea L. hadert bis heute damit, dass sie so lange abgewogen hat, ob sie ihre Mutter besuchen soll. „Meine Mutter ist nicht nur einsam gestorben, sondern sie wurde nach ihrem Tod, mit dem was sie dann trug – also vermutlich einem OP-Hemd –  in einen Leichensack gepackt. Wegen des Infektionsrisikos! Das ist so entwürdigend!  Ausgerechnet meine Mutter, die bis zuletzt versuchte, sich adrett zu kleiden.  Das quält einen und man darf nicht darüber nachdenken.“ Ihre Stimme bricht, während sie erzählt. „Ich habe den gesamten Sarg mit Blumen bedeckt, damit sie wenigstens so ein Kleid hat.“ 

Katie Scholl-Göttlinger

Schlagworte Corona | Trauer | Tod

10 Ideen für Trauernde

1) Ziehen Sie sich nicht ganz zurück. Ihr Umfeld kann Sie im Moment nicht besuchen. Aber Sie können Beileidsbekundungen, Anteilnahme und Unterstützung über Telefonanrufe, E-Mails, SMS-Nachrichten oder andere Kanäle erhalten. Nehmen Sie auch diese Formen als aufrichtige Anteilnahme entgegen.
Falls Sie wenig von den anderen Menschen hören, werden Sie ruhig von sich aus tätig. Denn es kann sein, dass sich auch die Anderen erst an die neuen Einschränkungen gewöhnen müssen. Bitten Sie ruhig um ein Gespräch von 10 bis 15 Minuten. Versuchen Sie diese Zeit einzuhalten. So haben weder Sie noch Ihre Angehörigen und Freunde das Gefühl, dass sie überfordert werden. Wenn das Gespräch dann doch länger andauert, so ist das auch in Ordnung. Trauen Sie sich auch ruhig am Ende des Gesprächs nachzufragen, ob Sie sich morgen/übermorgen wieder bei der Person melden können.

2) Verluste sind schmerzhaft. Drücken Sie Ihre Trauer so aus wie es sich für Sie richtig anfühlt! Es gibt keinen „falschen“ Weg zu trauern.
Wenn Ihnen nach Weinen zumute ist, dann weinen Sie. Wenn Sie Ihre Gedanken aufschreiben möchten, machen Sie das. Richtig ist, was Ihnen guttut. Aber Vorsicht: Rauchen und das Trinken von Alkohol hilft nur beschränkt und greift das Immunsystem eher an als dass es ihren Körper stärkt. Lieber nicht!

3) Bleiben Sie weiter in Kontakt zu Ihrer Familie und Ihren Freunden. Insbesondere zu denjenigen, die Ihnen guttun. Wenn es passt, vereinbaren Sie feste Zeiten für ein Gespräch, dann können Sie sich gegenseitig mit dem Anrufen abwechseln oder überraschen sie einander.

4) Rufen Sie mindestens einmal am Tag eine vertraute Person an, insbesondere wenn sie allein daheim sind.

5) Nutzen Sie die sozialen Medien wie beispielsweise WhatsApp, Signal. Ein regelmäßiger Austausch über diese Kanäle hilft dabei, sich nicht abgeschnitten zu fühlen. Vergessen Sie nicht, es gibt noch andere Menschen, die auch einen Verlust erlitten haben und trauern. Vielleicht finden Sie einander und können sich austauschen.

6) Achten Sie darauf regelmäßig zu essen und ausreichend zu trinken. Das ist wichtig für Ihren Körper, die Verlustverarbeitung ist ein anstrengender Prozess.

7) Routinen helfen dabei, Ihrem Alltag eine Struktur geben. Halten Sie deshalb z.B. regelmäßige Zeiten für Aufstehen, zu Bett gehen und die Mahlzeiten aufrecht. Gehen Sie, soweit Sie können, regelmäßig an die frische Luft und bewegen Sie sich. Vielleicht bietet ja auch Ihr Fitnessstudio online Kurse an. Machen Sie auch zuhause mit.
Vor allem die Nächte könnten jetzt schwer sein. Um dem nächtlichen Grübeln und Wachliegen entgegenzuwirken, machen Sie sich doch einen Plan, was Sie in der Nacht tun können, wenn es Ihnen nicht gelingt, (wieder) einzuschlafen. Überlegen Sie sich, ob Fernsehschauen, ein Buch lesen, Musik hören hilfreich für Sie ist. Vielleicht geht es Familienangehörigen oder Freunde sogar ähnlich, vielleicht ist es möglich, auch mitten in der Nacht mit jemanden zu telefonieren. Wenn Sie große Sorgen haben, ist vielleicht auch der Anruf bei der Telefonseelsorge eine Idee.

Mögliche Rufnummern:

  • 0800 1110111 – evangelische Telefonseelsorge
  • 0800 1110222 – katholische Telefonseelsorge
  • 116123 Rufnummer für telefonische Betreuungsdienste

Lokale psychosoziale oder psychiatrische Krisendienste sind ebenfalls rund um die Uhr erreichbar (z. B. Berliner Krisendienst 030 390 63 10).
Es ist wichtig, dass Sie wissen, was Sie tun könnten. Machen Sie sich einen Plan für das nächtliche Aufwachen. Dann brauchen Sie nur einen Blick auf den Plan zu werfen, um zu wissen, was Sie tun können.

8) Sind auch Kinder von dem Verlust betroffen, dann sprechen Sie mit ihnen darüber. Erklären Sie ihnen in einfachen Worten, was passiert ist. Beantworten Sie immer wieder ihre Fragen. Zeigen Sie ihnen gegenüber ruhig Ihre Gefühle. Kinder können Verluste gut verarbeiten, wenn sie in den Erwachsenen gute Vorbilder haben. Es gibt auch gute Bücher, die Kindern aller Altersgruppen Verlustsituationen gut erklären. Sie können diese auch online bestellen.

9) Sind Kinder von dem Verlust betroffen, dann kann es sein, dass sie in der einen Minute weinen und in der nächsten schon wieder lachen. Das ist völlig in Ordnung. Kinder verarbeiten die Trauer auf ihre Weise. Lassen Sie sie ihren Umgang damit finden.

10) Versuchen Sie, Ihren Nachrichtenkonsum etwas einzuschränken. Wenn Sie sich traurig und/oder ängstlich fühlen, kann Sie die ständige Beschäftigung mit den neuesten Nachrichten zusätzlich belasten.

(Quelle:Aeternitas e.V., Gute Trauer)

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